Reaktionen auf das Münchner Missbrauchsgutachten

"Mich bewegt und beschämt das sehr"

Der Münchner Generalvikar Klingan hat das neu vorgelegte Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München als "gewichtigen Baustein" bei der Aufarbeitung gewürdigt. Kritik kommt aus der Politik und von kirchlichen Gruppen.

Münchner Missbrauchsgutachten / © Sven Hoppe/DPA-Pool (KNA)
Münchner Missbrauchsgutachten / © Sven Hoppe/DPA-Pool ( KNA )

"Mich bewegt und beschämt das sehr", sagte Generalvikar Klingan nach der Übergabe der vier Bände durch die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl am Donnerstagvormittag. Er dankte Betroffenen, die bereit seien, mit der Kirche über die Konsequenzen zu sprechen.

Klingan wiederholte, dass sich das Erzbistum am kommenden Donnerstag bei einer Pressekonferenz näher zu dem Gutachten äußern werde. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx, dessen Fernbleiben von der Vorstellung des Gutachtens durch die Anwälte kritisiert wurde, will am Donnerstagnachmittag ein Statement abgeben. In Kirche und Politik wurde das Gutachten und das kirchliche Vorgehen teils sehr kritisch gesehen.

Rörig: "Beschämende Halbherzigkeit"

Missbrauchsgutachten: Schwere Vorwürfe gegen Benedikt XVI. und Kardinal Marx

Das lange erwartete Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München-Freising belastet amtierende und frühere Amtsträger schwer, darunter auch den emeritierten Papst Benedikt XVI.

Joseph Ratzinger habe sich in seiner Amtszeit als Münchner Erzbischof (1977-1982) in vier Fällen fehlerhaft verhalten, heißt es in der am Donnerstag in München vorgestellten Untersuchung der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, werfen die Anwälte unter anderem vor, sich nicht ausreichend um Fälle sexuellen Missbrauchs gekümmert zu haben.

Münchner Missbrauchsgutachten / © Sven Hoppe/DPA-Pool (KNA)

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat mit Blick auf das Münchner Gutachten das Verhalten "ranghoher Kleriker" scharf kritisiert. Das "vollständige Nicht-Wahrnehmen" der Betroffenen verschlage sogar ihm beinahe die Sprache, sagte Rörig auf Anfrage am Donnerstag in Berlin. Ihn verstöre auch der Pragmatismus, mit dem "sexueller Missbrauch wegverwaltet worden ist". Bei der Aufarbeitung von Missbrauch gebe es eine "beschämende Halbherzigkeit". Weiter erklärte Rörig, für ihn sei es sehr positiv, dass die Gutachter die Beteiligung von Betroffenen als extrem wichtig eingeordnet und die Notwendigkeit eines "geschützten Raums" betont hätten. Dies sei auch bei der Gemeinsamen Erklärung der Bistümer und Ordensgemeinschaften, die 2020 unterzeichnet worden sei, berücksichtigt worden. Er appelliere an die Ampelkoalition, die Aufarbeitungskommission zu stärken, sie gesetzlich zu verankern und ihr Kontroll- und Beratungsrechte zu geben.

Vatikan sagt erstmal nichts

Zum Missbrauchsgutachten des Erzbistums München-Freising will sich der Vatikan vorerst nicht äußern. Der Heilige Stuhl sehe sich "verpflichtet, dem Dokument, dessen Inhalt ihm derzeit nicht bekannt ist, gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen", erklärte Vatikan-Sprecher Matteo Bruni am Donnerstag auf Anfrage. Man werde in den folgenden Tagen "Einsicht in den Text nehmen und in der Lage sein, ihn im Einzelnen zu prüfen".

In dem Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) wird der frühere Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) belastet. Die Anwälte der Kanzlei werfen ihm zum einen Fehlverhalten in vier Fällen vor während seiner Amtszeit als Erzbischof von München und Freising (1977-1982).

Zum anderen äußern sie erhebliche Zweifel an der von ihm behaupteten Unkenntnis. Diese sei mit den aus den Akten gewonnenen Erkenntnissen bisweilen "kaum in Einklang zu bringen". Ratzingers komplette Stellungnahme mit einem Umfang von 82 Seiten wird mit seiner Einwilligung zusammen mit dem Gutachten veröffentlicht.

Kritik von der SPD

Der Religionsbeauftragte der SPD im Bundestag, Lars Castellucci, hat mit Blick auf das vorgestellte Münchner Gutachten zu Missbrauch eine allein von der Kirche geleistete Aufarbeitung scharf kritisiert. "Keiner kann sich selbst aufklären, dafür gibt es unseren Rechtsstaat", sagte Castellucci am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin. Es könne nicht sein, dass der "Schutz der Organisation größer geschrieben wird als der Schutz der Menschen. Transparenz und Unabhängigkeit müssen gestärkt werden". Weiter betonte er, das Gutachten bestätige sowohl die bisher bekannten Dimensionen sexualisierter Gewalt im Rahmen der Kirchen als auch den mangelhaften Umgang damit. Insbesondere erschreckend sei das jahrzehntelange fehlende Interesse an den Betroffenen und dem ihnen zugefügten Leid.

Kirchenrechtler wirft Benedikt Unwahrheit vor

Als historische Zäsur sieht der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller das jüngste Münchner Missbrauchsgutachten. Mit seiner Stellungnahme zu dem Gutachten habe Joseph Ratzinger "die letzte Chance verspielt, reinen Tisch zu machen mit seiner Verantwortung als Erzbischof von München und Freising für seine Vertuschung von Sexualstraftaten", sagte Schüller der Düsseldorfer "Rheinischen Post" (Freitag).

Chronik des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche

Januar 2010: Der Leiter des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin, Pater Klaus Mertes, macht durch einen Brief an ehemalige Schüler den Missbrauchsskandal an seiner Schule bekannt. Jesuiten hätten in den 1970er und 80er Jahren Schüler sexuell missbraucht. Er löst damit eine Welle von Enthüllungen zu Missbrauchsfällen in der Kirche, aber auch in Schulen und anderen Institutionen aus.

 (DR)

Nach den Worten Schüllers überführt das Gutachten Benedikt "der Unwahrheit". Es zeige, dass er "zum einen alles über den Essener Priester H. gewusst, über dessen Seelsorgeeinsatz entschieden hat und bei der entscheidenden Sitzung anwesend war". Für Schüller, der Direktor am Institut für Kanonisches Recht der Universität Münster ist, hat Benedikt XVI. damit "die bekannte Karte des Vergessens und Nicht-gewusst-Habens" gespielt.

Klerikale Missbrauchstäter

Der Sprecher des Eckigen Tisches, Matthias Katsch, sieht das um den emeritierten Papst Benedikt XVI. aufgebaute Lügengebäude um einen klerikalen Missbrauchstäter zum Einsturz gebracht. Mit Blick auf das Gutachten sagte Katsch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), es sei nun klar, dass Joseph Ratzinger als Erzbischof von München und Freising mitverantwortlich sei. So habe er 1980 entschieden, einen wegen Missbrauchs beschuldigten Priester aus der Diözese Essen im Erzbistum aufzunehmen.

Er sei ziemlich mitgenommen von der Vorstellung, dass durch die Entscheidung, den Täter nach München zu holen, so viele noch zu Opfern geworden seien, sagte Katsch. Diese Opfer hätte es nicht gegeben, wenn anders verfahren worden wäre: "Natürlich sind auch noch im Nachgang viele Fehler gemacht worden, aber diese eine Entscheiddung hat alles Weitere nach sich gezogen."

Die horrenden Zahlen der Opfer seien eigentlich nichts Neues gewesen, erklärte Katsch. Auch von der Verantwortungslosigkeit an der Spitze habe man gewusst. Dennoch habe die Art und Weise, wie das Gutachten von der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl präsentiert worden sei, in seiner Klarheit eine neue Qualität. "Wir hoffen sehr, dass die Erschütterung, die nicht nur ich gespürt habe in dem Moment dazu beiträgt, dass da jetzt was Neues aufgebaut wird." Dass in der Kirche alle so weiter machten wie bisher, funktioniere nicht mehr.

"Wir sind Kirche" fordert Schuldeingeständnis

Die katholische Bewegung "Wir sind Kirche" fordert nach der Präsentation des Missbrauchsgutachtens vom emeritierten Papst Benedikt XVI. ein persönliches Schuldeingeständnis. Anstatt "immer neue wenig glaubwürdige Dementi" zu geben, solle sich der frühere Erzbischof von München und Freising (1977-1982) seiner "kirchenstrukturellen wie moralischen Verantwortung" stellen, teilte "Wir sind Kirche" am Donnerstag mit. Mit einem solchen Schritt könnte er "ein großes Vorbild" für andere sein.

Das Missbrauchsgutachten zeigt laut "Wir sind Kirche" erschreckende Einblicke in das mangelnde Verantwortungsbewusstsein klerikaler Amtsinhaber. Der Schutz der Institution habe für sie absoluten Vorrang gehabt, Betroffene sexualisierter und anderer Gewalt seien "kaum im Blick" gewesen. Das neue Gutachten verdiene "zu Recht große Aufmerksamkeit", weil es mit der sehr ausführlichen Darstellung des Falles "Pfarrer H." das toxische Muster von Vertuschung aufzeige und zugleich die "immer zwielichtiger werdende Rolle" des früheren Papstes als Münchner Erzbischof aufzeige.

"Organisierten Verantwortungslosigkeit"

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) fordert ein Ende "der organisierten Verantwortungslosigkeit" in der Kirche. ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp kritisierte am Donnerstag in Bonn zugleich den emeritierten Papst Benedikt XVI. und früheren Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger, der Missbrauchstäter im Priesteramt belassen und immer wieder versetzt habe. Dass der emeritierte Papst in seiner aktuellen Stellungnahme offenbar nach wie vor kein Fehlverhalten einräume, sei erschreckend, so die ZdK-Präsidentin.

Sie stelle sich die Frage, ob die Kirchenleitungen ohne politischen Druck ihrer persönlichen Verantwortung gerecht würden. "Im Gegenteil vermitteln Statements von Leitungspersönlichkeiten, dass sie zu keinem Zeitpunkt Entscheidungsgewalt innegehabt hätten." Schuld werde nicht eingestanden, sondern vergessen oder vertuscht. Das Gutachten mache deutlich, "dass auf die Betroffenen bis 2010 keinerlei Rücksicht genommen wurde", fügte die ZdK-Präsidentin hinzu.

Aber das Ausbleiben überzeugender Strukturreformen danach zeige auch, dass rechtswidrige Verhaltensweisen bis in die Gegenwart reichten. Der Perspektivwechsel sei nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals schlecht gelungen. "Auch im Jahr 2022 heißt die bittere Realität: Das System der Vertuschung, des Vergessens und der schnellen Vergebung ist nicht aufgebrochen worden", so Stetter-Karp.

Die ZdK-Präsidentin forderte eine externe Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Sie glaube nicht mehr daran, dass die Kirche die Aufarbeitung allein schaffe. Zu zögerlich seien viele Bistümer daran gegangen, unabhängige Kommissionen einzusetzen. Es gehe nur schleppend voran. Das Münchner Gutachten belege zudem, dass unabhängige Ombudsstellen für Betroffene von sexueller Gewalt eingerichtet werden müssten und auch die Gemeinden, in denen Täter gearbeitet und gelebt hätten, in die Aufarbeitung einbezogen gehörten.

Quelle:
KNA
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