Sautermeister betont Dimension der "Segnungen für alle"

"In weltkirchlicher Hinsicht wegweisend"

Es ist ein Segen für nichtverheiratete, wiederverheiratet geschiedene und gleichgeschlechtlicher Paare: Die "Erklärung über die pastorale Sinngebung von Segnungen". Prof. Jochen Sautermeister betont die Bedeutung für die Weltkirche.

Segensfeier vor dem Kölner Dom (DR)
Segensfeier vor dem Kölner Dom / ( DR )

DOMRADIO.DE: Am Montag hat das Glaubensdikasterium, also die Nachfolgeinstitution der Glaubenskongregation, die Erklärung "Fiducia supplicans – über die pastorale Sinngebung von Segnungen" veröffentlicht. Sie hat in kurzer Zeit viele Reaktionen hervorgerufen. Warum?

Jochen Sautermeister, Moraltheologe und Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Bonn / © Julia Steinbrecht (KNA)
Jochen Sautermeister, Moraltheologe und Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Bonn / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister (Moralteheologe der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn): Das Aufsehenerregende daran ist, dass nun auch Segnungen nichtverheirateter, wiederverheiratet geschiedener und gleichgeschlechtlicher Paare vom Vatikan ausdrücklich erlaubt sind. Die Segensbitten sollten – so die Erklärung – "in jeder Hinsicht wertgeschätzt, begleitet und mit Dankbarkeit aufgenommen werden" (nr. 21). Denn darin äußere sich ein Vertrauen auf und ein Bedürfnis nach Gott. Daher weist die Erklärung auch jedes sanktionierende, kontrollierende, narzisstische oder autoritäre Bewusstsein von Seelsorgern und ein pastorales Streben nach "vermeintlicher doktrineller oder disziplinarischer Sicherheit" (nr. 25) zurück. In pastoraler Hinsicht wird der Segen, der von Gott kommt, bedingungslos angeboten, oder wie es in der Erklärung heißt: "Gott weist nie jemanden ab, der sich an ihn wendet!" (nr. 33).

Prof. Jochen Sautermeister

"Vielleicht könnte man von einer Entwicklung im pastoralen Lehramt sprechen."

DOMRADIO.DE: Hat sich damit die kirchliche Lehre zur Homosexualität grundsätzlich geändert?

Sautermeister: Die Erklärung will "einen spezifischen und innovativen Beitrag zur pastoralen Bedeutung von Segnungen" (Präsentation) geben. Sie hebt darauf ab, "das klassische Verständnis von Segnungen zu erweitern und zu bereichern" (ebd.). Ausdrücklich stellt sie fest, dass sie "eine wirkliche Weiterentwicklung über das hinaus, was vom Lehramt und in den offiziellen Texten der Kirche über die Segnungen gesagt wurde" (ebd.), beinhaltet.

In pastoraler Hinsicht kann man feststellen, dass es die Äußerung der Glaubenskongregation aus dem Jahr 2021, in der solche Segnungen verboten wurden und die auch auf Kritik gestoßen ist, korrigiert – auch wenn es in der Erklärung nicht so gesagt wird. Die Segnungen nichtehelicher, geschieden wiederverheirateter und gleichgeschlechtlicher Paare gelten als Sakramentalien im nicht liturgischen Kontext nun als erlaubt, wenn sichergestellt ist, dass sie nicht mit dem Sakrament der Ehe verwechselt, in eine liturgische Form gebracht oder in Verbindung mit einer standesamtlichen Trauung gefeiert werden. Seelsorger und Priester können sich bei Segensbitten nun nicht mehr auf ein kirchliches Verbot von Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare mit Verweis auf die kirchliche Lehre berufen. Das ist zweifelsohne eine Entwicklung. Vielleicht könnte man von einer Entwicklung im pastoralen Lehramt sprechen.

DOMRADIO.DE: Werden damit sogenannte irreguläre Partnerschaften also weiterhin von der Kirche nicht anerkannt?

Sautermeister: Deutlich wird in der Erklärung der pastorale Stil des neuen Präfekten des Glaubensdikasteriums, Kardinal Victor Manuel Fernández, der sich dem pastoralen Ansatz von Papst Franziskus verpflichtet weiß, wie der Papst ihn bereits in seinen Schreiben "Evangelii Gaudium“ und „Amoris laetitia" ausführt. Es geht nicht darum, die Lehre zu ändern, sondern durch eine pastorale Sicht die seelsorgerlichen Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und den jeweiligen Biografien von Menschen mit ihren Lebensumständen Rechnung zu tragen. Dem Papst geht es um eine Änderung der spirituellen und pastoralen Haltung. Eine lediglich strikte moralische Betrachtung von Segnungen greift deshalb zu kurz. Die Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare dürfen daher gemäß der Erklärung auch nicht als eine sittliche Legitimation dessen verstanden werden, was die Kirche weiterhin als moralisch inakzeptabel erachtet. Gleichwohl darf diese doktrinelle Bewertung nicht mehr dem spirituellen Wunsch nach einer Segnung und dem Segnen im Wege stehen. Denn die Segnungen – so die Erklärung – "laden nämlich dazu ein, die Gegenwart Gottes in allen Ereignissen des Lebens zu erfassen" (nr. 8).

DOMRADIO.DE: Könnte man nun nicht kritisch einwenden, dass die Erklärung des Glaubensdikasteriums hinsichtlich der bis dahin verbotenen Segnungen doppelbödig bleibt?

Sautermeister: Das würde ich so nicht sagen. Denn mit dieser Erklärung werden aus pastoralen Gründen Segnungen von Paaren in sogenannten irregulären Situationen und von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht mehr unter der Hand und im Verborgenen stillschweigend geduldet. Vielmehr werden solche Segnungen nunmehr aus einer pastoralen Haltung heraus als "pastorale[…] Ressource" (nr. 23) offiziell vom Glaubensdikasterium und vom Papst anerkannt. Niemand kann mehr solche Segnungen mit Berufung auf Rom generell verweigern. Damit mutet die Erklärung verschiedenen Richtungen durchaus etwas zu: denjenigen, die sich für eine Änderung der kirchlichen Sexuallehre aussprechen, und denjenigen, die gegen jegliche Form von Segnungen gleichgeschlechtlicher oder nichtehelicher Paare sind. Man denke nur an die starke Ablehnung, Diskriminierung bis hin zur Kriminalisierung und Todesstrafe für homosexuelle Menschen in einzelnen afrikanischen Ländern. Die Erklärung ist somit auch in weltkirchlicher Hinsicht wegweisend.

Prof. Jochen Sautermeister

"Es wird vermutlich auch Amtsträger und Gläubige geben, die sich mit dieser Entwicklung schwer tun und wohl noch lernen müssen, von der bedingungslosen Liebe Gottes als den Schöpfer aller Menschen her zu denken und zu handeln."

DOMRADIO.DE: Meinen Sie, dass damit nun die Diskussion um solche Segnungen beendet ist?

Sautermeister: Angesichts der Bedürfnisse in einigen Regionen der Welt wäre zu hoffen. Aber es gibt auch Bedenken angesichts mancher Bestrebungen. Gegen Ende des Schreibens heißt es zwar ausdrücklich: "Was in dieser Erklärung über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gesagt wird, ist ausreichend, um die umsichtige und väterliche Unterscheidung der geweihten Amtsträger in dieser Hinsicht zu leiten. Über die […] Hinweise hinaus sollten daher keine Antworten über mögliche Art und Weisen zur Normierung von Details oder praktischen Aspekten in Bezug auf Segnungen dieser Art erwartet werden." (nr. 41) 

Diese Klarstellung bedeutet jedoch nicht, dass damit alles gesagt und besprochen sei. Es wird vermutlich auch Amtsträger und Gläubige geben, die sich mit dieser Entwicklung schwer tun und wohl noch lernen müssen, von der bedingungslosen Liebe Gottes als den Schöpfer aller Menschen her zu denken und zu handeln. – Und im Übrigen: In der Weihnachtsgeschichte hören wir vom heiligen Josef, dass ihm nach intensiven Ringen bedeutet wurde Maria nicht zu verlassen, sondern sie als seine Frau anzunehmen, obwohl das Kind nicht von ihm ist. Der heilige Josef hat sich dann um das Kind Jesus und seine Mutter gesorgt und sie beschützt wie ein leiblicher Vater, z.B. bei der Flucht nach Ägypten. Und in wie vielen Patchworkfamilien finden wir diese Zuwendung und Sorge auch heute, und wie vielen Kindern wird heute Liebe, Zuneigung und Sicherheit gegeben, die in früheren Zeiten aufgrund ihrer "irregulären Familiensituation" zu leiden hätten.

Das Fragen von Ingo Brüggenjürgen beantwortete Prof. Sautermeister schriftlich.

Katholische Kirche erlaubt Segnung für homosexuelle Paare

Homosexuelle Paare können ab sofort auch in der katholischen Kirche gesegnet werden. Die vatikanische Glaubensbehörde veröffentlichte am Montag eine Grundsatzerklärung, wonach katholische Geistliche unverheiratete und homosexuelle Paare segnen dürfen. In dem Text mit dem Titel "Fiducia supplicans" (deutsch: Das flehende Vertrauen) wird betont, dass dabei eine Verwechslung mit einer Eheschließung ausgeschlossen werden muss. Auch darf ein Geistlicher den Segen nicht im Rahmen eines Gottesdienstes erteilen.

Ein Regenbogen leuchtet über dem Petersdom vor dem Beginn der wöchentlichen Generalaudienz von Papst Franziskus im Vatikan / © Gregorio Borgia (dpa)
Ein Regenbogen leuchtet über dem Petersdom vor dem Beginn der wöchentlichen Generalaudienz von Papst Franziskus im Vatikan / © Gregorio Borgia ( dpa )
Quelle:
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