Philosoph Sloterdijk sieht Menschheit als autodidaktisches Experiment

Das Katholische enthält eine großartige Utopie

Der Philosoph Peter Sloterdijk kann dem Begriff des Katholischen als Utopie für etwas Allumfassendes viel abgewinnen. In der Kölner Kirche "Christi Auferstehung" sprach er mit dem Künstler Mischa Kuball über den Glauben.

Autor/in:
Johannes Schröer
Peter Sloterdijk / © Thomas Banneyer (dpa)
Peter Sloterdijk / © Thomas Banneyer ( dpa )

Peter Sloterdijk beim Formulieren seiner Gedanken zu erleben, ist ein Ereignis. Er spricht langsam, setzt bedacht viele Pausen und, als bliebe bei jedem Gedanken immer ein kleiner unverständlicher Rest übrig, vernuschelt er manche Worte so, dass man nicht anders kann, als seine Ideen selbst weiterzudenken. 

Peter Sloterdijk ist an diesem Dienstagabend in der Kölner Kirche "Christi Auferstehung" zu Gast. Mit dem Konzeptkünstler Mischa Kuball spricht er über den Glauben. "Was bedeutet Glauben wirklich abseits von Dogmen und Gewissheiten?", lautet die Überschrift der Veranstaltung. 

Gaube und Kirche sind weite Begriffe. Das wird auch dadurch deutlich, dass viele der Gedanken, die an diesem Abend von den beiden Podiumsgästen geäußert werden und in den Kirchenraum schweben, in der großen freien Assoziationswelt herummäandern und wie ein Puzzle von den Zuhörerinnen und Zuhörern zusammengesetzt werden müssen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Das kann durchaus – wie dieser Abend beweist – die eigenen Gedanken über Glauben und Kirche inspirieren, bereichern und voranbringen.

Also, los geht's: Um zu illustrieren, was christlicher Glaube bedeuten kann, greift Sloterdijk auf eine Szene aus dem Roman "Die Elenden" von Victor Hugo zurück. "Da bittet der hochrangige Bischof den sterbenden Revolutionär um einen Segen." Nicht weniger als eine Revolution sei notwendig, um auch nur Bruchteile des Evangeliums zu realisieren, sagt der Philosoph und zeigt damit gleich die Fallhöhe des Evangeliums zum unendlichen Machtstreben und Eifersuchtsbegehren der Menschen auf. "Ständig werden wir aufgehetzt, das haben zu wollen, was der andere hat", sagt Sloterdijk. Dabei sei es ein Grundmotiv des Evangeliums, eben nicht zu begehren des Nächsten Hab und Gut. 

Soviel zunächst zum Thema Glaube und Evangelium. Jetzt geht es um die Kirche, die für Sloterdijk ein Ort des kollektiven Surrealismus ist, weil hier die Gemeinschaft der Gläubigen versucht, das Unmögliche auszusprechen. Als Beispiel dafür führt er das gemeinsam gesprochene Glaubensbekenntnis an: Wenn der gläubige Katholik mit allen anderen das Glaubensbekenntnis bete, dann sage er "Ich glaube" und meine mit dem "Ich" zugleich das "Wir" der Gemeinschaft aller Gläubigen. "Ich" und "Wir" sind nicht mehr zu unterscheiden.

Das Innere gemeinsam zu entdecken, darum gehe es in der Versammlung der "Herausgerufenen", der "Ecclesia", in der die Innenwelt des Glaubens in der öffentlichen Gemeinde gemeinsam erlebt werde. Auch die Kunst ermögliche den Menschen, ihre Innenwelt gemeinsam zu erleben, meint Sloterdijk. Denn auch in der Kunst gehe es darum, das intimste Empfinden so auszudrücken, dass der einzelne Mensch es mit anderen Menschen teilen könne. 

Die katholische Kirche und den Glauben an Gott betrachtet Sloterdijk mit einer, wie er sagt, spöttischen Sympathie. "Die Menschen stehen vor der Welt wie vor einem riesenhaften Rätsel", sagt er. "Ich bin ein Teilnehmer dieser rätselhaften Welt und ich bin Zeuge dafür, dass es offene Fragen gibt", betont er. Fest stehe aber, dass es immer etwas gebe, was größer sei als alle Erklärungen. Die biblischen Zeugnisse empfindet der Philosoph wie ein Bekennerschreiben aus dem Jenseits, dadurch dass Gott aus dem Himmel auftaucht, aufzeigt und sagt: "Ich war es".  

Dabei kann Sloterdijk dem Katholon, der Utopie des Ganzen und Allumfassenden, durchaus etwas abgewinnen. Im anschließenden DOMRADIO.DE-Interview sagt er: "Die Hypothese, dass die ganze Welt katholisch ist, enthält eine großartige Utopie. Katholon heißt ja bekanntlich im Griechischen dem Ganzen gemäß. Wir bemühen uns nach wie vor, ein Denken zu entwickeln, das tatsächlich dem Ganzen gemäß wäre, aber diese Kunst steht uns, wie wir sehen, noch nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung."

Um Vergleiche aus der Alltagskultur ist Sloterdijk nicht verlegen, damit würzt er seine Gedanken zum Wohle des Publikums. Zum Beispiel zitiert er Woody Allen, der gesagt habe, natürlich gebe es ein Jenseits, doch wie komme man mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin? In einem anderen Beispiel beschreibt Sloterdijk die vielfältige Sinnsuche der Menschen heute wie eine Trainersuche. "Wer einen Gott hat, hat einen Trainer. Das Phänomen der Trainerentlassungen greift heute auch auf den Bereich der Religion über", sagt er. Dabei komme der Trainer doch "von oben". Ein himmlischer Trainer finde die Menschen und ihre Talente und nicht umgekehrt. 

Mischa Kuball, der Konzeptkünstler auf dem Podium, ist auch für die Lichtinstallation in der Kirche "Christi Auferstehung" verantwortlich, sodass während des Gesprächs zwischen Kuball und Sloterdijk ein Lichtball wie eine Erdkugel auf den Betonwänden der Kirche die beiden und das Publikum umkreist. Kuball empfindet es als Privileg, seine Kunst in einer Kirche zeigen zu können. Die Architektur großer, bedeutender Kirchen versuche, den kosmologischen Himmel in einem architektonischen Himmel einzufangen, sagt Kuball. Das Licht spiele dabei eine zentrale Rolle.

Wenn man über den Glauben heute redet, dann geht kein Weg an der Bedeutung der Sozialen Medien vorbei. Das wird auch im Gespräch zwischen Philosoph und Künstler deutlich. "Die Attraktivität der Medien füllt die aktuelle Glaubenslücke", sagt Kuball. Dabei sei der Mensch für die Überwachung durch die sozialen Medien wie geschaffen. "Ich habe die Fußballhymne 'You never walk alone' immer als bedrohlich empfunden“, sagt Sloterdijk. Nie allein zu sein, bedeute doch auch, ständig beobachtet zu werden. Auch der Idee, dass ein allmächtiger Gott alles sieht, kann der Philosoph nichts abgewinnen. Man müsse Gott auch ein teuflisches Stündchen der Abwesenheit zugestehen, zitiert Sloterdijk Martin Luther. 

Und wie geht es weiter – in den Zeiten der vielfältigen Krisen heute? Eine neue Gesprächskultur als ein gemeinsames Obdach sei gefragt, meint Kuball. Und Sloterdijk sieht die Menschheit unterwegs in einem großen autodidaktischen Experiment mit ungewissem Ausgang. "Aber man darf nie von vornherein ausschließen, dass starke Effekte der Selbstbelehrung sich auf längere Sicht geltend machen werden. Im Augenblick haben wir es mit Verdüsterungen zu tun, aber wir sind zur Autodidaktik verurteilt und können dieses Experiment nicht willkürlich abbrechen", so die Sloterdijk-Analyse im DOMRADIO.DE-Interview. 

Der Demokratiekrise begegne man am besten, indem man das Zusammenleben in der Familie stärke, da sind sich Sloterdijk und Kuball einig. Denn die Familie sei ein Trainingsplatz für die Demokratie. "In der Familie fällt man nicht aus der Welt, wenn man opponiert", sagt Sloterdijk, "denn es gibt kaum einen anderen Ort, wo die Liebe stärker ist als die Meinungsverschiedenheit."

Quelle:
DR

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