Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus kritisiert evangelische Kirche

"Zusagen waren nie realistisch"

Nach dem Rücktritt der Sprecherin der evangelischen Betroffenenvertretung sieht die Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus "Rollenkonflikte". Sie verwies auf den Föderalismus der Kirche als Problem bei der Missbrauchsaufarbeitung.

Kerstin Claus, Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs  / © Bernd von Jutrczenka (dpa)
Kerstin Claus, Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs / © Bernd von Jutrczenka ( dpa )

Kerstin Claus sagte dem "Tagesspiegel" (Freitag), in der Struktur der EKD-Betroffenenvertretung gebe es "Rollenkonflikte, die von Betroffenen so nicht aufgelöst werden können".

Sie habe immer kritisiert, dass sich das Beteiligungsforum bei der Kirche aus Kirchenvertretern und Betroffenen zusammensetzt, sagte die unabhängige Bundesbeauftragte gegen Missbrauch. Das sei für Betroffene "extrem herausfordernd".

Mangelnde Fortschritte bei der Aufarbeitung und Prävention

Nancy Janz hatte ihren Rücktritt erklärt einerseits mit Überlastung durch ihr ehrenamtliches Engagement als Sprecherin des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt in EKD und Diakonie, andererseits mit mangelnden Fortschritten bei der Aufarbeitung und Prävention in der evangelischen Kirche und der Diakonie. 

Claus verwies auf den Föderalismus der evangelischen Kirche als Problem bei der Missbrauchsaufarbeitung. "Wenn man weiß, wie die evangelische Kirche aufgebaut ist, dann muss man davon ausgehen, dass die Zusagen, die die EKD dem Beteiligungsforum gemacht hat, nie realistisch waren", sagte sie. Das gelte insbesondere für das Ringen um einheitliche Anerkennungszahlungen.

Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche

Die Zahl der Missbrauchsopfer in der evangelischen Kirche und Diakonie ist viel höher als bislang angenommen. Laut einer Studie sind seit 1946 in Deutschland nach einer Hochrechnung 9.355 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden. Die Zahl der Beschuldigten liegt bei 3.497. Rund ein Drittel davon seien Pfarrpersonen, also Pfarrer oder Vikare. Bislang ging die evangelische Kirche von rund 900 Missbrauchsopfern aus. Die Forum-Studie wurde von einem unabhängigen Forscherteam erarbeitet und in Hannover veröffentlicht.

Gedruckte Ausgaben der Studie zu Missbrauch in der evangelischen Kirche liegen auf einem Tisch / © Sarah Knorr (dpa)
Gedruckte Ausgaben der Studie zu Missbrauch in der evangelischen Kirche liegen auf einem Tisch / © Sarah Knorr ( dpa )
Quelle:
epd