Pax Christi steht nach 75 Jahren vor neuen Herausforderungen

Die Botschaft von Frieden und Versöhnung im Bewusstsein halten

Aussöhnung der einstigen Kriegsgegner nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg - das Anliegen, das vor 75 Jahren zur Gründung der deutschen Sektion von Pax Christi führte, wirkt in diesen Tagen wie eine ferne Utopie.

Autor/in:
Angelika Prauß
Bischof Pierre-Marie Theas beim 25. Jahrestag von Pax Christi in Kevelaer / © 1973 (KNA)
Bischof Pierre-Marie Theas beim 25. Jahrestag von Pax Christi in Kevelaer / © 1973 ( KNA )

"Die Ukraine hat grundsätzlich das Recht zur Selbstverteidigung, auch militärisch." Das sagt kein Bundeswehrgeneral oder Militärstratege, sondern der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Der Präsident der deutschen Sektion von Pax Christi International räumt ein, mit Blick auf den Ukraine-Krieg realistischer geworden zu sein. "Wir sind heute konfrontiert mit der ganzen Macht des Bösen."

Bischof Peter Kohlgraf / © Harald Oppitz (KNA)
Bischof Peter Kohlgraf / © Harald Oppitz ( KNA )

Dabei hatte sich Pax Christi, die ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche, bei ihrer Gründung vor 75 Jahren vorgenommen, den "Frieden Christi" zur spirituellen Grundlage ihres Engagements zu machen. Doch mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine steht die Friedensethik auf dem Prüfstand und bekommt neue Aktualität und Brisanz. Denn wie kann man sich für Frieden und Versöhnung einsetzen, wenn der Aggressor daran kein Interesse hat?

Heute werde die Frage von Waffenlieferungen bei Pax Christi intensiv diskutiert, da Waffen töteten und man bei deren Anwendung Schuld auf sich lade, erklärte Kohlgraf jüngst im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Es gelte zugleich, die Botschaft von Frieden und Versöhnung im Bewusstsein zu halten. Das klingt angesichts der Brutalität, den Verwüstungen und physischen wie psychischen Verwundungen im aktuellen Ukrainekrieg naiv.

Vorbildliches Handeln vor 75 Jahren

Doch in einer ähnlichen Situation haben vor über 75 Jahren Menschen genau auf diese Utopie gesetzt und vorgemacht, wie eine Aussöhnung gelingen kann: Der Zweite Weltkrieg war noch nicht zu Ende, da forderte der französische Geistliche Pierre-Marie Theas im Sommer 1944, noch in Gestapo-Haft, seine Mithäftlinge auf, die Botschaft der Feindesliebe auch auf die Deutschen anzuwenden.

Der Zweite Weltkrieg dauerte von 1939 bis 1945 / © TreasureGalore (shutterstock)
Der Zweite Weltkrieg dauerte von 1939 bis 1945 / © TreasureGalore ( shutterstock )

Am 10. März 1945 riefen er und 40 weitere französische Bischöfe zu einem "Gebetskreuzzug" zur Versöhnung mit Deutschland und für den Frieden der Welt auf. Das Gebet sollte verfeindete Menschen und Völker zusammenführen und die Chance einer gemeinsamen Zukunft eröffnen.

Allen Beteiligten war nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs klar: Nie wieder darf es so einen Krieg geben. Drei Jahre später, am 3. April 1948, wurde die deutsche Sektion von Pax Christi gegründet.

Pax Christi – von der Gründung bis heute

In den ersten Jahren ging es dabei zunächst vor allem um Aussöhnung mit den von Hitler-Deutschland überfallenen Ländern. Die deutsche Pax-Christi-Sektion gilt als Wegbereiterin der politischen Versöhnung mit dem französischen Nachbarland. Die Aussöhnung mit Polen, dessen Bevölkerung ebenfalls extrem unter der NS-Herrschaft gelitten hatte, wurde ebenfalls von ihr initiiert.

Eine weitere Frucht der Friedensarbeit war die Gründung des bischöflichen Hilfswerks Misereor und des Maximilian-Kolbe-Werkes. Auch Friedenserziehung, der Einsatz für Menschenrechte, Abrüstung und Verbot von Atomwaffen stehen bei Pax Christi seitdem auf der Agenda. Heute engagieren sich dafür hierzulande rund 5.000 Mitglieder in 100 lokalen Gruppen.

60 Jahre Misereor  / © Rudolf Wichert (KNA)
60 Jahre Misereor / © Rudolf Wichert ( KNA )

Zum 50-Jahr-Jubiläum dankte die deutsche Pax-Christi-Sektion "unseren französischen Freunden und Freundinnen" für die mutige Versöhnungsinitiative. Es seien französische Christen gewesen, die 50 Jahre zuvor mit Blick auf die Deutschen den Mut gehabt hätten, von Feindesliebe zu sprechen, von "Liebe zu denen und Versöhnung mit denen, die jahrelang ihr Land besetzt und Verbrechen über Verbrechen begangen hatten". Damit seien sie aus dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt ausgebrochen und hätten "in einer Welt des Grauens und des Hasses Zeichen der Hoffnung gesetzt und Menschen in vielen Nationen ermutigt, es ihnen gleichzutun", hieß es in einer Erklärung.

Auf die Heilkraft der Gewaltlosigkeit vertrauen

In Friedenszeiten konnte Pax Christi seinem Friedensanspruch treu bleiben. Noch 1986 sprach sich die Initiative in der "Feuersteiner Erklärung" dafür aus, selbst in scheinbar ausweglosen Situationen auf die "Heilkraft der Gewaltlosigkeit" zu vertrauen. 1995 aber - mit Blick auf die Eskalation im Balkankrieg - distanzierte sich Pax Christi von seiner früheren Position des absoluten Pazifismus.

Das ohnmächtige Schweigen zum bisherigen Kriegsverlauf habe möglicherweise dazu geführt, "dass wir am Leid der Zivilbevölkerung mitschuldig geworden sind", heißt es selbstkritisch in einer Erklärung. Es gebe Situationen, vor denen auch der Pazifismus scheitere. Dieser sei kein absolutes starres Prinzip, sondern ein Richtungsimpuls, der in jeder Situation neu nach "lebensdienlichen, Zukunft ermöglichenden Chancen der Gewaltfreiheit" suchen lasse.

Perspektive für die Zukunft

Heute wird Pax Christi nicht müde, Verhandlungen im Ukraine-Krieg zu fordern, um das Töten zu beenden. Der Pazifismusgedanke hat für den Pax-Christi-Präsidenten weiterhin eine Daseinsberechtigung. Denn man brauche eine Perspektive für die Zukunft, "die mehr ist als Rache und Vergeltung, Bedrohung durch Waffen und Säbelrasseln". Insofern blieben pazifistische Positionen, "so sehr sie im Moment auch belächelt oder kritisiert werden, für die Gestaltung einer Zukunftsordnung unverzichtbar".

Diesen Gedanken greift auch der Friedenskongress von Pax Christi vom 19. bis 21. Mai in Leipzig auf. Die Jubiläumsveranstaltung steht unter dem Jesaja-Wort "'... und sie erlernen nicht mehr den Krieg' - Perspektiven für eine Welt ohne Gewalt". Der Fokus liegt auf friedensethischen und friedenspraktischen Zukunftsperspektiven.

Quelle:
KNA