Sporthistorikerin Tzschoppe über Frauen bei Olympia

"Noch immer Nachholbedarf"

Frauen mussten sich ihre Teilnahme an Olympischen Spielen hart erkämpfen. Die erste "Frauenolympiade" vor 100 Jahren vom 24. bis 31. März 1921 in Monte Carlo war eine Wegmarke. Doch bei der Gleichberechtigung im Sport hakt es noch.

Zuschauerin bei den olympischen Spielen / © Hendrik Schmidt (dpa)
Zuschauerin bei den olympischen Spielen / © Hendrik Schmidt ( dpa )

KNA: Frau Tzschoppe, wie kam es zur ersten Frauenolympiade vor 100 Jahren?

Petra Tzschoppe (Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes und Sporthistorikerin an der Universität Leipzig): Frauen wollten sich auch an Wettkämpfen beteiligen - und wurden von Männern extrem gebremst, insbesondere in Sportarten wie der Leichtathletik, wo um Zeiten oder Weiten gekämpft wird. Pierre de Coubertin als Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit war in puncto Frauensport strikt ablehnend. Er meinte, dass öffentlich wetteifernde Frauen unattraktiv wären und Zuschauer dann auf andere Dinge schauen würden als auf den Wettkampf.

Also haben Frauen beschlossen, im März 1921 die ersten Olympischen Frauenspiele - vorrangig Leichtathletik-Wettbewerbe - auszutragen. Salopp gesagt: Weil sie nicht mitspielen durften, haben sie sich ihre eigenen Spiele geschaffen

KNA: Das heißt, sie waren vorher nur als Zuschauer erwünscht?

Tzschoppe: Als 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit durchgeführt wurden, hat Coubertin auf die Antike verwiesen; es gehe bei den Spielen um Werte wie männlichen Athletismus, Internationalismus, Fair Play - all das "mit weiblichem Applaus als Belohnung". Frauen durften Helden den Beifall spenden; quasi als Petersilie auf der Olympischen Platte. 1896 wurde das konsequent umgesetzt.

KNA: Wie ging es weiter?

Tzschoppe: Vier Jahre später in Paris nahmen bei den zweiten Olympischen Spielen tatsächlich Frauen teil. Die Spiele fanden im Rahmen der Weltausstellung statt und zogen sich über mehrere Monate hin. Im Golf und Tennis gab es die ersten Frauenwettbewerbe, zudem nahmen sie in offenen Klassen wie Segeln, Krocket oder Reiten teil. Golf und Tennis waren Sportarten der Oberschicht, es gab nur wenige Teilnehmerinnen. Ihr Sportoutfit entsprach den damaligen Erwartungen an Schicklichkeit und Dezenz. Dass Frauen so etwas wie Leichtathletik betreiben wollen, ging nicht nur Coubertin, sondern auch einigen anderen maßgeblichen Herren und Funktionären zu weit.

1912 bei den Spielen in Stockholm wurde die Sportart Schwimmen erstmals für Frauen ins Programm genommen. Coubertin war empört, dass diese feministischen Schweden die Schwimmwettbewerbe für Frauen geöffnet hatten, damit gewissermaßen ein Einfallstor für weitere Sportlerinnen geöffnet hatten.

KNA: Was hat dann die erste Frauenolympiade bewirkt?

Tzschoppe: Der Druck auf das Internationale Olympische Komitee nahm damit zu. Nachdem Coubertin 1925 aus dem Präsidentenamt geschieden war, beschloss das IOC schon ein Jahr später die Zulassung von Frauen zum Turnen und zu fünf leichtathletischen Wettbewerben, auch wenn die Frauen sich mehr gewünscht hätten.

KNA: Es gab also weiter große Vorbehalte gegen sporttreibende Frauen?

Tzschoppe: Ja, eine Episode aus dem Olympia-Jahr 1928 verdeutlicht das: Nach dem 800-Meter-Lauf, den übrigens die Deutsche Lina Radke-Batschauer gewonnen hatte, ließen sich einige Läuferinnen erschöpft auf die Aschenbahn sinken. Nach 800 Metern schnaufste halt ein bisschen und kannst auch mal in die Knie gehen. Das führte aber dazu, dass die Männer befanden, die Konstitution der Frauen sei für solch einen Lauf zu zart. Erst 1960 durften Frauen wieder in dieser Disziplin um den Olympiasieg kämpfen.

KNA: Um gleichberechtigt an Olympia teilnehmen zu können, brauchten Frauen also einen langen Atem...

Tzschoppe: Größere Fortschritte gab es eigentlich erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, etwa mit Teamsportarten wie Volleyball 1964 und Handball 1976. Mittlerweile ist das IOC erkennbar auf der Höhe der Zeit angekommen. Alle Sportarten sind für Männer und Frauen im Programm, 2024 sollen in Paris die ersten geschlechtergerechten Spiele mit 50 Prozent Athletinnen stattfinden.

KNA: Rhythmische Sportgymnastik und Synchronschwimmen sind ausschließlich weibliche Disziplinen. Gibt es umgekehrt auch Bestrebungen, dass die Männer da anklopfen?

Tzschoppe: Die klopfen schon länger. Im olympischen Programm sind sie noch nicht, aber bei Weltmeisterschaften im Synchronschwimmen gibt es bereits Mixed-Disziplinen ebenso wie Gymnastik Wettkämpfe für Männer in einigen Ländern.

KNA: Gibt es dennoch Punkte, wo es in Sachen Gleichberechtigung hakt?

Tzschoppe: Deutlicher Nachholbedarf besteht mit Blick auf Führungspositionen, auch wenn der Frauenanteil beim IOC inzwischen deutlich gestiegen ist. Bei anderen internationalen Sportverbänden gibt es noch großen Nachholbedarf. Stark unterrepräsentiert sind Trainerinnen; bei den letzten Olympischen Spielen betrug ihr Anteil nur 11 Prozent. Ähnliches gilt für Schiedsrichterinnen und Kampfrichterinnen. Auf jeden Fall ist der Handlungsbedarf inzwischen wahrgenommen worden und die Bereitschaft zur Veränderung durchaus erkennbar.

KNA: Ob Frauen an Olympia teilnehmen können, hängt auch heute zum Teil noch von der Nationalität oder Religionszugehörigkeit ab. Haben IOC und andere Sportverbände das im Blick?

Tzschoppe: Ja, das ist ein Thema. So hatte 1996 eine Initiative gefordert, Nationale Olympische Komitees zu sanktionieren, wenn sie ihre Teams ohne Frauen aufstellen. Diese Bestrebungen wurden verstärkt, so dass es 2012 im Vorfeld der Olympischen Spiele in London direkte Gespräche seitens des IOC mit den Ländern gegeben hat, die noch nie Frauen am Start hatten. Daraufhin hatten Saudi-Arabien, Brunei und Katar in London zum ersten Mal Sportlerinnen in ihren Delegationen.

Im vergangenen Jahr hat das IOC beschlossen, dass künftig eine Athletin und ein Athlet gemeinsam die Flagge ihres Landes beim Einmarsch der weltweit verfolgten Eröffnungsfeier vorantragen dürfen. Dies ist zwar nur ein Symbol, aber auch das gelingt eben erst dann, wenn in den Teams Frauen und Männer vertreten sind.

KNA: Blicken wir auf dieses Olympiajahr. Wie stehen aus Ihrer Sicht die Chancen, dass die Spiele in Tokio stattfinden?

Tzschoppe: So eine Pandemie gab es noch nie; seit 1896 sind die Spiele nur wegen der beiden Weltkriege ausgefallen. Das Fragezeichen über Tokio kann derzeit niemand ganz ausräumen. Sowohl das japanische Organisationsteam als auch das IOC wollen die Spiele - aber immer unter Vorrang der Gesundheit. Die Aktiven möchten in Tokio um Olympiagold wetteifern, beanspruchen aber, das finde ich bemerkenswert, keine Sonderrechte bei der Impfung.

Möglicherweise finden die Spiele ohne Publikum oder in anderer eingeschränkter Form statt, so dass zumindest die Aktiven im Wettkampf ihre Leistungen messen könnten. Dieses Szenario halte ich für das wahrscheinlichste: eine reduzierte Variante, bei der zumindest die Wettbewerbe ausgetragen werden können.

Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes und Sporthistorikerin Petra Tzschoppe (rechts) / © Robert Michael/dpa-Zentralbild (dpa)
Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes und Sporthistorikerin Petra Tzschoppe (rechts) / © Robert Michael/dpa-Zentralbild ( dpa )
Autor/in:
Angelika Prauß
Quelle:
KNA
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