Vatikan-Finanzen bleiben undurchsichtig

Neue Skandale trotz verschärfter Aufsicht

Mit Blick auf die Vatikan-Finanzen sagte der Papst unlängst, es gebe "einen Skandal". Worin der genau besteht, ließ Franziskus offen - nur soviel: Die vatikanische Justiz ermittele. Man darf gespannt sein, wie weit sie kommt.

Autor/in:
Roland Juchem
Polizei vor dem Petersdom / © Maciej Matlak (shutterstock)
Polizei vor dem Petersdom / © Maciej Matlak ( shutterstock )

Kurz nach der ungewöhnlichen Razzia am 1. Oktober im vatikanischen Staatssekretariat und der Finanzaufsicht AIF wurde ein verunglückter Immobilien-Deal in London bekannt. Wer genau ihn verantwortet und wie groß das Verlustgeschäft war, ist unklar. Unklar auch, ob "der Skandal" mit einer anderen Investition des Staatssekretariates zusammenhängt, von der jetzt der Mailänder "Corriere della Sera" berichtet.

Es geht um einen Private-Equity-Fonds, der auf Malta registriert ist und von dem in der Schweiz lebenden Italiener Enrico Crasso verwaltet wird. Der "Centurion Global Fonds" soll laut der Zeitung zu zwei Dritteln mit Vatikan-Geldern bestückt sein. Bei einem Gesamtumfang von rund 66 Millionen Euro wären das 44 Millionen, deutlich weniger als die dreistellige Millioneninvestition in London.

Der Fonds investiert unter anderem in Immobilien wie den italienischen Sitz des schwedisch-schweizerischen Energie- und Technikkonzern ABB. Auch Italiens schillernde Unternehmerpersönlichkeit Lapo Elkann aus dem Agnelli-Clan mit seinen Brillen- und Lifestyle-Produkten arbeitet mit "Centurion"-Kapitel und ein Startup-Unternehmen, das internetbasierte Lösungen zur Senkung von Gas- und Stromrechnungen anbietet. Dass Vatikan-Gelder, wenn sie denn im "Centurion" stecken, auch die Produktion von "Rocketman", der Filmbiografie von Elton John, sowie die letzte Folge der "Men in Black" mitfinanzierten, ist eher ein Schmankerl.

Investitionen aus Kollekte des Peterspfennigs

Der Vatikan investiert sein Geld, auch aus der Kollekte des Peterspfennigs, kurz- und mittelfristig - und das an sich ist nicht kritikwürdig. Im Gegenteil: Fahrlässig wäre, das Geld in einer Schublade aufzubewahren, befand auch Papst Franziskus. Entscheidend sei, dass Geld ethisch sauber und mit möglichst wenig Risiko angelegt wird und später dem Spendenzweck wieder zugeführt wird; etwa den karitativen Aufgaben des Papstes.

Der Peterspfennig

Der sogenannte Peterspfennig wird in den katholischen Gemeinden weltweit als Sonderkollekte für humanitäre Aufgaben des Papstes gesammelt. Sie findet am 29. Juni, dem katholischen Namensfest Peter und Paul, beziehungsweise am Sonntag davor oder danach statt. Daneben kann inzwischen auch online gespendet werden. Laut der jüngsten offiziellen Bilanz nahm der Vatikan 2021 durch den Peterspfennig rund 47 Millionen Euro ein.

Der "Peterspfennig" wird am 29. Juni gesammelt / © Henning Kaiser (dpa)
Der "Peterspfennig" wird am 29. Juni gesammelt / © Henning Kaiser ( dpa )

Parallel meldete sich - ebenfalls im "Corriere" - vergangene Woche der Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi wieder zu Wort: Im Vatikan gebe es "einige Übeltäter sowie weniger Geld, mit dem immer schlechter gearbeitet wird". Im Oktober schon hatte er in seinem jüngsten Vatikan-Buch eine bevorstehende Insolvenz des Heiligen Stuhls prophezeit.

Nahrung erhielt die These durch eine Krisensitzung des Präfekten des vatikanischen Wirtschaftsrates, Kardinal Reinhard Marx, mit sämtlichen Kurienchefs im September. Die aktuelle Finanzlage sei ernst - zumindest soweit sie Marx und anderen bekannt ist, die für Kontrolle und Koordination der Vatikan-Finanzen zuständig sind.

Archaische Strukturen

Die Strukturen im Vatikan, so Nuzzi, seien zum Teil archaisch, mit Konten, die noch von Hand geführt würden. So verwalten und investieren unterschiedliche Institutionen mit teils jahrhundertealter Autonomie ihre jeweiligen Finanzen. Eine Einrichtung, die all diese Organe kontrollieren soll, schuf erst 2010 Papst Benedikt XVI. mit der Finanzaufsicht AIF.

Zusätzlich errichtete Franziskus zur Koordinierung von Finanzaktivitäten 2014 das Wirtschaftssekretariat. Doch dessen erster Leiter, der australische Kardinal George Pell, biss sich bei den anderen Dikasterienchefs die Zähne aus. Daher bleibt weiter unklar, ob Kurienleiter - selbst Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin - die Lage im eigenen Haus tatsächlich kennen oder ob sie nur in Teilen Auskunft geben.

Laut Nuzzi wird derzeit nicht nur das Staatssekretariat untersucht; um welche anderen Einrichtungen es sich handelt, sagte er nicht.

Fortschritte brauchen Willen

Weitere Fortschritte brauchen Willen und gutes Personal. Doch solches verließ zuletzt den Dampfer Vatikan. Der Direktor der Finanzausicht AIF, Tommaso Di Ruzza, ist einstweilen suspendiert. Das Mandat von AIF-Präsident Rene Brülhart wurde nicht verlängert; darauf gingen andere aus der AIF-Leitung von sich aus, etwa die Büroleiterin beim Präfekten des Wirtschaftssekretariates, Claudia Ciocca.

Die anerkannte Finanzexpertin, 2016 von der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in den Vatikan gewechselt, war als Nachfolgerin Pells gehandelt worden. Sie hätte die Aufgabe wohl auch gern übernommen. Nachdem aber der Papst dem spanischen Jesuiten und Wirtschaftswissenschaftler Juan Antonio Guerrero den Vorzug gab, ging auch Ciocca. Wie die neuen Kontrolleure, AIF-Präsident Carmelo Barbagallo, Wirtschaftssekretär Guerrero und Giuseppe Pignatone als Präsident des Vatikangerichtshofs ihre Aufgaben meistern, müssen sie nun zeigen.

 

Nachdenklich: Papst Franziskus / © Alessandra Tarantino (dpa)
Nachdenklich: Papst Franziskus / © Alessandra Tarantino ( dpa )
Quelle:
KNA