Pater Gregor Maria Hanke warnt bei Oasentag vor innerem Heimatverlust

"Nicht abgleiten in eine Lohnarbeitermentalität"

In seinem geistlichen Impuls hat Pater Gregor Maria Hanke die in der Minoritenkirche versammelten Priester dazu ermutigt, das Osterfeuer im eigenen Herzen nicht verlöschen zu lassen, um so dauerhaft in Christus beheimatet zu bleiben.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Kardinal Woelki und Pater Gregor / © Beatrice Tomasetti (DR)
Kardinal Woelki und Pater Gregor / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Dass die Frage nach Beheimatung weniger mit einer Familienzugehörigkeit, dem Freundeskreis, der Lebens- und Wohnkultur im Pfarrhaus oder der Zugehörigkeit zu einer geistlichen Bewegung zu tun hat, sondern auf die Tiefenschicht der eigenen Existenz und damit auf die persönliche Berufung abzielt, stellte der ehemalige Bischof von Eichstätt dabei gleich zu Beginn seiner Ausführungen im Rahmen der "Geistlichen Stunde" klar. Und dass dem Thema Heimat und Beheimatung des Menschen in der Heiligen Schrift im Sinne eines Lebens in der Harmonie mit Gott, miteinander und mit der Schöpfung eine große Bedeutung zukomme. 

 Die mit dem "Adsum – Hier bin ich" versprochene Bereitschaft bedeute, bei sich zu sein und beim Herrn zu sein, betonte Hanke in seinem Vortrag. "Diese Beheimatung meint ein Ergriffensein." Sie könne aber auch ein "innerer Glutkern" sein, an dem auch andere mitwirkten: geistliche Begleiter, die "correctio fraterna", die Beichte, Lebenserfahrungen oder Freunde und gute menschlichen Beziehungen. Was aber an Beheimatung zum Zeitpunkt der Weihe noch als Halt erfahren worden sei, könne schon nach wenigen Jahren oder auch mehreren Jahrzehnten brüchig werden. "Es erfasst uns die Versuchung, nach Tröstungen zu suchen; ein Indiz für die zerbrochene Balance zwischen Selbstsorge und Hingabe in unserer Sendung. Man beginnt, aus sich selbst etwas machen zu wollen und sich den Armen Christi zu entwinden."

Pater Gregor Maria Hanke

"Heute weiß ich, der Verlust der Mitte, der inneren Beheimatung und die Suche nach Tröstungen pervertieren geistliches Leben."

 So könne es passieren, dass die Flucht in eine exzessive Ausübung von Hobbies einsetze, man sich Phantasien – auch sexuellen – hingebe, sich Konsumlust oder auch Verliebtsein in das eigene Selbstbild zeigten, dessen Kehrseite oft das Verlangen nach Karriere, Besserwisserei und Kritiksucht sei, zum Beispiel "pseudospirituell gefärbte Kritik an den Mitbrüdern oder am Bischof: Ich wüsste es doch besser, aber wer fragt mich schon!" Dann sei die Folge oft das Abgleiten in ein Murren – lateinisch nach der Benediktsregel ein "murmurare" – als Symptom geistlicher Erkrankung und "transzententaler Obdachlosigkeit"; ein Begriff, den der Philosoph Georg Lukacs geprägt hat. "Heute weiß ich", so der Referent, "der Verlust der Mitte, der inneren Beheimatung und die Suche nach Tröstungen pervertieren geistliches Leben." 

Pater Gregor beim Oasentag in der Kölner Minoritenkirche (dahinter die Weihbischöfe Schwaderlapp und Puff) / © Beatrice Tomasetti (DR)
Pater Gregor beim Oasentag in der Kölner Minoritenkirche (dahinter die Weihbischöfe Schwaderlapp und Puff) / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Weiter führte er aus, dass wer amtlich zum Priester und Diakon berufen sei, Türöffner des Weges in die Heimat sei – wie sie im Johannesevangelium definiert sei, wo Jesus verkündet, im Hause des Vaters Wohnungen für die Seinen zu bereiten. "Die Verheißung der Wohnungen beim Vater, die er uns bereitet, und das Wohnungnehmen von Vater und Sohn dürfen wir als Kurzfassung des Pascha-Mysteriums verstehen: Jesu Tod und Hinübergang eröffnet Zukunft für uns, Heimat beim Vater", erklärte Hanke wörtlich. "Zugleich verheißt er seine dauerhafte Gegenwart denen, die ihn lieben, den Jüngern, die glauben." Auch das Wort des Apostels Paulus "Unsere Heimat ist im Himmel" griff Hanke auf und interpretierte das so, dass Paulus damit keine noch ferne Zukunft verkünde, sondern deutlich mache, dass es um eine Art "Zugehörigkeit hier und jetzt" gehe.

Pater Gregor und Kardinal Woelki beim Oasentag in der Kölner Minoritenkirche / © Beatrice Tomasetti (DR)
Pater Gregor und Kardinal Woelki beim Oasentag in der Kölner Minoritenkirche / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Dass sich auch im liturgisch gefeierten und im Alltag gelebten Pascha Christi ein Weg in tiefste Beheimatung eröffne und damit durch die Eucharistie Teilhabe am Land der Verheißung geschehe, unterstrich Hanke im Weiteren. Am Beispiel der Emmaus-Jünger machte der Benediktiner schließlich deutlich, dass ohne die österliche Dimension des Glaubens die Jünger aber geistlich heimatlos blieben, sich Beheimatung jedoch schon allein im Entgegenkommen des auferstandenen Christus zeige. "Da er als Auferstandener und Erhöhter beim Vater ist, kommt er uns stets entgegen. Die österliche Weise seiner Gegenwart besagt, uns entgegenzukommen, um bei uns Menschen zu sein. Er kommt auch dort entgegen, wo wir es kaum vermuten", sagte Hanke. Und er gehe voraus in die Herrlichkeit Gottes, in die neue Heimat, und erhebe "in seinem verklärten Leib uns und die Welt".

In sich Heimat tragen, das meine doch: in Christus sein, zitierte Hanke Papst Gregor aus dessen 2. Buch der Dialoge aus dem 6. Jahrhundert. Erst als das der Mönchsvater Benedikt verstanden habe, erläuterte er mit Verweis auf den Gründer seines Ordens, hätten sich dessen Aufbruch und Mission der Christusnachfolge entfaltet und die von ihm gegründeten klösterlichen Gemeinschaften Gestalt angenommen. 

Pater Gregor Maria Hanke

"Es braucht Osterfeuer in uns!"

 Schließlich rief Hanke den versammelten Priestern, Diakonen und Priesteramtskandidaten in der Kölner Innenstadtkirche zu: "Es braucht Osterfeuer in uns!" Und wie das Entfachen dieses Feuers gelinge? "Auf dass ich, selbst beim Herrn beheimatet, mit dem Volk Gottes am Herzen beim Herrn bin und mit dem Auferstandenen bei den Menschen, so dass die Feiern der Eucharistie nicht zur abgedroschenen Routine, zur Pflichtveranstaltungen oder zur privaten Frömmigkeitsform degenerieren." Ohne das Osterfeuer in den Herzen, warnte er, gleite die Kirche ab "in einen Apparat des Religionsbetriebs und wir Diener der Kirche in eine Lohnarbeitermentalität: mit Dienst nach Vorschrift". 

Impuls von Pater Gregor beim Oasentag in der Kölner Minoritenkirche / © Beatrice Tomasetti (DR)
Impuls von Pater Gregor beim Oasentag in der Kölner Minoritenkirche / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Sich bewusst in die Gegenwart des Herrn zu stellen, lautete dem entgegen eine der konkreten Empfehlungen des Ordensmannes, um Beheimatung nicht zu verlieren oder wiederzufinden. "Wir nennen das auch Heiligung des Alltags. Es geht darum, was wir liturgisch feiern, auch in unserem Alltag einzulösen und zu leben: Christus lieben." Und noch etwas könne während der täglichen Arbeit helfen: "Haben wir den Mut zur Unterbrechung, zur Türöffnung für den Herrn!" Ein Glockenschlag vom Kirchturm, ein Kreuz oder ein religiöses Bild könnten Anlass dazu geben, ein Stoßgebet zu sprechen, einen Schriftvers aus den Tageslesungen oder aus dem Breviergebet zu rezitieren, das Kreuzzeichen vor einer schwierigen Aufgabe oder vor Arbeitsbeginn zu machen.  

Pater Gregor Maria Hanke

"Setzen Sie vor Ihren Alltag ein Kreuz, ein positives Vorzeichen!"

 Er selbst, gab Hanke Einblick in seine Glaubenspraxis, versuche täglich mit dem "Suscipe", der Professformel der Benediktinermönche, aufzustehen. Aber das könne auch, wandte er sich an seine Zuhörer, ein lautes "Adsum" sein, um dem Tag eine Struktur zu geben, "in der sich Gebet, Arbeit und Erholung fruchtbar verbinden". Und er mahnte: "Unsere Dunkelheiten und Sorgen müssen nicht der Taktgeber sein." Denn der Auferstandene sei immer zugegen, alles könne man mit ihm teilen. "Setzen Sie vor Ihren Alltag ein Kreuz, ein positives Vorzeichen!", forderte er abschließend die Gemeinde auf und empfahl, kreativ nach Schritten zu suchen, um in jeder Lebenslage durch solche kleinen Hilfen auf der Gott zugewendeten Seite zu stehen. Nicht zuletzt könne es helfen, gab Pater Gregor seinen Zuhörern mit, jeden Tag einen Dank niederzuschreiben – auch um auf diese Weise zu erkennen, dass der Herr immer gegenwärtig sei. "Zudem ist Dankbarkeit Öl im Räderwerk des Alltags und mehrt die Liebe", betonte er. "Das Amtliche unseres Dienstes muss in die Liebe hinein absorbiert werden, in die Quelle der Liebe, in die erlösende Hingabe des Herrn."

Quelle:
DR

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