Paralympische Spiele in Rio gehen zuende

Großer Sport - gute Stimmung - wenig Fortschritte

Die Paralympics in Rio de Janeiro beeindruckten nicht nur durch sportliche Höchstleistungen. Auch die Zuschauer strömten nach anfänglicher Zurückhaltung zu den Wettkämpfen. Trotzdem herrscht nicht nur eitel Sonnenschein.

Paralympics zogen die Menschen an / © Kay Nietfeld (dpa)
Paralympics zogen die Menschen an / © Kay Nietfeld ( dpa )

Am Sonntag gehen in Rio de Janeiro äußerst bewegte Paralympische Spiele zu Ende. Nachdem das Sport-Event wenige Wochen vor dem Start noch aus finanziellen Gründen beinahe abgesagt worden wäre, überraschten die Weltspiele der Behinderten mit ausgelassener Stimmung und lockten zahlreiche Zuschauer zu den Wettkämpfen. Die Paralympics waren das Fest, das eigentlich die kurz zuvor in Rio abgehaltenen Olympischen Spielen hätten sein sollen.

Rekorde purzeln

Die Rekorde purzelten zuhauf. Im 1.500-Meter-Endlauf der sehbehinderten Männer in der Kategorie T13 liefen die ersten vier schneller als der diesjährige Olympiasieger. Doch nicht nur der große Sport begeisterte. Durch den Olympiapark in Barra zogen tagtäglich bunte Carnaval-Kapellen. Dank niedriger Ticketpreise kamen viele Einheimische - und holten die verpasste Olympia-Party nach. Zu der guten Stimmung trugen nicht zuletzt die Schulkinder bei.

Organisatoren und Stadt stellten kostenlos Tickets und Transport für 33.000 Jungen und Mädchen bereit. Ihre Anwesenheit trug entscheidend zu der ausgelassenen Stimmung der Paralympics bei. Während der Olympischen Spiele waren in Rio Schulferien. Jetzt habe man das Verpasste einfach nachgeholt, so ein Lehrer. Lernen mussten nicht nur manche Schüler, bei Spielen Sehbehinderter leise zu sein, weil diese auf die Informationen ihrer Begleiter angewiesen waren. Ungewohnt für brasilianische Sportfans, die ihre Teams gerne lautstark anfeuern.

Rio hat Paralympics ins Herz geschlossen

Am vergangenen Samstag waren dann mit 167.000 Menschen mehr Besucher im Olympiapark als am Rekordtag der Olympischen Spiele. Und schon jetzt gelten die Paralympics in Rio mit Blick auf die Ticketverkäufe nach denen in London als zweiterfolgreichste Behindertenspiele aller Zeiten. Für Pressesprecher Craig Spence ist der Fall klar: Die Bürger hätten die Paralympics in ihr Herz geschlossen und sie in einen "Carnaval des Sports" verwandelt.

Kaum zu glauben, dass die Großveranstaltung noch im August praktisch vor dem Aus stand. Da die Olympischen Spiele das gemeinsame Budget überzogen hatten und die Ticketverkäufe anfangs alles andere als rund liefen, tat sich ein Finanzloch von umgerechnet rund 54 Millionen Euro auf. Brasiliens Bundesregierung sowie die Stadt Rio sprangen ein. Rio2016-Kommunikationschef Mario Andrada hofft nun kurz vor dem Ende auf eine halbwegs verträgliche Abschlussbilanz.

Barrierefreiheit noch entfernt

Die positive Zustimmung werde auch soziale Veränderungen mit sich bringen, glaubt Andrada. Inwiefern allerdings behinderte Menschen in Rio davon profitieren, steht nach Ansicht des katholischen Paralympics-Pfarrer für die deutsche Mannschaft, Georg Pettinger, in den Sternen. Er befürchte, dass demnächst wieder andere Probleme in den Vordergrund rückten wie die politischen und wirtschaftlichen Krisen, sagte Pettinger, der die deutschsprachige Gemeinde in Sao Paulo betreut, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Im täglichen Straßenbild Brasiliens bleiben Behinderte die Ausnahme. Obwohl rund 45 Millionen Brasilianer, mehr als 20 Prozent, in irgendeiner Form ein Handicap haben. Doch noch immer schämen sich viele Familien für behinderte Kinder und verstecken sie lieber daheim. Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte haben immer noch Schwierigkeiten, sich ihren Weg durch die Stadt zu bahnen. In Rio selbst sei lediglich die Touristenzone Copacabana barrierefrei, so eine Rollstuhlfahrerin. Der Rest sei für sie ein Albtraum.

Autor/in:
Thomas Milz
Quelle:
KNA