Um nicht weniger als um die Zukunft der katholischen Kirche geht es, wenn der Papst seine Kardinäle zu einem Gipfeltreffen nach Rom beordert. Am Mittwoch und am Donnerstag sollen sich alle Kardinäle der Weltkirche mit Leo XIV. über heikle Themen auseinandersetzen. Die 245 Männer in Rot sind zwar die wichtigsten Berater des Papstes, doch ist eine Zusammenkunft aller Kardinäle äußerst selten. Das passiert vor Papstwahlen oder bei einem außerordentlichen Konsistorium - wie jetzt.
Grundlegende Fragen liegen auf den Tischen der Kardinäle: Wie vorab bekannt wurde, ist eine Priorität Leos – grob übersetzt – die Mitgliederwerbung, Marketing in eigener Sache: Wie bringt die Kirche heute ihre Botschaft an den Mann oder die Frau? Relevant für den Papst sind zudem mögliche Verbesserungen in der internen Kommunikation zwischen der katholischen Hauptverwaltung im Vatikan und den lokalen Kirchenvertretern.
Beide Punkte hatte Leos XIV. Vorgänger Franziskus (2013-2025) in Grundsatzschreiben neu formuliert, auf die sich die anstehenden Beratungen stützen sollen. In dem einen ging es um eine neue, offenere Art der Verkündigung, in dem zweiten um eine Reform der römischen Kurie.
Ebenfalls noch von Franziskus angestoßen wurde ein weltweiter Umgestaltungsprozess für mehr Teilhabe aller Katholiken in der Kirche. Nach dem Willen von Leo XIV. soll diese "Synodalität" als Instrument für eine effektivere Zusammenarbeit aller Mitglieder auf den verschiedenen institutionellen Ebenen vertieft werden. Nicht nur für Beratungen über das Wie, sondern auch für die praktische Umsetzung benötigt der Papst hier die Unterstützung seiner Kardinäle.
Langjähriger Konflikt
Für Aufhorchen sorgte ein viertes Thema. Leo XIV. wünscht eine Reflexion über die Art der katholischen Messfeier. Seit den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sind deren verschiedene Formen Gegenstand von Kontroversen und Zerwürfnissen zwischen katholischen Traditionalisten und Modernisten.
Im Jahr 2007 hatte Papst Benedikt XVI. die sogenannte Alte Messe, die ein Priester mit dem Rücken zu den Gläubigen feiert und vor dem Altar leise auf Latein spricht, nach jahrzehntelangen Einschränkungen weitgehend wieder erlaubt. 2021 schränkte sie sein Nachfolger Franziskus wieder stark ein und brachte damit die Traditionalisten gegen sich auf.
Leo XIV. soll, so der Wunsch der Kardinäle im Konklave Anfang Mai, für eine Annäherung beider Lager sorgen. Bereits in seinem ersten offiziellen Interview als Papst sprach sich der gebürtige US-Amerikaner für neue Beratungen und mögliche Kompromisse zu dem Thema aus.
Keine schnellen Entscheidungen erwartet
Doch eine schnelle Entscheidung in dieser Sache wird Leo XIV. vermutlich nicht treffen, obwohl oder vielleicht gerade weil Fürsprecher der vorkonziliaren Messfeier seit Beginn seines Pontifikats Druck auf ihn ausüben.
Überhaupt ist noch gar nicht sicher, ob die Kardinäle diese Angelegenheit behandeln werden. Denn nur zwei von vier vorgeschlagenen Themen können sie in den anderthalb Tagen diskutieren. Über die Tagesordnung abstimmen sollen sie selbst zu Beginn der Veranstaltung.
Der Umgang mit den beiden anderen Fragen verschiebt sich auf ein Gipfeltreffen zu einem späteren Zeitpunkt. Doch ganz gleich für welche Themen sich die kirchlichen Würdenträger zunächst entscheiden: die kurzen Beratungen können lediglich als weltkirchliches Stimmungsbarometer für Leo XIV. dienen.
Sechs Einladungen an deutsche Kardinäle
Eine Liste der definitiven Teilnehmer hat der Vatikan bislang nicht veröffentlicht. Aus gesundheitlichen wie auch aus politischen Gründen kann nicht jeder der 245 Kardinäle aus den insgesamt 107 Ländern anreisen. Allein 123 Männer haben das Alter von 80 Jahren überschritten (und sind damit auch keine aktiven Papstwähler mehr).
Aus Deutschland können sechs Kardinäle teilnehmen: Reinhard Marx (72) von München und Freising und sein Vorgänger in dem Erzbistum, Friedrich Wetter (97). Außerdem eingeladen sind Rainer Maria Woelki (69) aus Köln und die Kurienkardinäle Gerhard Ludwig Müller (78), Walter Kasper (92) und Walter Brandmüller (97).
Neues Setting
Das Setting wird so außergewöhnlich sein, wie die Versammlung selbst. Zur Einordnung: In zwölf Jahren Amtszeit berief Leos XIV. Vorgänger nur ein offizielles außerordentliches Konsistorium ein. Franziskus war es auch, der eine neue Sitzordnung in den alten Vatikanmauern etablierte: Runde Tische statt hierarchisch angeordnete Sitzreihen führte er anlässlich seines Reformprojekts Weltsynode im Jahr 2023 ein.
Daran schließt Leo XIV. bei seiner ersten Kardinalsversammlung an und lässt die Männer auf Augenhöhe und mit direktem Blickkontakt beraten. Denn laut Ankündigung soll das Treffen neben den Diskussionen über die Grundsatzfragen vor allem Raum für "Gemeinschaft und Brüderlichkeit" der über alle Kontinente verteilten Papstberater bieten.