Welche Rolle spielt die Orthodoxe Kirche in autoritären Systemen?

"Moskau schaut sehr genau auf Kasachstan"

Während in Kasachstan Demonstranten auf die Straße gehen, stellt sich die lokale orthodoxe Kirchenführung hinter die Regierung. Ähnliches gilt in Belarus oder Russland. Versucht das Putin-freundliche Moskauer Patriarchiat Einfluss auszuüben?

Patriarch Kyrill I. mit Wladimir Putin (r.) / © Alexander Zemlianichenko (dpa)
Patriarch Kyrill I. mit Wladimir Putin (r.) / © Alexander Zemlianichenko ( dpa )

DOMRADIO.DE: Kasachstan oder auch Belarus: Bei den politischen Konflikten in Ländern der ehemaligen Sowjetunion äußern sich die örtlichen orthodoxen Würdenträger in der Regel auf Linie der Regierungen. Woran liegt das? Nimmt die Orthodoxe Kirche dadurch nicht unangemessen Einfluss auf die Politik?

Dr. Regina Elsner (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien Berlin): Sowohl in Belarus als auch in Kasachstan gehören die orthodoxen Kirchen zur russischen-orthodoxen Kirche. Die Kirchenführung der Russisch-Orthodoxen Kirche, kurz ROK, hat sich in den vergangenen Jahren in eine immer größere ideologische Abhängigkeit von der politischen Elite gebracht, was es ihr fast unmöglich macht, eine kritische Position zu den Aktivitäten des Staates einzunehmen. Das gilt für Russland selbst, aber auch für die anderen autoritär geführten Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Zum einen darf man einen gewissen Druck der autoritären politischen Führung auf die Kirchenführung nicht unterschätzen, zum anderen ist die Kirche aber auch grundsätzlich einverstanden mit den Ideen einer autoritären Staatsführung. Die Sozialkonzeption der ROK spricht sich deutlich für eine fast kompromisslose Loyalität zu jeder Staatsführung aus und kritisiert alles Revolutionäre. Aus dieser Sicht ist die Position der Kirche keine Beeinflussung der Politik, sondern eine moralische Bestätigung für den Weg der Gesellschaft aus der Krise.

DOMRADIO.DE: Kann man vermuten, dass die regierungsfreundlichen Aussagen der örtlichen Würdenträger vom Moskauer Patriarchat gesteuert oder beeinflusst werden? Oder interessiert es die Zentrale in Moskau gar nicht, was in den einzelnen Regionen politisch passiert?

Elsner: Die Kirchenleitung in Moskau beobachtet natürlich sehr genau, was in den Ländern ihres kanonischen Territoriums passiert, sie trägt ja die Verantwortung für die Gläubigen dort und der Patriarch von Moskau hat – ähnlich wie der Papst – seine Sorge für die Menschen vor Ort mitgeteilt.

Ob die Stellungnahmen der lokalen Kirchenleitung jeweils gesteuert werden, ist schwer zu sagen. Eher ist es wohl so, dass die Aussagen der Metropoliten der grundsätzlichen Haltung der Kirchenleitung entsprechen, dass eine wie auch immer an die Macht gekommene Staatsführung zu respektieren sei und in keinem Fall durch Proteste oder Revolutionen angegriffen werden dürfe.

DOMRADIO.DE: Inwiefern passt die Ukraine da ins Bild? Die dortige Regierung liegt ja im Konflikt mit Moskau.

Elsner: Die Ukraine hat seit vielen Jahren – bei aller berechtigten Kritik – eine demokratisch gewählte Regierung, eine vergleichsweise starke Zivilgesellschaft und eine große religiöse Pluralität. Damit unterscheidet sich die öffentliche Rolle einer einzelnen Kirche sehr stark von den Szenarien in Belarus, Russland und Kasachstan, ganz unabhängig davon, dass die dort nach wie vor größte Religionsgemeinschaft ebenfalls eine Kirche des Patriarchats von Moskau ist. In dieser Kirche gibt es sicher Stimmen und Strömungen, die sich eine größere Nähe zu Russland wünschen oder einfach die spirituelle Gemeinschaft mit der ROK betonen – aber das ist eben nur eine von vielen Stimmen in der Kirche und in der Gesellschaft, und sicher aktuell keine mehrheitsfähige.

Die Kirchenleitung in Kyiv ist darum ausgesprochen zurückhaltend in politischen Fragen geworden, auch, weil ihr in der Situation des seit 2014 herrschenden Krieges jede kritische Äußerung als "russische Intervention" vorgeworfen werden kann.

DOMRADIO.DE: Während die orthodoxe Kirche in Kasachstan hinter der Regierung steht, hört man ganz andere Töne von Katholiken oder Protestanten, die eher regierungskritische Positionen einnehmen. Liegt das nur daran, dass die Gläubigen und Würdenträger oft aus dem Ausland kommen?

Elsner: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Die Herkunft der Kirchenleitung macht sie ähnlich wie ihre Verbundenheit mit den internationalen Kirchenfamilien sicher unabhängiger. Aber das ist in autoritären Regimen immer auch ein Risikofaktor, wie wir am Beispiel von Erzbischof Tadeuzs Kondrusiewicz oder dem russischen Metropoliten Pavel in Belarus gesehen haben.

Ein anderer Aspekt ist die staatskritischere Sozialethik dieser Kirchenfamilien, die sie nicht zuletzt der langen Unterdrückungserfahrung in verschiedenen Weltregionen zu verdanken haben. Diese Kirchen sind außerdem der Ideologie der jeweiligen Staatsführung nicht so verbunden, wie es die ROK als prägende historische Kraft für sich in Anspruch nimmt.

Und schließlich erleben diese Kirchen in Kasachstan, in Belarus und in Russland auch im 21. Jahrhundert eine oft eingeschränkte Religionsfreiheit als angeblich "nicht-traditionelle Religionen". Auch das ist ein Grund, warum sie dem autoritären Handeln der politischen Elite grundsätzlich kritischer gegenüberstehen.

DOMRADIO.DE: Nun fallen diese Krisengebiete alle unter das Einflussgebiet des Moskauer Patriarchats. Kyrill I. ist bekanntermaßen Putin-Freund. Wird die orthodoxe Kirche genutzt, um Moskaus politische Ziele zu fördern?

Elsner: Es ist immer schwierig, eine direkte Beeinflussung oder Instrumentalisierung zu beweisen. Vielmehr hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Interessen der Führung von russischem Staat und russischer Kirche sehr oft identisch sind und sie sich also in vielen Themen ergänzen. Das gilt für die innenpolitischen Fragen von traditionellen Familienwerten, gesellschaftlicher Harmonie und der Konstruktion einer glorreichen Geschichte, als auch für die außenpolitischen Themen hegemonialer Einflusssphären und dem Widerstand gegen sogenannte westliche Konzepte wie Menschenrechte.

Der Staat nutzt dabei religiös geprägte Argumente, die die Kirchenleitung bereitwillig theologisch und moralisch füllt und zur Verfügung stellt.

DOMRADIO.DE: Wie hat sich das Verhältnis der Russisch-Orthodoxen Kirche zur Putin-Regierung die letzten Jahre verändert? Stehen die orthodoxen Christen heute näher an der Regierung?

Elsner: Die orthodoxen Christen sicher nicht, die Kirchenleitung hat sich aber spätestens seit der "konservativen Wende" in Putins Politik 2011 einer fast kompromisslosen Unterstützung der Regierung verschrieben. Man darf jedoch nicht unterschätzen, dass auch die ROK nicht nur aus der Kirchenleitung besteht. In den letzten Jahren haben sich immer wieder Strömungen innerhalb der Kirche gezeigt, die sowohl die repressive Politik als auch die kirchliche Unterstützung dafür scharf kritisieren und sich wünschen, dass sich die Kirche öffentlich auf der Seite der Unterdrückten stellt.

Auch während der Proteste in Belarus ist dieser Widerstand innerhalb der Kirche ganz deutlich geworden. Umfragen zeigen dementsprechend auch, dass das ursprünglich sehr hohe Vertrauen der Bevölkerung in die Kirche schwindet. Aktuell ist allerdings leider nicht abzusehen, dass sich die Kirchenleitung von der immer stärker werdenden repressiven Politik distanzieren wird.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Regina Elsner (privat)
Quelle:
DR
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