Paar erlebt Flucht sowohl aus Syrien wie aus der Ukraine

"Die Sehnsucht nach der Heimat ist wie eine offene Wunde"

Wieder Panzer, Bomben und Raketen. Wieder Todesangst und wieder Zerstörung. Für Ali und Victoria Arif wiederholt sich ein Trauma. Mit ihren vier Kindern stehen sie nach der Flucht aus Lugansk erneut vor dem Nichts.

Ukraine, Borodjanka: Zerschossene Wohnblöcke / © Ukrinform (dpa)
Ukraine, Borodjanka: Zerschossene Wohnblöcke / © Ukrinform ( dpa )

"Wenn nicht gerade Krieg herrscht, ist die Ukraine ein paradiesischer Ort", stellt Ali Arif mit leiser Stimme fest. "Aber was ist das schon wert, wenn dort, wo einmal unser Zuhause war, keine Menschen mehr leben, weil alles in Trümmern liegt?" Trauer und Verzweiflung stehen dem 49-Jährigen im Gesicht geschrieben. Immer wieder wischt er sich verstohlen Tränen aus den Augen. "Wir hatten einmal ein gutes Leben, aber nun müssen wir zum zweiten Mal erleben, was es bedeutet, mittel- und heimatlos zu sein, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, keinen Ort mehr zu haben, der uns vertraut ist. Das ist ein Schmerz, der sich nicht beschreiben lässt."

Dann steht er wortlos auf und wendet sich ab. Niemand soll sehen, wie er sein Gesicht in den Händen vergräbt, weil ihn jeder Gedanke an die furchtbaren Geschehnisse der letzten Monate an seine Grenzen bringt, sein Körper vom Weinen geschüttelt wird. Trotzdem will Ali darüber sprechen – auch weil ihm und seiner Frau Victoria so richtig bisher noch niemand zugehört hat. Wie auch. Die beiden sprechen Russisch, Ukrainisch und Arabisch. Ohne Dolmetscher kommt kein Gespräch zustande.

Ali und Victoria Arif sind mit ihren vier Kindern aus Kreminna in der Ostukraine geflohen / © Beatrice Tomasetti (DR)
Ali und Victoria Arif sind mit ihren vier Kindern aus Kreminna in der Ostukraine geflohen / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Seit Anfang März lebt das Paar mit seinen Kindern Arsenii, Aksenia, Ljubana und Salim im Generali-Gästehaus inmitten des Parks von Schloss Bensberg im Bergischen Land. Eigentlich herrscht hier Idylle pur. Hinter altem Baumbestand erhebt sich das imposante Barockschloss aus der Zeit von Kurfürst Jan Wellem. Mit knapp 40 anderen aus der Ukraine geflüchteten Frauen und Kindern haben sie hier in unmittelbarer Nähe zu dem historischen Prachtdenkmal freundliche Aufnahme gefunden, werden rund um die Uhr versorgt und können an viele Angebote andocken, die ihnen die benachbarte Kirchengemeinde oder auch die Stadt Bergisch Gladbach macht.

Doch das ist nur die eine Seite: dass sie in Sicherheit sind und die deutsche Gastfreundschaft zu schätzen wissen. Eine andere Wahrheit ist, dass sie nichts mehr haben außer sich selbst. Trotzdem sind sie dankbar, dem massiven Dauerbeschuss in Kreminna, einer Kleinstadt des prorussischen Teils der Volksrepublik Lugansk in der Ostukraine entkommen zu sein und am blauen Himmel statt Munitionssalven zu hören zwitschernde Vögel in der Frühlingssonne sehen. Eine irreale Situation nach allem, was sie durchgemacht haben.

Syrischen Bürgerkrieg in Rakka erlebt

Die Geschichte des Paares beginnt 1993 in Charkiw, wo sich die beiden – er gebürtiger Syrer, sie Ukrainerin – während ihres Pharmaziestudiums kennenlernen. Über ein Austauschprogramm, das auch viele Studenten aus dem Iran, dem Irak, Marokko und dem Nahen Osten anzieht, bekommt Ali einen Studienplatz in der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Die Bedingungen gelten als ideal. Doch nach dem Examen zieht es ihn zurück in die Heimat: nach Rakka am mittleren Euphrat im Norden Syriens, wo er geboren ist. Dorthin begleitet ihn auch Victoria, mit der er sich eine Existenz als Apotheker aufbauen will.

Doch 2013, als der syrische Bürgerkrieg immer näher rückt, wird die Stadt vom IS erobert, der zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Nachbarstädte unter seine Kontrolle gebracht und dabei Gräueltaten an der zivilen Bevölkerung verübt hat. Rakka wird zu einem militärischen IS-Hauptquartier, und die Einnahme der Stadt macht ihre Bewohner zu Gefangenen in ihrem eigenen Haus. "Die Erstürmung von Rakka hat unsere Bedrohungslage täglich verschärft, kaum jemand traute sich noch vor die Tür", erinnert sich Ali an die akute Gefahr von damals. "Während draußen die Straßenkämpfe tobten, hielten wir uns immer in Zimmern ohne Außenwände auf – aus Angst vor tödlichen Einschüssen. Am Ende haben wir mit allen vier Kindern, darunter unser gerade wenige Tage zuvor geborener Sohn Salim, in einem Zimmer geschlafen."

Ali Arif, Geflüchteter

"Den Lärm der Panzer, Bomben und Raketeneinschläge habe ich heute noch im Ohr. Das vergisst man nicht mehr."

Doch für den verzweifelten Familienvater bleiben die Nächte ruhelos. Immer wieder betrachtet er seine Kinder und weiß: Wenn sie hier bleiben, werden sie alle sterben. Und wenn er auf der Flucht getötet wird, haben sie niemanden mehr, der für sie sorgt. Nach drei Monaten Todesangst, so schildert Ali Arif das Ausharren in Rakka, wagt er trotz unerbittlicher Auseinandersetzungen der militärischen Truppen in der mittlerweile vollkommen eingekesselten Stadt die Flucht mit seiner Familie zu den Eltern aufs Land. "Hier waren wir erst einmal in Sicherheit, auch wenn ich den Lärm der Panzer, Bomben und Raketeneinschläge um uns herum noch heute im Ohr habe. Das vergisst man nicht mehr."

Mit seinen 15 Geschwistern und vielen Kindern, darunter allein fünf Neugeborene, leben sie vorübergehend unter einem Dach, wollen aber weiter. Allerdings gibt es kaum noch Fluchtwege, nur Damaskus ist noch passierbar. Außerdem braucht die Familie dringend Papiere für eine offizielle Ausreise, was ein Problem ist, weil die Behörden ihre Arbeit weitgehend eingestellt haben. "Vor allem fehlte eine Geburtsurkunde für Salim, die wir bei der ukrainischen Botschaft beantragen mussten und die man aus Sicherheitsgründen ins 600 Kilometer entfernte Beirut schicken wollte, wo wir das Dokument abholen sollten."

Russisches Eingreifen im Syrien-Krieg zeigt brutales Vorgehen

Unter Lebensgefahr wagt die Familie die unausweichliche Reise in den Libanon. "Es war nicht klar, ob wir diese Fahrt am Militärflughafen vorbei und mit weiten Strecken durch die Wüste überleben würden", schildert Victoria rückblickend. "Damit die Kinder nichts mitbekamen, habe ich ihnen ihre Mützen weit über die Augen gezogen. Es war eine Fahrt auf Leben und Tod. Wir wussten aber, das war unsere einzige Chance, dieser Hölle zu entkommen. Außerdem brauchte unsere damals sechsjährige Tochter Ljubana dringend Insulin. Es gab also keinen Ausweg."

Später, als dann auch noch die Russen in den Krieg eingegriffen, gegen die Anti-Assad-Opposition vorgegangen und mit ihren Luftbombardements die syrische Armee bei ihren Operationen am Boden dabei unterstützt hätten, gemeinsam mit schiitischen Milizen die Kontrolle über die strategisch wichtigen Gebiete in West- und Nordsyrien wiederzuerlangen, habe sich das ganze Ausmaß dieses brutalen Vorgehens gezeigt. Die von den Russen eingesetzten Streubomben und andere teils international umstrittene Munitionsarten haben in der Tat verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung. Schließlich werden allein in den ersten drei Monate der russischen Luftangriffe fast 1000 Zivilisten getötet, darunter etwa ein Fünftel Kinder, wie es von offizieller Seite heißt. "Überlebt hat nur, wer fliehen konnte", sagt Victoria.

Große Leere im Herzen und grenzenlose Trauer

Tage später kommen die Arifs in der Ukraine an, der Heimat der heute 50-Jährigen. Hier wollen sie neu anfangen, was nicht leicht ist. Schließlich mussten sie alles zurücklassen: ihren wirtschaftlichen Wohlstand, aber auch alle Angehörigen, bei denen sie vorübergehend Schutz gefunden hatten. Inzwischen sei Rakka von den Kurden annektiert, erklärt Ali. Eine seiner Schwestern sei mit nur 23 Jahren verstorben, weil es keine ausreichend medizinische Versorgung mehr in Syrien gebe.

Auch der Tod seiner Mutter habe ihn tief getroffen. Beerdigen konnte er sie nicht. "Meine Familie habe ich seit unserer Flucht nie wieder gesehen, ein Zurück gibt es nicht mehr." Dann bricht ihm die Stimme. "Dabei kann der Mensch doch nicht ohne seine Wurzeln leben", fügt er mit Tränen in den Augen noch hinzu. Und: "Ohne meine Familie ist alles nichts." Verloren fühle er sich – und heimatlos. "Ich spüre eine große Leere im Herzen und eine grenzenlose Trauer. Die Sehnsucht nach der Heimat ist wie eine offene Wunde."

Und nun also wieder Flucht: diesmal aus der Ukraine. Wo sie erneut Fuß gefasst, wieder bei Null angefangen und ein glückliches Leben, Familie und Freunde gehabt hätten. Nicht annähernd vorstellbar sei gewesen, dass sich die traumatische Erfahrung des Heimatverlustes noch einmal auf fast identische Weise wiederholen würde. "Selbst als wir den Aufmarsch der russischen Truppen an der Grenze zu Lugansk gesehen haben, konnten wir nicht glauben, dass Putin ernst macht. Niemand hat das geglaubt."

Victoria Arif, Geflüchtete

"Wir wussten: nur weg von hier, bevor sie unser Haus wegbomben. Jeder Knall löste Panik aus. Schließlich hatten wir das alles schon mal genauso erlebt."

Aksenia, die älteste Tochter, studiert in Charkiw und muss am 24. Februar eine Prüfung absolvieren. "Ich bin sofort hin und habe sie abgeholt. Schon einen Tag später waren alle Brücken gesprengt und die Zufahrten blockiert", erzählt Ali. Anfangs habe er noch geglaubt, der russische Angriff sei nach einer Woche abgewehrt. Dann aber habe er begriffen, dass dieser Krieg so schnell nicht vorbei sein würde. Schon wenige Tage später habe sich eine Fluchtroute nur noch über Donezk, dem Zentrum des Kohlereviers Donbass, abgezeichnet.

Wieder hören die Arifs von weitem Panzergeschosse, Explosionen, dumpfe Detonationen und berstendes Glas. "Mit jedem Tag wurde die Versorgung schwieriger, die gesamte Umgebung war unter Beschuss. Mit dem Auto konnte man nicht mehr weg. Jeder Wagen wurde konfisziert." Schließlich hätten sie sich innerhalb von zehn Minuten zur Flucht entschieden. "Plötzlich musste alles ganz schnell gehen. Jeder hat eine Tasche mit dem Nötigsten gepackt. Alles andere blieb – wie damals – zurück."

Victoria, Ali, Arsenii, Aksenia, Ljubana und Salim Arif gehören mit zu den Ersten, die Kreminna den Rücken kehren. "Ziellos sind wir in einen Bus gestiegen. Wir wussten: nur weg von hier, bevor sie unser Haus wegbomben. Jeder Knall löste Panik aus. Schließlich hatten wir das alles schon mal genauso erlebt." Später erfahren sie, dass der ganze Straßenzug, in dem ihr Haus stand, von russischen Bomben zerstört wurde. Noch wochenlang hätten sie Kontakt zu Freunden gehabt, die sich in einem Krankenhauskeller verschanzt hätten. Mittlerweile gäbe es zu ihnen keine Verbindung mehr.

Ali Arif, Geflüchteter

"Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich morgen am Tag in die Ukraine zurückkehren."

"Und dennoch", gesteht Ali, "wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich morgen am Tag in die Ukraine zurückkehren." Wenn nur die Angst nicht so groß wäre, ergänzt Victoria, auch vor den vielen Minen, die nun weite Teile des Landes unbewohnbar machten. In Deutschland seien sie noch lange nicht wirklich angekommen. "Auch wenn die Menschen freundlich zu uns sind und wir versuchen, unsere Zukunft in diesem fremden Land zu sehen." Sollten sie hier bleiben, dann nur der Kinder wegen. "Weil sie eine Perspektive brauchen und nicht ihr Leben lang Flüchtlinge sein sollen – wie wir. Allein schon deshalb müssen wir die Hoffnung haben, dass alles gut wird."

Doch bis dahin ist es für die sechsköpfige Familie noch ein weiter Weg. "Meine Gedanken kreisen Tag und Nacht um die Ukraine, wo wir glücklich waren, aber die Menschen, die wir zurückgelassen haben, nun kein Wasser, keinen Strom und nicht einmal mehr ein Stück Brot haben", sagt Ali. "Warum wir? Was haben wir getan, dass wir so hart bestraft werden?", fragt sich Victoria seit ihrer Flucht aus Kreminna immer wieder. Eine Antwort hat sie nicht. Dafür Schuldgefühle, weil sie – anders als die vielen Zurückgebliebenen – nun in Deutschland im Frieden leben. Und wieder kämpft ihr Mann mit den Tränen, als er sagt: "Ich habe Sehnsucht nach Syrien, aber mein Herz ist in der Ukraine. Im Moment kann ich an nichts anderes denken. Denn meine Heimat werde ich vielleicht nie wiedersehen."

Spenden für Opfer des Krieges in der Ukraine

Viele Menschen möchten den Opfern des Krieges in der Ukraine möglichst konkret helfen. Fachleute halten Geldspenden beinahe immer für den besseren Weg als Sachspenden. DOMRADIO.DE hat eine Liste mit Spendenmöglichkeiten erstellt.

Wer einen Geldbetrag spenden möchte, sollte diesen am besten einer oder maximal zwei Organisationen zukommen lassen. Das mindert den Werbe- und Verwaltungsaufwand der Organisationen.

DOMRADIO.DE empfiehlt Spenden an folgende Hilfsorganisationen:

 

Caritas International

Hilfsbereitschaft für die Ukraine / © Halfpoint (shutterstock)
Hilfsbereitschaft für die Ukraine / © Halfpoint ( shutterstock )
Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Quelle:
DR