Ökumenische Jury in Cannes prämiert Drama "Broker"

Barmherzigkeit und mitmenschliche Solidarität

Die Entscheidung der Ökumenischen Jury, ihren Preis für den besten Film des 75. Filmfestivals in Cannes an den japanischen Film "Broker" zu vergeben, war keine große Überraschung. Im Zentrum des Films steht ein stets aktuelles Motiv.

Regisseur Hirokazu Koreeda (r) und Schauspieler Song Kang-ho auf dem 75. Filmfestival von Cannes / © Petros Giannakouris/AP (dpa)
Regisseur Hirokazu Koreeda (r) und Schauspieler Song Kang-ho auf dem 75. Filmfestival von Cannes / © Petros Giannakouris/AP ( dpa )

In dem unterhaltsamen Road Movie geht es beispielhaft um das, wofür die christlichen Kirchen seit jeher eintreten: um Barmherzigkeit und eine mitmenschliche Solidarität, die nicht erst nach Herkunft, Geschichte, Religion oder Biografie fragt, sondern sich ungeschminkten Wirklichkeiten stellt.

Eine etwas andere "Familie"

In dem mit feinem Humor grundierten Film des Regisseurs Hirokazu Kore-eda geht es um einen Säugling, der von seiner Mutter, einer jungen Prostituierten, an der Babyklappe einer Kirche abgelegt wird. Dort fällt er zwei Gelegenheitsgaunern in die Hände, die das kleine Kind an eine Adoptivfamilie verkaufen wollen. Einen Tag später taucht die von Gewissensgebissen geplagte Mutter wieder auf und will nach ihrem Kind sehen. Um größeres Aufsehen zu vermeiden, lässt sie sich von dem Duo überreden, gemeinsam nach geeigneten Eltern zu suchen.

Damit bricht der um die südkoreanische Hafenstadt Busan spielende Film zu einer Reise mit mehreren Stationen auf. Den Reisenden schließt sich ein gewitzter Waisenjunge an, dessen lakonische Kommentare manche Situation treffend auf den Punkt bringen und dazu beitragen, dass die Zwangsgemeinschaft allmählich zusammenwächst und persönliche Dinge von sich preisgibt.

Im Schlepptau dieser unfreiwilligen Wahlfamilie bewegen sich zwei Polizistinnen, die es auf die "Baby-Broker" abgesehen haben und sich auf der langen Observation mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten und Sehnsüchten konfrontiert sehen.

Wahl der Ökumenischen Jury 

Der Film, so die Jury, führt auf recht intime Weise vor Augen, wie Menschen auch ohne verwandtschaftliche Beziehungen oder Blutsbande zu einer Familie zusammenwachsen können. Das Leben der Einzelnen, aber noch mehr ihr seelisches Heil, braucht ein beschützendes Umfeld, das sinnbildlich in dem alten Lieferwagen entsteht, mit dem die Gruppe unterwegs ist.

Nach und nach kommen so verdrängte oder verleugnete Aspekte und Erfahrungen zum Vorschein, die mit Schuld, Versagen und tiefen Ängsten verbunden sind. Die große Kunst von Regisseur Hirokazu Kore-eda besteht darin, aus diesen ungezwungenen Momenten ein feines erzählerisches Geflecht zu knüpfen, das trotz seiner fast märchenhaften Züge in der ähnlich ungezwungen gefilmten Realität der Menschen und des Landes verankert bleibt.

Die dokumentarische Sensibilität der Kamera, die mit lichten Bildern die südkoreanische Welt zwischen Häuserschluchten und Kinderspielplätzen einfängt, passt zum menschenfreundlichen Gestus einer Inszenierung, die mehr an emotionalen Veränderungen und einem freien Umgang miteinander interessiert ist als an melodramatischer Wucht oder dem Schock einer finalen Zuspitzung.

Mitglieder der Ökumenischen Jury beim 75. Filmfestival in Cannes waren Waltraud Verlaguet (Frankreich), Mariola Marczak (Polen), Dietmar Adler (Deutschland), Irina-Margareta Nistor (Rumänien), Praxedis Bouwman (Niederlande) sowie Monique Beguin (Frankreich).

Autor/in:
Josef Lederle
Quelle:
KNA