Reformen in der Kirche dauern OutInChurch zu lange

"Betonklotz Kirche" ins Wanken geraten?

Die OutInChurch-Forderungen sind inzwischen Teil des Katholikentags. Für Frauenrechte, für mehr Anerkennung für queere, nicht-hetereosexuelle Personen. Doch wie viel Zeit bleibt, bevor Hoffnungsvolle endgültig ihre Kirche verlassen?

#OutinChurch fordert Gleichberechtigung in der Kirche auch für nicht-heterosexuelle Personen / © LikClick (shutterstock)
#OutinChurch fordert Gleichberechtigung in der Kirche auch für nicht-heterosexuelle Personen / © LikClick ( shutterstock )

Wolfgang Buchmeier kann viele Beispiele erzählen von Homosexuellen, die in der katholischen Kirche schlechte Erfahrungen gemacht haben, die Angst hatten, ihr Privatleben verheimlichten. Von Beziehungen, die darunter litten, dass Paare sich nicht trauten, zusammen Hand in Hand durch die Innenstadt zu schlendern oder gemeinsam auf eine Feier zu gehen, aus Sorge um ihren Arbeitsplatz bei Bistümern oder katholischen Trägern.

Bewegung in der Kirche?

"Jetzt endlich bewegt sich etwas in der katholischen Kirche", ist Buchmeier überzeugt. Er arbeitet im Vorstand der ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) mit, die auf dem Katholikentag in Stuttgart mit einem Stand vertreten ist. Dieser Wandel sei auch der Initiative OutInChurch zu verdanken, die zuletzt öffentlichkeitswirksam den Blick auf die Lage von nicht-heterosexuellen Menschen in der katholischen Kirche lenkte.

Initiative "#OutInChurch" mit Bischöfen (Archivbild) / © Ingo Brüggenjürgen (DR)
Initiative "#OutInChurch" mit Bischöfen (Archivbild) / © Ingo Brüggenjürgen ( DR )

Ende Januar outeten sich mehr als hundert Menschen im kirchlichen Dienst als queer und forderten Änderungen beim kirchlichen Arbeitsrecht. Queer ist dabei ein Sammelbegriff für sexuelle Minderheiten, unter denen Homosexuelle die größte Gruppe sind.

Mit großer Wirkung: Manche Bistümer wie Aachen, Essen, Paderborn, Münster oder Trier sagten öffentlich zu, auf arbeitsrechtliche Konsequenzen für homosexuelle oder zivil wiederverheiratete Mitarbeitende zu verzichten. Eine Kündigung aufgrund der persönlichen Lebensführung sei damit ausgeschlossen. Die deutschen Bischöfe kündigten außerdem an, das kirchliche Arbeitsrecht zu überarbeiten.

Änderungen dauern - zu lange?

Doch konkrete Änderungen dauerten viel zu lange, darin sind sich OutInChurch-Vertreter und Kämpferinnen für Frauenrechte bei einer Diskussion am Katholikentag einig. Die Ordensfrau Philippa Rath sprach von bröckelnden Ängsten und sich öffnenden Türen. "Das ist alles ein Zeichen, dass der Betonklotz Kirche ins Wanken geraten ist", betonte sie. Die "Buntheit" müsse im Alltag und der Gesamtstruktur der Kirche gelebt werden - was einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel brauche. Dazu dürfe der Druck der Basis auf die Bischöfe nicht nachlassen.

Genau diesen Druck verspürt nach eigener Aussage der Aachener Bischof Helmut Dieser. "Ich stehe für die, die verhindern wollen. Das ist ein dramatisches Bischofsbild." Zugleich äußerte er sich optimistisch im Blick auf kirchliche Reformen zu Homosexualität und Änderungen am kirchlichen Arbeitsrecht. Die Frauenfrage sei womöglich "das größte Thema", das auch nicht als "deutsches Sonderthema eingezäunt" werden dürfe - und über das möglicherweise letztlich ein weltweites Konzil der katholischen Kirche entscheiden müsse.

Jens Ehebrecht-Zumsande / © privat
Jens Ehebrecht-Zumsande / © privat

Doch die Aussicht geht Jens Ehebrecht-Zumsande, Mitinitiator von OutInChurch, nicht weit genug. Eine Weiterentwicklung der kirchlichen Sexualmoral greife zu kurz: "Wir brauchen einen Bruch mit diesem menschenverachtenden Lehrgebäude und keine Weiterentwicklung", sagte er. Bestimmte Aussagen ließen sich nicht korrigieren, sondern müssten gestrichen werden.

Einiges hat sich schon geändert

Buchmeier verweist dennoch auf die positiven Entwicklungsschritte: Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als Lesben und Schwule im offiziellen Katholikentags-Programm nicht willkommen waren und stattdessen bei der Gegenveranstaltung "Katholikentag von unten" mitwirkten. Heute schauten manche Bischöfe "ganz selbstverständlich" für einen Plausch am Stand vorbei, so in den vergangenen Tagen in Stuttgart die Bischöfe Georg Bätzing und Peter Kohlgraf.

An den rechtlichen Aspekten ändert der gute persönliche Kontakt und die OutInChurch-Präsenz auf dem Katholikentags aber nichts. Im schlechten Fall ende die angestoßene Entwicklung in einem "Pinkwashing zur Schadensbegrenzung", befürchtet die Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Brigitte Vielhaus. Es müsse endlich gehandelt werden. Und Buchmeier ergänzt: "Wir brauchen eine einladende Kirche und keine, die aussortiert."

#OutInChurch

Es ist eine große konzertierte Aktion: Auf einer Internetseite und im Rahmen einer Fernsehdokumentation haben sich 125 Menschen in der katholischen Kirche geoutet. Sie alle sind haupt- oder ehrenamtlich in der Kirche tätig und zugleich Teil der queeren Community, wie die Initiative "#OutInChurch - für eine Kirche ohne Angst" mitteilte. Die Initiative fordert unter anderem, das kirchliche Arbeitsrecht so zu ändern, "dass ein Leben entsprechend der eigenen sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität" nicht zur Kündigung führe. (KNA, 24.1.2022)

 © Julia Steinbrecht (KNA)
© Julia Steinbrecht ( KNA )
Autor/in:
Anne Fries
Quelle:
KNA