Neun Pfarrer richten offenen Brief ans Erzbistum Köln

"Unsere Sprache ist total antiquiert"

Neun Priesterweihe-Kollegen aus dem Jahr 1967 haben einen offenen Brief an das Erzbistum Köln geschrieben, vor fünf Jahren gab es schon einmal einen. Was empfehlen die bewährten Priester ihrer Kirche darin?

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DOMRADIO.DE: Warum dieser Brief?

Msgr. Gerhard Dane / © domradio
Msgr. Gerhard Dane / © domradio

Gerhard Dane (Pfarrer und Subsidiar im Sendebereich Bedburg-Elsdorf): Wir haben gedacht, bevor wir die Augen und den Mund schließen müssen, was schon zehn von uns getan haben, sollten wir ihn noch mal öffnen, in dieser schwierigen Situation. Und noch mal klar sagen, was wir für die Zukunft der Kölner Kirche und überhaupt der Kirche wichtig finden. Und wir haben in diesem Brief mal bewusst weggelassen, was jeden Tag in der Zeitung steht, sondern eher in die Zukunft geschaut.

DOMRADIO.DE: "Wir leiden mit zahlreichen früher hoch engagierten Christen, die zwischen Zweifeln und Verzweiflung ihren Glaubensweg suchen", steht da drin. Was sind denn die Gründe dafür?

Dane: Die Kirche hat sich zu weit vom Evangelium und von Jesus entfernt. Sie ist gewissermaßen aus der Zeit gefallen. Es ist zu viel, was Leute heute nicht mehr verstehen. Und vor allen Dingen, das ist mein spezielles Thema, unsere Sprache ist total antiquiert. Das sind Begriffe, die die Leute heute nicht nur falsch verstehen, sondern die sie nicht verstehen und falsch verstehen. Das bedrückt mich sehr. Wir müssen anders reden und anders glauben.

DOMRADIO.DE: Was kann man da verändern?

Dane: Alles. Es gibt kaum ein Wort in der Bibel, was wir nicht in unsere Zeit übersetzen müssen. Das fängt schon an, sagen wir mal: Vater unser im Himmel. Wo ist das denn? Himmel über den Wolken auf einem Thron? Ein alter Mann mit Bart? Oder verwechseln wir diesen Vater mit unserem eigenen, leiblichen Vater, mit dem wir vielleicht Probleme hatten? Es gibt kaum ein Wort, was wir nicht genau anschauen müssen, in der Hinsicht, was heißt das jetzt für mich und für uns?

DOMRADIO.DE: "Anstatt sich in endlosen Strukturdebatten zu erschöpfen, gilt es heute vor allem, sich beherzt auf den Weg Jesu zu machen", ist ein weiteres Zitat aus dem Brief. Daraus lese ich, dass Sie finden, dass die Katholische Kirche diesen Weg Jesu nicht immer beschreitet?

Dane: Da hängt uns zu viel Tradition an. Das Argument, dass es doch immer so war, ist tödlich. Nicht nur bei der Kirche übrigens. Die Wahrheit ist ein Weg und die Kirche muss sich auf den Weg machen und auf dem Weg bleiben und nicht immer sagen: Weil es immer so war, muss es jetzt in Ewigkeit Amen so sein. Jesus will uns nicht in einem Bunker, sondern auf einem Weg.

Zölibat

Das Wort "Zölibat" kommt von dem lateinischen Ausdruck caelebs, was so viel bedeutet wie ehelos. Der Begriff "Zölibat" bezeichnet die von Priestern und Mönchen zahlreicher Religionen geforderte Ehelosigkeit und den Verzicht auf jede Form der sexuellen Betätigung. Begründet wird der Zölibat in erster Linie mit dem Hinweis darauf, dass Jesus Christus selbst ehelos war und die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" für diejenigen empfahl "die es erfassen können" (Mt 19,12).

Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel (KNA)

DOMRADIO.DE: Jetzt ist der Weihejahrgang damals wirklich hoch motiviert gewesen. Sie und die anderen Pfarrer waren geradezu beseelt von dem, was damals in der Kirche beim Zweiten Vatikanum passiert ist. Heute haben wir das Problem Priestermangel. Das hängt miteinander zusammen. Brauchen wir ein drittes Vatikanum?

Dane: Ich glaube nicht, dass das dritte Vatikanum schon jetzt etwas bringen würde. Wir müssen erst mal wirklich umdenken und wir müssen andere Zugänge zum Priesteramt schaffen. Ich kenne so viele junge Leute, die würden wunderbare Priester sein, aber die Eingangsbedingungen sind unvereinbar: nur unverheiratete Männer, nur Männer, die auch die Gabe haben allein zu leben und die sollen gleichzeitig großartigen Kontakt schaffen, also das ist irgendwie unvereinbar. Du sollst Eremit sein können in einem Pfarrhaus und gleichzeitig Spezialist für den Kontakt der Menschen untereinander und der Menschen mit Gott.

DOMRADIO.DE: Das heißt, würden Sie das Pflichtzölibat abschaffen, wenn Sie könnten?

Dane: Sofort. Das heißt nicht, dass es nicht eine wunderbare Möglichkeit ist. Das Pflichtzölibat wird aber nicht mehr lange dauern können. Man kann doch nicht den Menschen das Wichtigste, nämlich die Eucharistie vorenthalten, weil es nicht genug zölibatäre Vorsteher dieser Feier gibt. Das geht auf die Dauer nicht. Es grenzt an Sünde, dass bei uns, aber erst recht mal in Lateinamerika zum Beispiel, so viele Gemeinden ohne die Eucharistie den Sonntag erleben müssen, weil sie keinen zölibatären Vorsteher haben. Da knebelt die Kirche sich selbst. Die Apostel waren doch alle verheiratet, außer  Paulus und vielleicht Johannes.

DOMRADIO.DE: Deswegen steht ja auch in dem Brief: "Warum sollten Männer und Frauen nicht auch damit beauftragt werden, die sonntägliche Messfeier zu halten bzw. ihr vorzustehen?" Das würden konservative Kreise in der katholischen Kirche nicht unterschreiben.

Dane: Es ist leider immer noch so. Aber deshalb schlagen wir ja auch gemäßigt und altersweise, wie wir manchmal sind, vor, dass zunächst einmal auch in Köln, wie in anderen deutschen Diözesen schon lange erlaubt wird, sonntags Wortgottesdienste zu feiern, wo bewährte und tüchtige Frauen und Männer die Leitung haben und die Heilige Kommunion ausgeteilt wird, von einer Messe, die schon eine Woche oder zwei Wochen vorher war.

Das Interview führte Martin Mölder.

Quelle:
DR