Pfarrerin warnt vor gefährlichen Folgen von Einsamkeit

"Einsamkeit ist mehr als Gefühlsduselei"

Einsamkeit gehört zum Menschen. Manche begegnen ihr nur punktuell im Leben, bei anderen bleibt sie länger. Das kann Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Die Pfarrerin und Diakoniewissenschaftlerin Stephanie Hecke kennt die Gründe.

Autor/in:
Verena Tröster
Symbolbild Einsamkeit / © Johnstocker Production (shutterstock)
Symbolbild Einsamkeit / © Johnstocker Production ( shutterstock )

Himmelklar: Sie gehören nicht zur gefährdeten Gruppe der Einsamen, oder?

Stephanie Hecke (Pfarrerin und Diakoniewissenschaftlerin): Wenn man ganz klassisch an Einsamkeit denkt, dann gehöre ich nicht zu den klassischen Einsamen, weil ich in einer Partnerschaft lebe, ein soziales Umfeld habe und eine Familie, Freundschaften und einen Job habe.

Stephanie Hecke, Pfarrerin und Diakoniewissenschaftlerin / © Tobias Bugala
Stephanie Hecke, Pfarrerin und Diakoniewissenschaftlerin / © Tobias Bugala

Trotzdem würde ich sagen, ich gehöre zu den potenziell Einsamen, weil ich davon ausgehe, dass eigentlich jeder Mensch ein potenziell einsamer Mensch ist. Wir alle haben Einsamkeitserfahrungen, ganz egal, in welchen Konstellationen wir leben.

Himmelklar: Wo haben Sie Einsamkeitserfahrungen gemacht?

Hecke: Eine Erfahrung, die mir sehr gut in Erinnerung ist, war meine erste und deutlichste Erfahrung mit der Einsamkeit, die ich hatte, als ich zum ersten Mal allein in den Urlaub gefahren bin. Das kennen vielleicht manche, die auch gerne allein verreisen.

Es war gar nicht diese Reise an sich, die hat gut funktioniert und mir viel Freude gemacht. Es war eine besondere Erfahrung in dem Urlaub, nämlich das Abendessen im Hotel. Das wiederum kennen, glaube ich, viele Menschen, wenn man mal allein essen geht.

Das war für mich schon wirklich eine besondere Erfahrung. Ich bin in das Restaurant gegangen und habe mich total auf das Abendessen gefreut. Dann wurde ich vom Kellner schon etwas komisch angeschaut, weil ich als junge Frau allein kam. 

Dann hat er zweimal nachgefragt, ob ich wirklich allein bin. Ich habe zweimal gesagt: Ja, ich möchte allein zu Abend essen. Er hat mich dann an einen Tisch geführt, der aber für zwei Personen eingedeckt war.

Himmelklar: Und dann wird ein Gedeck weggeräumt …

Hecke: Ja, und das ist schon ein komisches Gefühl. Da habe ich mich am Anfang wirklich unwohl gefühlt. Als ich dort länger saß, bin ich richtig einsam geworden. Ich habe um mich herum die Menschen beobachtet und wahrgenommen. Ich war die Einzige, die allein essen war. 

Das mache ich eigentlich häufig. Ich gehe auch gerne allein ins Café, da ist mir das noch nie aufgefallen. Aber diese Situation – Abendessen – ist echt etwas Besonderes.

Stephanie Hecke

"Ich habe jedoch gemerkt, dass es keine große Krise oder eine Katastrophe im Leben braucht, um sich einsam zu fühlen." 

Da waren überall Menschen um mich herum. Es war eine ausgelassene, schöne Atmosphäre, und ich habe mich mit jedem Moment einsamer gefühlt. Das ist so ein kleiner Moment, der war nicht schlimm. Ich habe jedoch gemerkt, dass es keine große Krise oder eine Katastrophe im Leben braucht, um sich einsam zu fühlen. Diese Erfahrung machen wir alle hin und wieder.

Himmelklar: Was macht dieses Gefühl der Einsamkeit aus? Es ist nicht das Alleinsein an sich. Ist es die fehlende Ansprache?

Hecke: Ja, fehlende Ansprache gehört sicher dazu. Auf jeden Fall ist es nicht das Alleinsein. Das ist  ein großer Unterschied. Das Alleinsein beschreibt für mich viel eher einen Zustand. Bin ich allein? Sind da noch Menschen um mich herum oder nicht? In diesen Situationen, wie im Restaurant, war ich nicht allein, da waren Menschen um mich herum.

Stephanie Hecke

"Das Alleinsein ist ein Zustand und das Sich-einsam-fühlen ist ein Gefühl."

Andererseits fühle ich mich nicht automatisch allein, wenn ich allein in meiner Wohnung bin. Das ist der Unterschied. Das Alleinsein ist ein Zustand und das Sich-einsam-fühlen ist ein Gefühl. Das ist eine Wahrnehmung, die jeder Mensch ganz unterschiedlich empfindet.

Im ganz Groben kann man sagen, dass man sich dann einsam fühlt, wenn man einen negativen Unterschied spürt zwischen den Beziehungen, die man sich wünscht, und den Beziehungen, die man tatsächlich hat. Das kann über einen längeren Zeitraum sein, es kann aber auch punktuell sein, wie in diesem Restaurantbeispiel. In diesem einen Moment habe ich mir jemanden gewünscht, der dann da ist.

Wenn es einen Unterschied gibt zwischen den Beziehungen, die ich mir wünsche, sowohl von der Anzahl der Menschen, als auch von der Qualität dieser Beziehungen, und denen, die tatsächlich da sind.

Himmelklar: Sie haben ein Buch über die Einsamkeit geschrieben: "Die stille Gefährtin". Ist die Einsamkeit demnach eine Gefährtin, die jeden Menschen durchs Leben begleitet und mal stärker zum Vorschein kommt und mal weniger stark da ist?

Hecke: Ja, ich würde das genauso beschreiben, dass Einsamkeit zu den Gefühlen gehört und dass das einfach menschliches Leben ausmacht. Genauso, wie wir Menschen im Lauf unseres Lebens mal Trauer empfinden, genauso wie wir aber auch tiefe Freude oder großes Glück empfinden können, gehört auch Einsamkeit und Phasen der Einsamkeit zum menschlichen Leben mit dazu. Dieses Gefühl ist deswegen wie eine Gefährtin, die das ganze Leben so ein Stück weit mit uns geht.

Es gibt jedoch einen großen Unterschied. Wenn wir nicht so stark unter der Einsamkeit leiden, gibt es Episoden oder Phasen oder Erlebnisse, wie das, was ich aus dem Restaurant geschildert habe, in denen wir uns mal einsam fühlen und dann auch wieder nicht mehr.

Das verändert sich dann, wenn Menschen sich über einen längeren Zeitraum oder wirklich intensiv einsam fühlen. Dann ist es keine Gefährtin mehr, die kommt und geht, sondern dann wird sie wirklich zu einer Begleitung. Dann tritt eine Situation ein, in der Einsamkeit für Menschen wirklich gefährlich werden kann, in der sie uns krank machen kann und in der wir an uns selbst zweifeln.

Da müssen wir unterscheiden zwischen der Einsamkeit, die wir alle kennen und die zum Leben dazu gehört, und zwischen den Formen von Einsamkeit, die Menschen in große Lebenskrisen stürzen können.

Himmelklar: Ganz spannend im Zusammenhang mit Einsamkeit ist die Frage, wie persönliche Einsamkeitserfahrungen von Menschen auf unsere Gesellschaft wirken, politisch zum Beispiel. Einsamkeit beeinflusst die politische Meinungsbildung.

Hecke: Ja, es gibt eine aktuelle Studie unter jungen Menschen, die das Erleben von Einsamkeit und die politische Einstellung untersucht. Das Hauptergebnis ist, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Einsamkeitserfahrungen und antidemokratischen Haltungen gibt. Einsame junge Menschen radikalisieren sich viel häufiger als ihre Vergleichsgruppe, die sich nicht einsam fühlt. Sie nehmen auch häufiger extreme politische Meinungen an.

Stephanie Hecke

Viele Menschen fühlen sich mit ihrer Lebenssituation nicht verstanden, gehört und gesehen.

Das gibt es bisher nur für junge Menschen, aber ich denke, bei erwachsenen Menschen wäre das wahrscheinlich nicht anders. Ich glaube, was dahintersteht, ist eine Wahrnehmung, über die wir schon gesprochen haben und die bei uns total verbreitet ist, dass viele Menschen sich mit ihrer Lebenssituation nicht verstanden fühlen, sich nicht gehört und gesehen fühlen.

Himmelklar: Einsamkeit hat demnach Auswirkungen auf das staatliche Gefüge?

Hecke: Ja. Menschen, die das Gefühl haben, dass sie hier in diesem Land auch in ihrer politischen Meinung sowieso nicht ernst genommen, gehört oder gesehen werden, sind zum Beispiel eher dazu bereit, nicht mehr zu wählen. Sie sind auch eher dazu bereit, sich radikalen oder radikalisierten politischen Gruppierungen anzuschließen.

Insofern ist es eine wichtige Tendenz, die jetzt gerade in diese Zeit passt, in der wir merken: Einsamkeit ist viel mehr als nur Gefühlsduselei. Das ist es gar nicht, sondern ein Phänomen, das uns persönlich betrifft, unsere Gesundheit betrifft, aber eben auch politische Einstellungen betrifft.

Himmelklar: Kann das auch eine Folge dessen sein, dass bei vielen Menschen der Glaube, Gemeinde und Gemeinschaft wegfallen, dass die Kirche in den Dörfern, in den Stadtteilen keine große Rolle mehr spielt?

Hecke: Ja, ich glaube schon. Eine Sache, die mit verloren geht, wenn wir uns einsam fühlen, ist, dass wir einen Verlust haben an Menschen, mit denen wir dieselben Werte teilen. Das ist etwas, was traditionell die Kirche und die Kirchengemeinde übernommen hat.

Dort sind Menschen zusammengekommen, die in religiöser Hinsicht dieselben Werte teilen. Das geht auf jeden Fall einher, der Bedeutungsverlust von Kirche, aber auch dass sich Kirche ein bisschen zurückgezogen hat oder dass Menschen die Formen heutzutage weniger annehmen.

In irgendeiner Weise bräuchte es neue Formate, in denen Menschen zusammenkommen, um über das zu sprechen, was ihre Werte sind, was sie nicht hergeben wollen in ihrem Leben, was ihnen so wichtig ist, dass sie dafür alles aufs Spiel setzen würden.

Deswegen ist es wichtig, neue Formen von Verbundenheit und Zugehörigkeit zu schaffen, das wäre in meinen Augen eine große und wichtige Aufgabe von Kirche, aber natürlich auch von anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Als Pfarrerin und als Theologin sehe ich da auf jeden Fall in unseren eigenen Verantwortlichkeiten eine große Aufgabe.

Das Interview führte Verena Tröster.

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Himmelklar (DR)
Himmelklar / ( DR )
Quelle:
DR

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