Papst Leo XIV. beklagt beschränkte Meinungsfreiheit auch im Westen

"Schwäche des Multilateralismus"

In seiner Neujahrsansprache an die Vatikanbotschafter beklagte Papst Leo XIV. eine zunehmende Einschränkung der Meinungs- und Gewissensfreiheit in der westlichen Welt. In der politischen Grundsatzrede setzte er überraschende Akzente.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
Papst Leo XIV. bei seiner Ansprache bei einem Neujahrsempfang für beim Vatikan akkreditierte Diplomaten am 9. Januar 2026 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Leo XIV. bei seiner Ansprache bei einem Neujahrsempfang für beim Vatikan akkreditierte Diplomaten am 9. Januar 2026 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Die Spannung war groß, als Papst Leo XIV. am Freitagmorgen die erste Neujahrsansprache vor den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Botschaftern hielt. Dass er mit fast zehn Minuten Verspätung in der vatikanischen Benediktions-Aula eintraf, sorgte für zusätzliche Unruhe unter den dort versammelten Diplomaten aus mehr als 180 Ländern. Mit dynamischen Schritten durchmaß er den langen Raum und nahm auf seinem thronartigen Sessel Platz. Nach einer wohlwollenden Begrüßung durch den zypriotischen Botschafter und Doyen des Diplomatischen Korps, Georges Poulides, begann er seine Rede in seiner amerikanisch-englischen Muttersprache.

Nach den vergangenen Wochen, in denen der Präsident seines Heimatlandes USA in Gedanken, Worten und Werken mehrere rote Linien der globalen Politik überschritten hatte, warteten seine Zuhörer und Zuhörerinnen gespannt auf das, was der erste US-amerikanische Papst in seiner Rede zur Weltlage zu sagen hatte.

Was Leo XIV. ihnen vortrug, war eine lange Grundsatzrede zu außenpolitischen, sozialen und ethischen Themen, die es in sich hatte. Sie enthielt mit Blick auf die Politik der USA vieles, was als Kritik an der derzeitigen Regierung in Washington verstanden werden konnte. So war er eindeutig in seiner Aufforderung zur Solidarität mit Migranten, die aus Notlagen ihre Heimat verlassen und Schutz in reicheren Ländern suchen.

Ähnlich klar waren seine Ausführungen zu Venezuela. Hier mahnte der Papst "den Willen des venezolanischen Volkes zu respektieren und sich für den Schutz der Menschen- und Bürgerrechte aller einzusetzen". Die US-Intervention in Caracas nannte er nicht ausdrücklich beim Namen.

"Krieg ist wieder in Mode"

Auch seine weiter gefasste Kritik an der Schwächung des multilateralen Systems und der Zunahme des kriegerischen Denkens enthielt implizite Kritik am Vorgehen Donald Trumps. Hier war der Papst rhetorisch vielleicht am stärksten und formulierte: "Eine Diplomatie, die den Dialog fördert und den Konsens aller sucht, wird durch eine Diplomatie der Stärke, durch einzelne Staaten oder Gruppen von Verbündeten ersetzt. Krieg ist wieder in Mode gekommen, und eine kriegerische Stimmung breitet sich aus."

Papst Leo XIV. bei seiner Ansprache bei einem Neujahrsempfang für beim Vatikan akkreditierte Diplomaten am 9. Januar 2026 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Leo XIV. bei seiner Ansprache bei einem Neujahrsempfang für beim Vatikan akkreditierte Diplomaten am 9. Januar 2026 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Doch enthielt die Rede des Papstes auch andere Punkte, die für die Regierung in Washington durchaus willkommen erscheinen mussten. Etwa, als er den Vereinten Nationen den Ratschlag gab, sich weniger um die Verbreitung von "Ideologien" zu kümmern, sondern sich vielmehr auf ihre Rolle als Friedensvermittler zu konzentrieren.

Noch deutlicher wurde Leo XIV. bei seiner "kategorischen Verurteilung" der staatlichen Förderung von Abtreibungen. Und eine Legalisierung von Euthanasie kritisierte er ebenso scharf wie gesellschaftspolitische Modelle, die darauf gerichtet seien, die traditionelle Ehe von Mann und Frau zu zerstören.

"Einschränkung der Meinungsfreiheit"

Auch der Vorwurf der Einschränkung der Meinungs- und Gewissensfreiheit in Ländern des Westens, die sich offiziell zu den Spielregeln von Freiheit, Pluralismus und Demokratie bekennen, war in der Rede des Papstes enthalten. Wörtlich sagte er: "Es ist bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist."

Papst Leo XIV. beim Gruppenbild bei einem Neujahrsempfang für beim Vatikan akkreditierte Diplomaten am 9. Januar 2026 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Leo XIV. beim Gruppenbild bei einem Neujahrsempfang für beim Vatikan akkreditierte Diplomaten am 9. Januar 2026 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

In diesem Kontext sieht er die Gewissensfreiheit zunehmend auch von Staaten infrage gestellt, "die sich auf Demokratie und Menschenrechte zu gründen bekunden". Manches von dem, was der Papst da vortrug, klang im inhaltlichen Kern ähnlich wie die Kritik, die US-Vizepräsident JD Vance zuletzt - wenn auch in ganz anderem Tonfall - bei der Münchner Sicherheitskonferenz vorgetragen hatte.

In den bislang acht Monaten seines Pontifikats war es die wohl am stärksten konservativ gefärbte Rede des Papstes aus den USA. Ihr Text wird den Diplomaten auch schriftlich zugestellt. Sie alle übermitteln und kommentieren sie in offiziellen Schreiben an ihre Regierungen zu Hause. Was er bedeutet, dürfte daher in den kommenden Wochen in den Hauptstädten der Welt noch intensiv analysiert werden.

Redaktioneller Hinweis: Der Artikel wurde gegen 18:30 Uhr geändert.

Quelle:
KNA