US-Bischöfe ohne gemeinsame Haltung zu Corona-Impfungen

Moralische Pflicht oder freie Wahl?

Lässt sich mit dem katholischen Glauben für eine Ausnahme bei der Impfpflicht etwa am Arbeitsplatz oder an Universitäten argumentieren? Die katholischen Kirchenführer in den USA sind sich uneins, wie ein Blick über den Atlantik zeigt.

US-Bischöfe (Archiv) / © Paul Haring (KNA)
US-Bischöfe (Archiv) / © Paul Haring ( KNA )

Die Nachricht aus Wisconsin wirkt wie ein Fingerzeig. Dort kämpft Kardinal Raymond L. Burke (73) auf einer Intensivstation in seinem Heimatstaat um sein Leben. Der einstmals ranghöchste US-Bischof im Vatikan, der regelmäßig restriktive Corona-Maßnahmen kritisierte und den neu entwickelten Corona-Impfstoffen skeptisch gegenüberstand, hat sich den potenziell tödlichen Virus eingefangen und hängt nun an einer Beatmungsmaschine.

Das Schicksal Burkes, der unter Papst Benedikt XVI. zum Chef des obersten Vatikan-Gerichts aufgestiegen und von Papst Franziskus 2014 degradiert worden war, feuert die seit Wochen schwelende Diskussion unter den US-Bischöfen an: Sollen Katholiken, die sich aus religiösen Gründen für den Arbeitsplatz oder die Ausbildung nicht impfen lassen wollen, Ausnahmebescheinigung von den örtlichen Pfarreien erhalten können?

Schutz der Mitmenschen oberste Priorität für Katholiken?

Anders als der erzkonservative Kardinal Burke teilt eine wachsende Zahl der Bischöfe die Einstellung, wonach der Schutz der Mitmenschen oberste Priorität für Katholiken bei der Impffrage haben sollte. Eine Vorreiterrolle in der nationalen Bischofskonferenz übernahm der Bischof von San Diego, Robert Walter McElroy. Die katholische Kirche lasse keine Befreiung von der Impfung aus religiösen Gründen zu, schrieb er an die Priester seines Bistums. Jeder Geistliche habe die Pflicht, Anfragen von Gemeindemitgliedern für eine religiöse Ausnahmegenehmigung abzulehnen.

Die katholischen Hochschulen haben sich schon vor einer Weile auf eine Impfpflicht der Studenten für das Herbstsemester festgelegt.

"Sie werden in dieser Kirche nicht viel Sympathie für diejenigen finden, die die Gesundheit der Gemeinschaft nicht unterstützen wollen", erklärte Dennis H. Holtschneider, Präsident der "Association of Catholic Colleges and Universities", die für rund 200 Universitäten spricht.

Persönliche Entscheidungen jedes Einzelnen respektieren

Ganz anders argumentiert die "Colorado Catholic Conference", das Forum der Bischöfe in dem US-Bundesstaat. "Wir drängen darauf, die Überzeugungen und persönlichen Entscheidungen jedes Einzelnen zu respektieren", heißt es in einer Stellungnahme, die auch die Bischöfe von South Dakota teilten. Auf der Website der Konferenz stehen Vorlagen bereit, mit denen Katholiken eine Ausnahme von der Impfpflicht beantragen können.

Unterdessen stehen auch Arbeitgeber vor der Frage: Was begründet die religiöse Überzeugung eines Mitarbeiters? Die Google-Muttergesellschaft Alphabet, die Supermarktkette Walmart oder die Schlachtfabriken von Tyson Foods gehören zu der wachsenden Zahl von Großunternehmen, die von ihren Angestellten eine Corona-Impfung verlangen.

Im "Rush University Medical Center", einem Lehrkrankenhaus in Chicago mit 14.000 Beschäftigten, prüft inzwischen ein Ausschuss Anträge von Mitarbeitern, die sich nicht impfen lassen wollen und um eine religiöse Ausnahme bitten. Die Antragsteller müssen entweder eine Bescheinigung ihrer Glaubensgemeinschaft präsentieren, oder, wenn sie keiner angehören, selbst ihre moralischen Vorbehalte gegenüber den Vakzinen erläutern.

Kontroverse ums Impfen

Wie sehr religiöse Ausnahmen beim Impfen auch unter US-Katholiken umstritten bleiben, zeigt die Kontroverse zwischen Kardinal Blase Joseph Cupich und dem "National Catholic Bioethics Center" (NCBC).

Der Erzbischof von Chicago habe die Verantwortlichen der Organisation dazu "gedrängt", ihre Stellungnahme zum Impfen wieder zurückzuziehen, berichtete das private katholische Nachrichtenportal CNA. Das Zentrum für Bioethik hatte Anfang Juli erklärt, es gebe "keine Verpflichtung", sich gegen Corona impfen zu lassen.

Die Haltung des Papstes in der Frage ist klar. Schon im Januar sagte Franziskus in einem TV-Interview, er glaube, dass aus ethischen Gründen jeder geimpft werden müsse. Dieser Position schloss sich Ende Juli unter anderem das Erzbistum New York an und wies alle Priester an, keine religiösen Ausnahmen zu gewähren.

Wie Kardinal Burke nach seiner schweren Erkrankung über die Impfung denkt, bleibt vorerst offen. Man möge jetzt für ihn den Rosenkranz beten, erklärte ein Sprecher.

Kardinal Raymond Leo Burke / © Paul Haring (KNA)
Kardinal Raymond Leo Burke / © Paul Haring ( KNA )
Blase Joseph Cupich / © Paul Haring (KNA)
Blase Joseph Cupich / © Paul Haring ( KNA )
Erzbischof Jose Horacio Gomez Velasco / © Paul Haring (KNA)
Erzbischof Jose Horacio Gomez Velasco / © Paul Haring ( KNA )
Autor/in:
Thomas Spang
Quelle:
KNA
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