Papst beruft einst illegalen Einwanderer zum Hirten in Trump-Hochburg

Vom Kofferraum auf den Bischofsstuhl in West Virginia

Die Neubesetzung des Bischofsstuhls im kleinen Wheeling-Charleston hat große Symbolkraft. Mit Evelio Menjívar Ayala schickt Papst Leo XIV. einen einst illegalen Einwanderer als Hirten in die Trump-Hochburg West Virginia.

Autor/in:
Bernd Tenhage
Evelio Menjivar-Ayala / © Lola Gomez/CNS photo (KNA)
Evelio Menjivar-Ayala / © Lola Gomez/CNS photo ( KNA )

Seine neue Wirkungsstätte ist für Evelio Menjívar Ayala "fast der Himmel". Damit spielt der 55-Jährige auf John Denvers Slogan des Appalachen-Staates an: "Almost Heaven – West Virginia". Der neue Bischof erzählt Reportern, dass er die Bluegrass-Musik von dort immer schon geliebt habe. Sie erinnere ihn an die Berge El Salvadors und an die Einfachheit der Menschen dort.

Blick auf den Vulkan Chichontepec in El Salvador / © Joachim Heinz (KNA)
Blick auf den Vulkan Chichontepec in El Salvador / © Joachim Heinz ( KNA )

Bischof Evelio lässt dabei fast vergessen, wie historisch seine Berufung eigentlich ist – und wie weit die Bedeutung über die kleine Diözese Wheeling-Charleston hinausragt: Menjívar ist der erste ehemals undokumentierte Einwanderer, der in den USA einen Bischofsstuhl besteigt.

Katholiken stellen in West Virginia eine verschwindend kleine Minderheit dar. Latinos meiden den armen Appalachen-Staat, und die Einheimischen gelten als treue Anhänger von Donald Trump. Der holte dort bei den Wahlen 70 Prozent der Stimmen – auch mit seinem Versprechen, als Präsident die "größte Massenabschiebung in der Geschichte" der USA durchzuführen.

"Für uns Einwanderer gibt es keine Grenzen"

Dass Papst Leo XIV. ausgerechnet dorthin einen Bischof entsendet, der selbst einst als "Illegaler" aus El Salvador in die Vereinigten Staaten kam, ist Botschaft genug. Der Papst habe mit seiner Berufung zeigen wollen, dass Migranten bereit seien, überallhin zu gehen, sagt Menjívar dem TV-Sender CNN. "Für uns als Einwanderer gibt es keine Grenzen."

Papst Leo XIV. / © Andrew Medichini/AP (dpa)
Papst Leo XIV. / © Andrew Medichini/AP ( dpa )

Menjívar kam am 14. August 1970 in Chalatenango zur Welt, einer Provinz im Norden El Salvadors. Der Ort war ein blutiger Schauplatz des Bürgerkriegs, der zwischen 1979 und 1992 mehr als 75.000 Menschenleben forderte. Mit 20 Jahren sah er in seiner Heimat keine Zukunft mehr. Nach zwei vergeblichen Versuchen gelang ihm 1990 nahe dem mexikanischen Tijuana die Flucht in die USA - versteckt im Kofferraum eines Autos.

In Los Angeles traf er seine Schwester wieder. Er lernte Englisch, später auch Italienisch, studierte Theologie und ließ sich zum Priester weihen. Mehr als zwei Jahrzehnte wirkte er im Erzbistum Washington; zunächst als Kaplan in Germantown und Bethesda, dann an der Kathedrale St. Matthew, später als Pfarrer einer spanischsprachigen Gemeinde.

"Er ging mit ihnen"

Ende 2022 ernannte ihn Papst Franziskus zum Weihbischof in der Hauptstadt. Damit war Menjívar der erste aus Mittelamerika stammende Bischof in den USA. Als Wahlspruch wählte er "Ibat cum illis" – "Er ging mit ihnen" aus dem Lukas-Evangelium. Seit Trumps Machtübernahme erhebt der Bischof immer lauter seine Stimme gegen Abschiebungen.

Papst Franziskus am 25. April 2024 auf dem Petersplatz im Vatikan. Im Hintergrund eine Fahne mit der Aufschrift "Ti amo" (dt. Ich liebe dich) / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus am 25. April 2024 auf dem Petersplatz im Vatikan. Im Hintergrund eine Fahne mit der Aufschrift "Ti amo" (dt. Ich liebe dich) / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

"Die bloße Tatsache, undokumentiert die Grenze überquert zu haben, sollte nicht die gesamte Geschichte eines Einwanderers bestimmen." Nun wechselt Bischof Evelio, wie er bevorzugt genannt werden möchte, in einen Bundesstaat, der gegensätzlicher kaum sein könnte. Nur sechs bis acht Prozent der Menschen in West Virginia sind katholisch. Darin sieht der Bischof eine Chance. "Wir können das Evangelium auf stille, demütige, unaufdringliche Weise bezeugen", sagte er der "Washington Post". Er wolle Bischof einer "dienenden Kirche" sein, die an der Seite der Menschen steht.

Bischof Evelio versteht sich als Seelsorger. Das politische Signal seiner Berufung redet er dennoch nicht klein. Sie machte weltweit Schlagzeilen – und folgte Papst Leos öffentlichem Streit mit dem US-Präsidenten sowie dessen Kritik an der "unmenschlichen Behandlung der Einwanderer in den Vereinigten Staaten".

"Politik ist im Leben unausweichlich"

Menjívar nimmt selten ein Blatt vor den Mund – und setzt sich lautstark für die Rechte von Einwanderern ein. Priester sollten nicht für Parteien Wahlkampf führen, sagt er zwar – wegducken dürften sie sich aber auch nicht. "Politik ist im Leben unausweichlich", sagte er dem Sender CNN; man könne "das Evangelium nicht im luftleeren Raum predigen".

Auch nach seiner geplanten Amtseinführung am 2. Juli in West Virginia will Bischof Evelio seine Stimme zum Schutz der Menschenwürde erheben. Das sei persönlich. "Es ist die Geschichte meines Volkes." Ihm selbst droht Abschiebung nicht mehr; er hat die US-Staatsbürgerschaft vor 20 Jahren erhalten. Doch die Erfahrung – einst im Kofferraum angekommen, nun auf dem Bischofsstuhl in Trumps Hochburg – dürfte sein Wirken prägen.

Quelle:
KNA