Marc Frings, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, spricht auch im Jahr 2026 in der Podcast-Reihe "Fings fragt" mit Menschen aus Politik, Journalismus und Gesellschaft. Albrecht von Lucke ist sein erster Gast und analysiert zu Beginn des Gespräches die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.
Er sieht das Ergebnis als Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels im Parteiensystem. Die vormals großen Parteien seien "mit allen drei Parteien angeschlagen", besonders die SPD befinde sich in einer existenziellen Krise. Gleichzeitig deutet er die Ergebnisse als Chance für politische Erneuerung. Prägend sei ein neuer Typus von Wahlkampf, den er als "Koalitionsanbahnungswahlkampf" beschreibt: Parteien kämpften weniger um Machtwechsel als um die Führungsrolle innerhalb absehbarer Koalitionen. Das führe zu "ausgesprochen profillosen" Kampagnen, da sich potenzielle Partner nicht zu stark angreifen wollten.
Wächst die AfD trotz oder wegen der Kirchenappelle?
Diese Entwicklung begünstige vor allem die AfD. Sie profitiere davon, "als einzige fundamentale Opposition" aufzutreten und Frustration zu bündeln. Von Lucke warnt vor einer strukturellen Verschiebung: Die AfD sei längst nicht mehr nur Protestpartei, sondern erreiche auch das Bürgertum und verankere sich gezielt lokal. Das Parteiensystem drohe sich so zu verengen, dass immer gleiche Koalitionen gegen eine starke radikale Opposition stehen – ein Szenario, das die AfD politisch weiter stärke.
Ein zentraler Teil des Gesprächs widmet sich der Rolle der Kirchen. Von Lucke sagt, die AfD sei "eine Partei der völligen Unchristlichkeit", die jedoch christliche Symbolik instrumentalisieren könne. Gerade deshalb müssten die Kirchen klarer Stellung beziehen. Wörtlich fordert von Lucke, der evangelischer Christ ist: "Ich halte die kirchliche Stimme noch für zu zurückhaltend." Die Kirchen liefen Gefahr, an Glaubwürdigkeit zu verlieren, wenn sie sich nicht offensiver gegen politische Instrumentalisierung des Glaubens stellten.
Mischt sich Kirche zu wenig ein?
Zugleich beschreibt er das Dilemma kirchlichen Handelns: Politische Einmischung ziehe sofort den Vorwurf nach sich, zu säkular zu sein. Dennoch plädiert er für mehr Engagement, besonders wenn Kriege mit dem Glauben begründet würden: "Ich glaube, es ist eine Notwendigkeit, gegen diesen absoluten Missbrauch des Glaubens die Stimme zu erheben." Dabei zieht er historische Parallelen, etwa zur Rolle von Papst Johannes Paul II. im Kalten Krieg, und sieht darin ein Vorbild für heutige Klarheit.
Im dritten Teil weitet sich der Blick auf die internationale Politik, insbesondere den Krieg zwischen den USA/Israel und dem Iran. Von Lucke diagnostiziert eine fundamentale Erosion des Völkerrechts durch die Politik Donald Trumps. Dessen Haltung – "Ich brauche kein Völkerrecht" – stehe exemplarisch für eine neue, machtpolitische Weltordnung. Europa befinde sich dadurch in einer prekären Lage, da es sicherheitspolitisch abhängig bleibe, aber zugleich normative Grundlagen schwinden.
Johannes Paul II. als Vorbild für Politik-Kritik
Gerade hier sieht von Lucke erneut eine besondere Verantwortung der Kirchen. Anders als Regierungen seien sie nicht an nationale Interessen gebunden, sondern könnten als moralische Instanz auftreten. Sein Appell ist deutlich: Die Kirchen sollten "ein lauteres Wort" erheben gegen Kriege und die Zerstörung der internationalen Ordnung.
Insgesamt zeichnet das Gespräch das Bild einer doppelten Krise: einer innenpolitischen Erosion klassischer Parteienstrukturen und einer außenpolitischen Destabilisierung der Weltordnung. In beiden Feldern misst von Lucke den Kirchen eine wichtige, bislang jedoch zu zurückhaltend wahrgenommene Rolle zu.