Papst drängt Verantwortliche im Ukraine-Konflikt zum Frieden

Großer "Schmerz im Herzen"

Der russisch-ukrainische Konflikt bereitet Papst Franziskus viel Schmerz und Sorge. Helfen will er mit Worten und Gebeten - ohne sich zu sehr auf eine Seite zu stellen. Eine schwierige Gratwanderung.

 Papst Franziskus in der Vatikanische Audienzhalle Paul VI. / © Gregorio Borgia (dpa)
Papst Franziskus in der Vatikanische Audienzhalle Paul VI. / © Gregorio Borgia ( dpa )

Franziskus' Stirn ist in sorgenvolle Falten gelegt. Mit "großem Schmerz im Herzen" verfolge er die Entwicklungen in der Ukraine. "Trotz aller diplomatischen Bemühungen eröffnen sich Szenarien, die immer alarmierender werden", sagt der 85-Jährige am Mittwoch bei der Generalaudienz. Ihm und vielen bereite dies Angst und Sorge. Eindringlich appelliert der Pontifex an "alle beteiligten Parteien, von jeder Aktion Abstand zu nehmen, die den Bevölkerungen nur noch mehr Schmerz bereiten wird". Internationales Recht müsse gewahrt werden.

Aschermittwoch als Fastentag für den Frieden

Seit Wochen mahnt, appelliert, warnt und betet der Papst. Die Lage in der Ukraine treibt ihn um, er will mit Worten helfen. Er sorgt sich um den Frieden in ganz Europa. "Bitten wir den Herrn inständig, dass in diesem Land die Geschwisterlichkeit geweckt werde und Verletzungen, Ängste und Spaltungen überwunden werden können", so Franziskus Ende Januar bei dem von ihm ausgerufenen weltweiten Friedensgebet für die Ukraine. Für Aschermittwoch (2. März) ruft er erneut zu einem Tag des Fastens und Betens für die Ukraine auf.

Franziskus hofft auf Frieden und ist doch Realist. Die Menschheit sei "Meister im Kriegführen", beklagte er jüngst bei einem Treffen mit Spitzen der Ostkirchen. "Wir mögen Kriege, und das ist tragisch." Die Menschheit rühme sich, in der Wissenschaft, im Denken und in so vielen schönen Dingen führend zu sein, hinke aber "beim Schaffen von Frieden hinterher". Das sei beschämend. Das ukrainische Volk etwa habe in der Geschichte, etwa rund um den Zweiten Weltkrieg, viel Leid ertragen. Es verdiene Frieden.

Das ukrainisch-russische Spannungsverhältnis beschäftigt den Papst nicht erst seit der aktuellen Konfliktverschärfung. Nicht immer traf er dabei für ukrainische Ohren den richtigen Ton. Als der Konflikt in der Ostukraine und auf der Krim vor rund acht Jahren ausbrach, warnte Franziskus vor einem "Bruderkrieg". "Bürgerkrieg" kam nicht über seine Lippen.

Griechisch-katholische Kirche mit 4,5 Millionen Mitglieder

Putin begründet "Volksrepublik"-Anerkennung religiös

Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Montagabend die "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk per Dekret als unabhängige Staaten anerkannt. In einer langen TV-Ansprache führte er als Argument für den Schritt unter anderem eine angebliche Verfolgung von orthodoxen Christen des Moskauer Patriarchats in der Ukraine an.

Beide Regionen gehören zur Ukraine, sind aber seit 2014 unter der Kontrolle prorussischer Separatisten. "In Kiew bereiten sie weiter Gewaltakte gegen die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats vor", so Putin.

Drei Kuppeln einer russisch-orthodoxen Kirche mit Kreuzen  / © Galina Chet (shutterstock)
Drei Kuppeln einer russisch-orthodoxen Kirche mit Kreuzen / © Galina Chet ( shutterstock )

Kritik gab es auch für die Wortwahl in der gemeinsamen Erklärung mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. nach dem historischen Treffen 2016 auf Kuba. Katholiken in der Ukraine zeigten sich enttäuscht. Kyrill setzte nach dem Treffen im Beisein von Kubas Präsident Miguel Diaz-Canel noch einen drauf. Er erklärte, die griechisch-katholische Kirche inspiriere den Ukraine-Konflikt. Und Franziskus habe auch Schwierigkeiten mit ihr.

Die griechisch-katholische Kirche der Ukraine ist die größte katholische Ostkirche. Zu ihr bekennen sich nach Angaben des Vatikan weltweit rund 4,5 Millionen Christen. 2018 besuchte Franziskus in Rom die dortige Gemeinde. Viele werteten dies als Ersatz für einen Besuch im Land. Dort erwähnte der Papst den Krieg in der Ostukraine jedoch nur kurz. Er erinnerte daran, dass viele Ukrainer in Italien auch mit Angst an ihre Heimat dächten "wegen der Geißel des Krieges und der wirtschaftlichen Schwierigkeiten". Er werde aber den "Prinz des Friedens bitten, die Waffen in der Ukraine zum Schweigen zu bringen".

Letztlich bleibt Franziskus wohl seiner Linie treu. Für ihn stehen bei aller Hilfe für die Unterdrückten der Frieden aller und die Geschwisterlichkeit im Vordergrund. Partikularinteressen sieht er mit großer Skepsis. Keine Partei dürfe die ihrigen in den Vordergrund stellen. Das betont er immer wieder. Er unterscheidet sich damit vom Kurs seines Vorvorgängers Johannes Paul II. im Jugoslawien-Krieg der 1990er Jahre. Dieser rechtfertigte militärisches Vorgehen gegen einen Aggressor.

"Gott will, dass wir Brüder sind, nicht Feinde"

Zugleich appelliert Franziskus dezidiert an den Einzelnen, sein Gewissen zu prüfen. "Gott will, dass wir Brüder und nicht Feinde sind". Bruder sein möchte Franziskus auch mit dem Moskauer Patriarchen. "Wir sagen uns die Dinge direkt ins Gesicht - aber als Brüder", so der Papst Anfang Dezember auf dem Rückflug von Athen. Ein mögliches zweites Treffen der beiden könnte laut Medienberichten im Sommer auf neutralem Boden stattfinden. Auch hier belastet der russisch-ukrainische Konflikt die Lage unweigerlich.

Dennoch zeigt sich die griechisch-katholische Kirche der Ukraine offen für ein erneutes Treffen von Moskauer Patriarch und Papst. Sie wünscht sich aber vor allem einen Besuch von Franziskus in Kiew selbst. "Die Menschen in der Ukraine sagen: Wenn der Papst in die Ukraine kommt, wird der Krieg enden, denn wenn der Papst kommt, tut er es als Friedensbote", erklärte der ukrainische Großerzbischof Swjatoslav Schewtschuk.

Autor/in:
Anna Mertens
Quelle:
KNA