DOMRADIO.DE: Meine Jugend fand in den 80ern statt – da waren Sie schon "on air". Erst bei Radio Bremen, später beim hr. Wer hat Sie so sehr inspiriert, dass Sie auch 2026 immer noch Sendungen moderieren?
Werner Reinke (Moderator beim Hessischen Rundfunk): Es begann eigentlich mit Entzug: Bis ich 14 war, hatten wir zu Hause überhaupt kein Radio. Ich nehme an, mein Vater war vom Reichsrundfunk so geprägt, dass er sagte: "So ein Skandalkasten kommt mir nicht ins Haus." Mit 14 bekam ich dann ein Radio, und dadurch wurde es umso spannender.
Mein großer Inspirator war damals ein Mann von Radio Bremen: Günther Bollhagen. Er hatte eine großartige Sendung, die "Plattenpromenade" hieß. Da liefen originelle, besondere Sachen, das hat mich tief beeindruckt. Später durfte ich ihn sogar kennenlernen, weil ich ihn mit importierten Platten für seine Sendung versorgt habe. Irgendwann habe ich ihn dann gefragt: "Was muss man eigentlich machen, wenn man so etwas machen will wie Sie?" Und er hat mir geholfen, Sprecherzieher zu finden. Der Rest entwickelte sich dann langsam.
DOMRADIO.DE: Ich habe Mitte der 90er mein Volontariat in NRW gemacht, noch mit Bandmaschinen und CDs. Seitdem hat sich Radio enorm verändert. Es wurde auch oft totgesagt. Wie halten wir das Medium auf Kurs?
Reinke: Ganz sicher nicht mit der Entwicklung, die wir heute häufig sehen: dass Redaktionen nur noch darauf warten, was irgendwelche Beraterfirmen empfehlen – und wenn die Hörer weglaufen, wechselt man eben die Beraterfirma. Das ist nicht der Weg.
Der Weg des Radios in die Zukunft ist der Blick in die Vergangenheit. Es muss wieder mehr bewusst hergestellte, originelle Sendungen geben. Wir arbeiten beim Rundfunk – und Rundfunk heißt: Ich habe einen Einfall und funke ihn in die Runde. Es heißt nicht: Ich habe keinen Einfall, gehe in die Kneipe und frage: "Was wollt ihr hören?"
Also: kreative Menschen ranlassen. Und auch mal ertragen, dass sie am Anfang Fehler machen. Dann führt man sie sanft auf den richtigen Weg. So war das bei mir auch. Ich hatte Kollegen, die mich geprägt haben – in Bremen etwa Hans Peltas, in Frankfurt mein großes Idol Hans Veeser.
Ich erinnere mich an einen Satz, der mich umgehauen hat: Er sagte nach einer "Hitparade", die er gehört hatte: "Sehr schön. An ein, zwei Stellen habe ich mich gefragt, ob du nicht eine Spur kleiner kannst." Ab da habe ich mich immer gefragt: Bin ich vielleicht zu groß? Genau solche Hinweise helfen.
DOMRADIO.DE: In Ihrer hr1-Sendung "Reinke am Samstag" haben Sie ja oft internationale Musikstars zu Gast. Sind Sie da vorher oder während der Show noch aufgeregt?
Reinke: Eigentlich nicht aufgeregt – aber konzentriert, auf jeden Fall. Ich weiß ja: Die Leute, die mir da gegenübersitzen, haben ihr zehntausendstes Interview gegeben. Wenn ich dann frage: "Du hast eine neue Platte raus – erzähl mal", schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen. Man muss also vorbereitet sein.
Und das Schöne ist: Wenn du Gäste im Studio hast, eint euch der Wunsch, eine gute Sendung abzuliefern. Da kommt kein internationaler Star rein und sagt: "So, jetzt ruiniere ich dem Reinke mal seine Radioshow." Das macht es dann meistens spaßig und leicht.
DOMRADIO.DE: Über das Alter haben wir noch gar nicht gesprochen…
Reinke: Stimmt – das kann man elegant verkleiden. Der Weltradiotag wurde 2012 von der UNESCO initiiert, zur Erinnerung an die Gründung des United Nations Radio am 13. Februar 1946. Das ist jetzt 80 Jahre her. Und die Zahl 46 ist schön: Sie teilt sich in 4 und 6. Denn vier Monate und sechs Tage nach der Gründung des United Nations Radio bin ich geboren.
DOMRADIO.DE: 79 also – morgen wieder Sendung. Wie lange wollen Sie insgesamt noch Radio machen?
Reinke: Das ist eine häufig gestellte Frage. Ich beantworte sie immer stereotyp, weil ich es auch nicht besser weiß. Natürlich spielt das Alter eine Rolle. Aber es gibt den Kollegen Bob Rogers – der hat mit über 90 in Sydney noch gesendet. Insofern gibt es Hoffnung.
Im Grunde ist es einfach: Es muss drei Parteien Spaß machen. Erstens den Hörern. Zweitens dem Hessischen Rundfunk. Und drittens mir. Und wenn alle drei sagen: "Ja, macht uns noch Spaß", habe ich keinen Grund aufzuhören.
Das Gespräch führte Carsten Döpp.