Pekings harter Kurs gegen tibetische Buddhisten

Bulldozer im Bergdorf

Larung Gar in Tibet ist das weltweit größte Lehrinstitut des tibetischen Buddhismus. Nun droht die Zerstörung durch die chinesische Regierung. 

Exil-Tibeter: Protest gegen Zerstörung von Larung Gar / © Sanjay Baid (dpa)
Exil-Tibeter: Protest gegen Zerstörung von Larung Gar / © Sanjay Baid ( dpa )

Es sei für sie eine schreckliche Qual, die Zerstörung der Häuser mitanzusehen, schreibt Tsering Dolma, eine buddhistische Nonne, in ihrem Abschiedsbrief. Dann erhängt sich die junge Frau. Es ist der dritte Suizid binnen weniger Wochen in Larung Gar, dem weltweit größten Lehrinstitut des tibetischen Buddhismus. Das Zentrum liegt in 4.000 Meter Höhe auf einer baumlosen Hochebene in der südwestchinesischen Provinz Sichuan, 650 Kilometer von der nächsten Großstadt Chengdu entfernt - und wird gerade zerstört.

Das Gebiet ist Teil der "Autonomen Region Tibet". Tatsächlich besteht die Autonomie mehr auf dem Papier als in der Realität; die Chinesen haben das Sagen. So rollen nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen, die sich auf Augenzeugenberichte vor Ort berufen, seit Mitte Juli Bulldozer durch die Straßen und reißen Holzhütte um Holzhütte ein. Bewaffnete Polizeieinheiten wurden rund um das Gelände stationiert als Warnung an jeden, der sich widersetzen will. Bislang lebten in Larung Gar, 1980 vom charismatischen buddhistischen Lehrer Khenpo Jigme Phutsok gegründet, dauerhaft 10.000 praktizierende Buddhisten; hinzu kommen 40.000 Kurzzeitgäste.

Die chinesische Regierung will diese Zahlen drastisch reduzieren; die Zeitung "Global Times", ein Sprachrohr der Kommunistischen Partei, zitiert lokale Offizielle mit den Worten, die Stadt sei überfüllt. Zudem bestehe die Gefahr, dass Feuerwehrleute im Notfall nicht durch die Straßen kommen.

Katastrophe für den Buddhismus

Die Leiter des Lehrinstituts selbst wollten daher, dass alle nicht registrierten Nonnen und Mönche die Siedlung verlassen, heißt es in dem Artikel unter der Überschrift "Buddhistische Schule wird renoviert". Im Juni legte die Zentralregierung einen Plan vor, der mit der Installation von Überwachungskameras beginnt und der drastischen Verkleinerung von Larung Gar auf 5.000 Bewohner Mitte 2017 endet.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Abrissaktion scharf. Die Tibet Initiative Deutschland spricht von einer Katastrophe für den Buddhismus. "Der Abbruch der Häuser hat nichts mit Übervölkerung zu tun. Es ist nur eine andere Taktik der chinesischen Regierung, den tibetischen Buddhismus zu zerstören", sagt Eleanor Byrne-Rosengren von Free Tibet. Wenn Larung Gar den Behörden zu überfüllt ist, gibt es laut Sophie Richardson von Human Rights Watch nur eine Lösung: "Lasst Tibeter und andere Buddhisten mehr Klöster bauen." Die Politik Pekings zielt seit Jahren in die gegenteilige Richtung.

Die Ausübung der tibetischen Religion wird streng überwacht, die Zahl der Klöster, Mönche und Nonnen begrenzt. Eine gezielte Einwanderungspolitik hat zudem dazu geführt, dass es inzwischen Millionen Chinesen in Tibet gibt. Nach Angaben des Dalai Lama, des im Exil lebenden geistlichen und weltlichen Führers Tibets, sind die sechs Millionen Tibeter mittlerweile in der Minderheit.

Verlust der Sprache

Bei der jüngeren Generation drohen die alten Traditionen sowie die Sprache verloren zu gehen. Seit dem Einmarsch der chinesischen Volksarmee 1950 gehört Tibet offiziell zu China. Viele Menschen sind seitdem geflohen, andere wurden verfolgt und ermordet. Immer wieder gibt es Aufstände gegen das Regime in Peking, die blutig niedergeschlagen werden. Forderungen der Exilregierung nach echter Autonomie hat die Zentralregierung bislang zurückgewiesen.

Larung Gar ist im Übrigen nicht zum ersten Mal der Willkür der Kommunisten ausgesetzt. Bereits 2001 zwangen bewaffnete Polizisten Hunderte Nonnen und Mönche, das Bergdorf zu verlassen. Schon damals gab es einen öffentlichen Aufschrei, und mit Duldung der Provinzverwaltung von Sichuan ist Larung Gar wieder gewachsen.

Zuletzt hat das kommunistische Regime die Religionsfreiheit im Land jedoch wieder stark eingeschränkt. Muslimen wurde das Tragen von Bärten verboten, Kreuze wurden von Kirchendächern gerissen und immer mehr tibetische Klöster unter staatliche Kontrolle gestellt. Dieses Schicksal droht nun auch Larung Gar, dessen Lehrinstitut künftig mehrheitlich von Vertretern Pekings verwaltet werden soll.

Autor/in:
Stefanie Ball
Quelle:
KNA