Menschenrechtlerin Narges Mohammadi weiter in Haft

Nur Druck auf das Regime in Teheran könnte helfen

Die iranische Frauen- und Menschenrechtlerinnen Narges Mohammadi hoffte, an ihrem Geburtstag frei zu kommen. Wegen der Corona-Pandemie hat das Regime Gefangene entlassen. Aber nicht die Aktivistin.

Narges Mohammadi (IGFM)
Narges Mohammadi / ( IGFM )

DOMRADIO.DE: Narges Mohammadi sitzt wegen ihres Engagements gegen die Todesstrafe und wegen "Propaganda gegen den Staat" seit Mai 2015 im Gefängnis. Im Zuge der Corona-Pandemie hat das iranische Regime Gefangene aus der Haft entlassen, aber nicht Narges Mohammadi. Sie verfolgen diesen Fall schon lange, hatten gehofft, dass die Menschenrechtlerin an ihrem heutigen Geburtstag vielleicht in Freiheit kommen wird. Wieso entlässt man sie nicht?

Martin Lessenthin (Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte): Der Iran sieht in Narges Mohammadi eine Symbolfigur für eine Frau, die es wagt, intellektuell und moralisch dem Regime die Stirn zu bieten und sich für die Schwachen einzusetzen. Sie personifiziert im Grunde auch durch ihr eigenes Leiden, was der Iran mit kritisch denkenden Frauen, die sich gesellschaftlich einbringen, praktiziert. Genau solche Menschen möchte der Iran nicht im Lichte der Öffentlichkeit sehen.

DOMRADIO.DE: Sie hat große gesundheitliche Probleme, wird aber nicht einmal zu ihrem eigenen Schutz in eine Einzelzelle verlegt.

Lessenthin: Das ist ein Punkt, wo wir jetzt versuchen, die Welt nochmal auf ihr Schicksal hinzuweisen und zu motivieren, beim Iran darzulegen, dass keinerlei Verständnis mit dieser Art von Sündenbock-Politik gegenüber Nargess Mohammadi geäußert werden kann. Narges gehört nicht zu den vielen Gefangenen, die jetzt auf Grund der Corona-Pandemie das Gefängnis generell oder zumindest befristet verlassen dürfen. Sie darf nicht befristet zu ihrer Familie heimkehren, sondern soll weiter leiden - trotz ihrer gesundheitlichen Situation, der Corona-Pandemie und des Umstandes, dass sie ja nun schon sehr lange inhaftiert ist.

DOMRADIO.DE: Sie ist ja international hoch geachtet, hat zum Beispiel 2016 den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar erhalten. Wäre internationaler Druck ein Mittel, um etwas zu bewirken?

Lessenthin: Das ist die einzige Möglichkeit, ihr Schicksal zu verbessern. Dieser Druck kann daran mitwirken, dass letztendlich doch eine Freilassung erreicht wird. Vor allem aber ist dieser Druck wichtig, damit Narges nicht als eine der im Gefängnis Vergessenen auf alles verzichten muss, zum Beispiel auf gesundheitliche und medikamentöse Behandlung.

Wir wissen wir durch entsprechende Berichte, dass sie sehr wohl über alles orientiert ist, was für sie in der Welt vorgeht. Wir möchten ihr auch eine moralische Stütze sein. Damit Narges auch selber dieses Signal spürt.

DOMRADIO.DE: Sie setzen sich in Ihrer Arbeit ja vor allem für Menschen ein, die wegen ihres Geschlechtes oder auch wegen ihrer Religion im Iran verfolgt werden. Wie ist die Situation aktuell?

Lessenthin: Der Iran ist leider ein Staat, in dem gerade aus diesen beiden großen Komplexen heraus viele Menschen zum Opfer von Menschenrechtsverletzungen gemacht werden. Zum Beispiel weil sie sich vom Islam abgewendet haben und Christen geworden sind, zu einer Konvertiten-Gemeinde gehören, in der Öffentlichkeit gebetet oder missioniert haben. Dann werden sie zu Opfern der Verfolgung. Sie werden inhaftiert. Es kommt zu Folter und Übergriffen auf die Familie und Angehörige.

Man versucht, diese Menschen auch von ihren Angehörigen zu spalten, zu isolieren und seelisch so fertigzumachen, dass dann vielleicht auch eine Re-Konversion zum Islam erfolgt. Darüber hinaus werden aber nicht nur Neu-Christen verfolgt und diskriminiert, sondern im Grunde alle religiösen Gemeinschaften, die der herrschenden Strömung, die durch den Revolutionsführer Khamenei symbolisiert wird, widersprechen oder einfach nur anders leben.

Tolerante Sufis zum Beispiel, die auch Muslime und Schiiten sind, dürfen nicht praktizieren und werden diskriminiert und bedroht. Es kommt zu Brandschatzungen und immer wieder zu körperlicher Gewalt gegen Sufis. Die Bahai gehören zu der religiösen Gruppe, die am meisten leidet. Bahai stammen aus dem Iran und es gibt mehrere Hunderttausende von ihnen, doch ihnen werden alle möglichen Chancen im Iran verwehrt. Zum Beispiel dürfen sie nicht studieren oder gesellschaftliche Positionen einnehmen.

Das ist die Art der religiösen Diskriminierung und Verfolgung im Iran im Jahr 2020, die schon viele Jahre anhält. Daran muss man immer denken, wenn man mit dem Iran wirtschaftlich zusammenarbeiten will oder schon mit ihm Geschäfte macht.

Das Interview führte Verena Tröster.

Iranische Nationalflagge / © Alexander Zemlianichenko (dpa)
Iranische Nationalflagge / © Alexander Zemlianichenko ( dpa )
Quelle:
DR
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