Konservative US-Christen und manche Gruppierungen im Silicon Valley haben nach Worten von Friedenspreisträger Jaron Lanier (65) ähnliche Ziele. Derzeit gebe es einen Dialog über den Versuch "zu verhindern, dass die Welt zerstört wird", sagte Lanier im Interview der "Welt am Sonntag". Der Atari-Entwickler, der heute für Microsoft tätig ist, sieht konservative Christen von US-Präsident Trump enttäuscht: Sie haben ihn zwar gewählt, "aber was konkrete und aktive Politik angeht, nur wenig von ihm bekommen".
Einzelne Tech-Giganten wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos hätten offenbar mehr Einfluss auf Trump, fügte Lanier hinzu. Trump habe etwa Großbritannien mit Zöllen gedroht, wenn das Land den Chatbot Grok reguliere, der auch simulierte Pornografie mit Minderjährigen produziert. "Großbritannien wurde aber nicht mit Zöllen bedroht, weil es Abtreibungen erlaubt, richtig? Daran kann man gut erkennen, dass die Tech-Bros inzwischen mehr Unterstützung von Trump bekommen als die konservativen Christen."
Hoffnung auf Regulierung durch die EU
Christinnen und Christen seien traditionell eine wichtige Wählergruppe in den USA, fügte der Informatiker hinzu. Wenn sich an den freien und fairen Wahlen künftig etwas ändere, verliere diese Gruppe ihren Einfluss. In "einigen sehr wichtigen Punkten" stimme er nicht mit Ultrakonservativen überein, "vor allem beim Thema Abtreibung und den Rechten für Menschen, die sexuell nicht konform sind". Er glaube dennoch, dass eine "Form von Übereinkunft" möglich sei - und dass solch eine Allianz bei den Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren eine wichtige Rolle spielen könne.
Darüber hinaus sieht Lanier die EU gefordert. "Entweder die EU schafft es, externe Plattformen strikter zu regulieren - oder man verbietet sie gleich und schafft eigene." Es gebe durchaus interessante Ideen, etwa eine Zusammenarbeit der EU mit Indien, um alternative Plattformen zu schaffen.
Ihm werde häufig gesagt, dass er ein Visionär sei, fügte der 65-Jährige hinzu. Es sei aber nicht hilfreich, "visionär zu sein, wenn man keine Möglichkeit hat, den Verlauf der Ereignisse zu verändern". Er selbst habe inzwischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Sein jüdischer Großvater habe "damals in Wien zu lange gewartet. Er glaubte wirklich, dass es mit den Nazis nicht so schlimm werden würde. Und dann wurde es doch sehr schlimm."