Russlands Nachbarn und die Religion

Das religiöse Gefüge an Moskaus Grenzen

Während Wladimir Putin die Ukraine angreift, brechen in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten alte Konflikte wieder auf. In Osteuropa, im Kaukasus und in Vorderasien herrschen konfessionelle und religiöse Spannungen.

Russisch-orthodoxe Kirche in Moskau (shutterstock)

Religion und Ethnie gehen oft einher und wirken identitätsstiftend. Ein religionsstatistischer und geostrategischer Überblick:

Sophienkathedrale in Kiew / © Christophe Gateau (dpa)
Sophienkathedrale in Kiew / © Christophe Gateau ( dpa )

Ukraine: Bis noch vor wenigen Jahren war die Ukraine strategisch zwischen West- und Russlandbindung zerrissen; bis 2018 war das 44-Millionen-Einwohner-Land GUS-Mitglied. Die aktuelle ukrainische Regierung wünscht sich allerdings eine Nato- und neuerdings auch eine EU-Mitgliedschaft. Auch christlich-konfessionell spiegelt sich die Bipolarität zwischen West und Ost wider: Es gibt zwei orthodoxe Kirchen (nationalkirchlich bzw. russisch-orthodox); dazu die griechisch-katholische, also mit Rom verbundene Ostkirche sowie die römisch-katholische.

Rumänien: Das postkommunistische Rumänien ist seit 2004 Mitglied der Nato und seit 2007 in der EU. Mit rund 85 Prozent Bevölkerungsanteil (19,4 Millionen Einwohner) ist das Land stark rumänisch-orthodox geprägt.

Moldau/Moldawien: Die ehemalige Sowjetrepublik Moldau mit ihren 2,6 Millionen Einwohnern ist zu über 90 Prozent orthodox, allerdings verteilt auf moldauische, russische, ukrainische und bessarabische Orthodoxie. Amtssprache ist Rumänisch. Obwohl Mitglied der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, besteht ein sogenannter eingefrorener Territorialkonflikt mit Russland in Transnistrien, einem schmalen östlichen Streifen Moldaus an der Grenze zur Ukraine, der zu rund 30 Prozent von ethnischen Russen bewohnt ist. Seit

2014/16 gibt es ein Assoziierungsabkommen Moldaus mit der EU. Im Zuge des russischen Einmarsches in die Ukraine sprang auch die Republik Moldau auf den Zug auf und beantragte wie diese und Georgien einen EU-Beitritt.

Georgien: Von den 3,7 Millionen Einwohnern sind 84 Prozent georgisch-orthodox. Die ehemalige Sowjetrepublik, bis 2009 GUS-Mitglied, ist seit dem sogenannten Kaukasus-Krieg 2008 um Südossetien Feindstaat Russlands. Eine Nato-Mitgliedschaft wurde 2008 zwar avisiert, liegt aber wegen der Spannungen um Südossetien und Abchasien auf Eis. Im Zuge des russischen Einmarsches in die Ukraine beantragte auch Georgien einen EU-Beitritt.

Armenien: Das "älteste Land des Christentums", christianisiert Anfang des 4. Jahrhunderts, ist armenisch-orthodox geprägt. Mitglied der GUS und nominell mit dem ebenfalls orthodoxen Russland verbündet, wurde es aber im jüngsten Krieg mit dem muslimischen Aserbaidschan 2020 von Moskau erst sehr spät unterstützt. Politisch und kulturell ist Armenien mit seinen drei Millionen Einwohnern von all seinen muslimischen Nachbarstaaten bedrängt - Ausnahme: das orthodoxe Georgien im Norden - und in seiner Staatsfläche heute extrem beschnitten.

Aserbaidschan: Ausschließlich muslimisch geprägt (85 Prozent Schiiten, 15 Prozent Sunniten), steht Aserbaidschan in einem Dauerkonflikt mit seinem christlichen Nachbarn und GUS-Partner Armenien. 2020 eroberte das Zehn-Millionen-Einwohner-Land mit überlegenen türkischen Waffen namhafte Teile der umstrittenen Region Bergkarabach, ehe Russlands Präsident Wladimir Putin als Friedensstifter auftrat. In den vergangenen Tagen sind die Kämpfe wieder aufgebrochen. Das autoritär regierte Land soll als Energielieferant der EU für die Ausfälle aus Russland einspringen.

Blick auf Istanbul mit dem Galataturm (m.) / © Hassan Jamal (KNA)
Blick auf Istanbul mit dem Galataturm (m.) / © Hassan Jamal ( KNA )

Türkei: Das vorderasiatische Land mit 84 Millionen Einwohnern ist zu 99 Prozent muslimisch (82 Prozent Sunniten, 16 Prozent Aleviten). Seit 1952 ist die Türkei Nato-Mitglied; die jahrelangen Verhandlungen über einen EU-Beitritt landen immer wieder auf Eis, zuletzt seit spätestens 2016. Das Verhältnis der beiden regionalen Großmächte Russland und Türkei ist über die Jahrhunderte und auch gegenwärtig schwierig und schillernd, nicht zuletzt wegen Rivalitäten um die Einflusssphäre Kaukasus.

Kirgistan und Tadschikistan: Zwar sind die beiden zentralasiatischen Länder keine direkten Nachbarn Russlands, werden aber als ehemalige Sowjetrepubliken und GUS-Mitglieder von Moskau zur eigenen Einflusssphäre subsumiert. Schon seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion streiten die beiden Länder über ihren Grenzverlauf. Nun sind wieder schwere Gefechte entflammt. Das islamisch geprägte und autoritär regierte Kirgistan liegt an der Seidenstraße und hat rund 6,5 Millionen Einwohner. Der Islam mit etwa 75 bis 80 Prozent Bevölkerungsanteil ist eher moderat, auch weil die Regierung eine versuchte Einflussnahme aus Saudi-Arabien und Türkei und eine Ausbreitung von Wahhabismus und fundamentalistischem Islamismus unterbinden konnte. Im Norden des Landes gibt eine größere russische christliche Minderheit. Der Nachbar Tadschikistan hat mit 9,5 Millionen Einwohnern die größere Bevölkerung und ist mit über 90 Prozent zumeist sunnitischen Muslimen religiös homogener.

Finnland: Das skandinavische Land ist noch kein Nato-Mitglied, aber seit 1995 in der EU. Von seinen 5,5 Millionen Einwohnern sind rund zwei Drittel evangelisch-lutherisch, allerdings mit immer geringerer Kirchlichkeit. Finnlands orthodoxe Kirche ist relativ stabil bei 1 Prozent der Bevölkerung. Seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine gab es plötzlich hohe Umfragewerte für einen Nato-Beitritt, der bald erfolgen könnte.

Polen: Unser östlicher Nachbar ist seit 1999 Nato- und seit 2004 EU-Mitglied. Das 38-Millionen-Einwohner-Land ist trotz der kommunistischen Vergangenheit noch stark katholisch geprägt und in seinen heutigen Grenzen seit dem Zweiten Weltkrieg ethnisch sehr homogen.

Slowakei: Die Slowakei gehört seit 2004 Nato und EU an. 70 Prozent der 5,5 Millionen Einwohner hängen dem Christentum an; konfessionslos sind etwa 25 Prozent der Bevölkerung. Den größten Anteil hat die römisch-katholische Kirche (56 Prozent); nahe der ukrainischen Grenze gibt es auch griechisch-katholische Ruthenen (4 Prozent).

Die lettische Hauptstadt Riga / © Grisha Bruev (shutterstock)
Die lettische Hauptstadt Riga / © Grisha Bruev ( shutterstock )

Baltikum: Die drei kleinen baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen gehören ebenfalls seit 2004 zur Nato und zur EU. Hier ist die Sorge vor den Aggressoren Russland und Belarus besonders groß, auch mit Blick auf die Weltkriegsvergangenheit und die Zeit der sowjetischen Besetzung. Religionssoziologisch zeigen die drei Länder ein disparates Profil.

In Polens Nachbarland Litauen mit seinen 2,8 Millionen Einwohnern liegt der Katholikenanteil bei gut 79 Prozent. Unter den 1,9 Millionen Letten bilden Lutheraner mit etwa einem Drittel Bevölkerungsanteil die größte Glaubensgemeinschaft, gefolgt von den Katholiken mit rund 21 Prozent und einer etwas kleineren Gruppe von Orthodoxen. Lettland hat eine große russische Minderheit von etwa 27 Prozent der Bevölkerung. In Estland ist die Mehrheit konfessionslos. Insgesamt bekennen sich dort weniger als 30 Prozent zu einer christlichen Kirche, vor allem zur lutherischen und zur orthodoxen. 

Belarus: Das diktatorisch regierte Belarus mit seinen 9,4 Millionen Einwohnern ist eng mit Russland verbunden und Mitglied der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Jeder zwölfte Einwohner von Belarus ist russisch. Rund 60 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als gläubig; davon wiederum sind 82 Prozent russisch-orthodox.

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Quelle:
KNA