Missbrauch von Ordensfrauen bleibt ein Problem in der Kirche

"Das Thema braucht Konsequenz und Zeit"

Der Jesuit Hans Zollner sieht erste Erfolge im Kampf gegen den Missbrauch von Ordensfrauen. "Die Tür ist aufgestoßen, aber es gehen auch wieder Türen zu", sagt missio-Präsident Bingener. Projekte müssten daher weiter gefördert werden.

Symbolbild Missbrauch / © Harald Oppitz (KNA)
Symbolbild Missbrauch / © Harald Oppitz ( KNA )

Der Jesuit und Missbrauchsexperte Hans Zollner sieht im sexuellen Missbrauch von Ordensfrauen "ein Thema, das auf den Nägeln brennt". 

Pater Hans Zollner SJ (privat)
Pater Hans Zollner SJ / ( privat )

Bei einer Pressekonferenz des katholischen Hilfswerks missio Aachen sagte Zollner am Freitag, in vielen Ländern könne heute – anders als noch vor zehn Jahren – offen über das Thema gesprochen werden. Missio habe inzwischen dazu beigetragen, dass heute nicht nur über Kinderschutz, sondern auch über den Schutz von Frauen in geistlichen Gemeinschaften gesprochen werde.

Gestiegenes Bewusstsein für das Thema 

Das Hilfswerk hat in den vergangenen fünf Jahren (2020 bis 2025) Ausbildung, Empowering und Safeguarding von Ordensfrauen unterstützt. Nach intensiver Projektarbeit verzeichnet missio nun ein gestiegenes Bewusstsein für das Thema sexueller Missbrauch von Ordensfrauen, bessere Sprachfähigkeit über dieses Thema, Hilfe für Betroffene und Maßnahmen zur Prävention. 

Gemeinsam mit Partnerorganisationen wurden in Afrika, Asien und Ozeanien zahlreiche Projekte durchgeführt. missio förderte sie mit rund 17,5 Millionen Euro.

Dirk Bingener / © Julia Steinbrecht (KNA)
Dirk Bingener / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Konkret erklärte missio-Präsident Dirk Bingener, das Hilfswerk habe in den fünf vergangenen Jahren 534 Ausbildungsprojekte gefördert, davon 107 spezifisch für Ordensfrauen. Damit wurden rund 80.000 Ordensfrauen und Novizinnen erreicht, die dabei unterstützt wurden, unabhängig, selbstbestimmt und stark zu leben. 

Das reduziere indirekt das Risiko für Gewalt. 35 Projekte im engeren Bereich Safeguarding hätten das Ziel, eine Infrastruktur aufzubauen, mit der Gewaltbetroffene Ordensfrauen unterstützt werden. Außerdem gehe es darum, Prävention und Netzwerkarbeit aufzubauen. Dazu kämen internationale Netzwerktreffen und die finanzielle Unterstützung von acht Doktoranden und Doktorandinnen aus Afrika, Asien und Ozeanien.

Sensibilität gestiegen

Zollner berichtete, eine Ordensfrau habe das Thema sexueller Missbrauch von Ordensfrauen bereits im Jahr 2000 angesprochen, damals jedoch ohne Konsequenzen. Das sei "zum Glück" heute anders. Selbst Papst Franziskus habe es 2018 öffentlich thematisiert.

Schwester Mary Lembo berichtet aus Afrika, dass es vor zehn Jahren dort noch nicht möglich gewesen sei, über sexuellen Missbrauch von Ordensfrauen zu reden. Die Menschen seien davon ausgegangen, "dass Missbrauch nicht in Afrika, sondern nur in Europa und anderen Orten existierte". Das habe sich geändert. 

"Menschen können heute offen über erlittenen Missbrauch sprechen. Sie sind sich bewusst darüber, dass Safeguarding-Training nötig ist." Ausbildungs- und Vernetzungstreffen mit Teilnehmenden aus allen Kontinenten hätten beim Verständnis von Missbrauch als globalem Problem sehr weitergeholfen. Jetzt müssten einheitliche Verfahren und Verhaltenskodexe für den Umgang mit dieser Gewalt verbindlich gemacht werden.

Nachhaltiger Mentalitätswandel erforderlich

Es gebe auch heute noch Orden, die ein unterwürfiges Ordensideal pflegen, und Missbrauch verschweigen. In solchen Gemeinschaften hätten Schwestern, die über ihren erlittenen Missbrauch sprechen, große Schwierigkeiten. Auch in vielen Kulturen sei sexuelle Gewalt gegen Frauen mehr oder weniger akzeptiert. 

Wie die indische Schwester Rushila Rebello sagte, stünden christliche Ordensfrauen gerade in muslimisch geprägten Ländern in der gesellschaftlichen Hierarchie so weit unten, dass Missbrauch von Ordensfrauen dort nicht als Problem angesehen würde.

Zollner sagte, es brauche einen Wandel von Mentalität und Kultur, der nicht "von heute auf morgen" geschehe. So werde missio weiterhin in bewusstseinschaffende Maßnahmen investieren, erklärte die Safeguarding-Beauftragte Johanna Streit. 

Netzwerke auf- und ausbauen

Es brauche vor Ort mehr Anlaufstellen für Betroffene und Ausbildungsinstitutionen. Missio wolle dazu beitragen, kultursensible und günstige Ausbildungsmöglichkeiten in den verschiedenen Sprachgruppen zu etablieren und Netzwerke auf- und auszubauen.

"Das Thema braucht Konsequenz und Zeit", betonte Bingener. Diese Mischung erscheine zwar ungewöhnlich. Aber sie sei erforderlich, um Prozesse anzustoßen und Menschen mitzunehmen. Er betonte, die Gefahr der Versandung bleibe: "Es gibt immer wieder neue Generationen von Ordensfrauen. Die Tür ist aufgestoßen, aber es gehen auch wieder Türen zu." 

So werde es weiter darauf ankommen, mit Konsequenz und Zeit die Projekte weiterzuverfolgen. missio müsse diese beharrlich weiter fördern, bis sie auf eigenen Füßen stehen können.

Das Hilfswerk missio

Das Internationale Katholische Missionswerk missio mit Sitz in Aachen und München ist eines von weltweit mehr als 100 Päpstlichen Missionswerken. Missio München ist das Missionswerk der bayerischen, missio Aachen das der anderen deutschen Bistümer. Das Wort missio kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Sendung.

 (KNA)
Quelle:
KNA