Caritas zeigt sich offen für Impfpflicht im Gesundheitswesen

Neue Fakten, neue Debatte

Soll es eine Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheitswesen geben? Die Debatte ändere sich mit den veränderten Fakten, meint Caritas-Präsidentin Welskop-Deffaa. Sollte die Impfquote nicht bald steigen, sei die Impfpflicht das notwendige Instrument.

Pflegepersonal im Krankenhaus / © Rob Engelaar/ANP (dpa)
Pflegepersonal im Krankenhaus / © Rob Engelaar/ANP ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wären Sie für eine Impfpflicht für Berufsgruppen, die in Kontakt mit alten Menschen, mit Ungeimpften oder Kindern stehen?

Eva Maria Welskop-Deffaa (Präsidentin der Caritas Deutschland): Diese Debatte führen wir im Caritasverband, seit wir die Coronapandemie haben. Wir wissen, dass es wesentlich darauf ankommt, die Menschen in unseren Einrichtungen zu schützen und von daher hatten wir die ersten Diskussionen, noch bevor es wirklich Impfstoff gab. Vor einem guten Jahr haben wir klar gesagt, es kann keine Impfpflicht geben, solange kein Impfstoff da ist. Wir müssen zuerst auf freiwillige Maßnahmen setzen. Es muss deutlich sein, dass eine solche starke Intervention, ein solcher Grundrechtseingriff, wirklich einem strengen Verhältnismäßigkeitsmaßstab unterliegt.

Inzwischen haben wir mehr als genug Impfstoff. Wir wissen, dass der Impfstoff wirkt. Auch das ist ein wichtiges Kriterium. Die Wissenschaft sagt uns, nur wenn die Herdenimmunität hoch ist, wenn die Impfquote deutlich höher liegt als in der Einrichtung, dann ist der Schutz ausreichend.

Von daher verändert sich die Debattenlage mit der Faktenlage. Ich muss sagen, wenn wir nicht bald deutlich höhere Zahlen haben, gehe ich auch davon aus, dass wir uns unbedingt für eine Impfpflicht auf der Grundlage des Infektionsschutzgesetzes aussprechen müssen. Ich glaube, es ist wichtig, dass man auch noch mal unterscheidet, von welchen Impfpflichten wir eigentlich sprechen.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie denn, dass Sie das dann auch tatsächlich in den Einrichtungen der Caritas durchsetzen könnten?

Welskop-Deffaa: Ja, natürlich. Eine gesetzliche Regelung ist immer durchzusetzen. Das ist eben das, worauf ich abziele. Es gibt drei verschiedene Typen von Impfpflicht. Es gibt die Impfpflicht "light", die wir im Augenblick ja eigentlich schon sehr breit einführen. Das ist diese Impfpflicht in Samthandschuhen, die bei uns "2G" heißt, wo wir sagen, nur wer seine Impfung nachgewiesen hat, der hat bestimmte zusätzliche Freiheitsrechte.

Das ist ein etwas diffuses Instrument, viel weniger zielgenau als eine Impfpflicht auf der Grundlage von Paragraph 20 im Infektionsschutzgesetz, wo man sagen würde, dass nach sehr klar formulierten gesetzlichen Vorgaben bestimmte Bevölkerungsgruppen verpflichtet werden, sich impfen zu lassen. Das kann regional eingegrenzt sein, das kann nach Berufsgruppe oder Alter eingegrenzt sein.

Ich glaube, darüber müssen wir jetzt sprechen, weil die Fälle in den Einrichtungen das Infektionsschutzgeschehen mit tödlichen Folgen wieder so erheblich anheizen.

DOMRADIO.DE: Gesundheitsminister Spahn hat durchblicken lassen, dass er im Prinzip auch für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen ist, aber dann befürchtet, dass bei einer verpflichtenden Impfung das bislang ungeimpfte Pflegepersonal kündigt. Ist so eine Sorge nicht berechtigt?

Welskop-Deffaa: Ich höre das auch bei uns aus den Einrichtungen. Deswegen will ich nochmal sagen, dass man das Thema differenziert, von der jeweiligen Faktenlage her betrachten muss. In einer Einrichtung, wo man schon jetzt 90 Prozent der Beschäftigten geimpft hat, wo die Booster-Impfungen gut anlaufen, ist die Ausgangslage eine andere, als wenn man einen verfestigten Kern von 30 oder 40 Prozent der Beschäftigten hat, die sich hier verweigern.

Auch da ist ja jetzt schon das Infektionsschutzgesetz ausreichend klar. Für bestimmte Berufsgruppen kann man auch bereits jetzt einen Impfstatus nachweisen, also als Arbeitgeber fordern. Da sieht man ja schon, wie sehr die medizinischen Überlegungen hier zu unterschiedlichen Abwägungen kommen. Eigentlich darf man als Arbeitgeber ja auch nicht zulassen, dass Menschen in der Einrichtung arbeiten, die die Schutzbefohlenen gefährden.

DOMRADIO.DE: Wie ist das bei Ihnen in den Caritas-Einrichtungen? Wie hoch ist da die Impfquote? Haben Sie aktiv versucht, die Mitarbeiter zu überzeugen?

Welskop-Deffaa: Ja natürlich. Das ist unser Thema seit einem Jahr. Wir tun alles, um die Menschen zu überzeugen und das ist uns auch am Anfang wunderbar gelungen. Ich bin insgesamt sehr zufrieden über die Situation in unseren Einrichtungen, aber wie schon gesagt mit hohen regionalen Unterschieden. Die Verhaltenspsychologen sagen, da, wo sich erst mal so ein harter Kern von Menschen gefunden hat, die skeptisch sind, da ist es ganz schön schwer, die noch durch gutes Zureden zu überzeugen. Deswegen war es so wichtig, gleich am Anfang gut aufzuklären, gut zu informieren, Ängste zu nehmen. Das setzen wir natürlich weiter fort.

DOMRADIO.DE: Können Sie sich das eigentlich erklären, dass es ausgerechnet im Gesundheitsbereich so viele Impfskeptiker gibt, obwohl die es ja nun eigentlich besser wissen müssten?

Welskop-Deffaa: Ich glaube, da ist so eine Art Unverletzlichkeitserfahrung der Kollegen und Kolleginnen ein Teil der Erklärung. Jeden Tag müssen sie sich Risiken aussetzen. Jeden Tag gehen sie mit Tod und Sterben um und daraus ergibt sich eine gewisse Schutzwirkung, will ich mal sagen, die ja auch notwendig ist. Wenn man jeden Tag Angst hätte sich anzustecken, wenn man ins Krankenhaus geht, dann könnte man den Beruf auch gar nicht ausüben.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Eva Maria Welskop-Deffaa, Caritaspräsidentin / © Philipp von Ditfurth (dpa)
Eva Maria Welskop-Deffaa, Caritaspräsidentin / © Philipp von Ditfurth ( dpa )
Quelle:
DR