Mexikos Bischöfe starten Initiative gegen Hunger von Ureinwohnern

Hilfe für die schnellen Läufer

Die Tarahumara sind weltweitberühmt. Die Ureinwohner Mexikos laufen problemlos Strecken jenseits der Marathon-Distanz – in Sandalen. Doch nun sind sie von einer Hungersnot bedroht. Die Kirche will helfen, doch das ist schwierig.

Autor/in:
Tobias Käufer
 (DR)

Die katastrophale Dürre fordert ihre Opfer: "Es gibt Berichte über eine Selbstmordwelle unter den Tarahumara, weil sie sich selbst nicht mehr ernähren können", beklagt Bischof Rafael Sandoval, der Oberhirte der Diözese von Tarahumara im Bundesstaat Chihuahua. In einem dramatischen Hilfsappell zugunsten der mexikanischen Ureinwohner wandte er sich kürzlich an die Öffentlichkeit. Zwar dementiert die mexikanische Regierung bislang Berichte über einen Massenselbstmord unter den Tarahumara. Doch die negativen Nachrichten aus der Region haben eine Debatte angestoßen, wie dem Leid der Indigenen am besten begegnet werden kann.



Die Ureinwohner aus der Sierra Tarahumara im Norden Mexikos bekommen derzeit die Launen der Natur, aber auch die Folgen der organisierten Kriminalität mit aller Wucht zu spüren. Rund 120.000 Menschen zählt ihr Stamm nach offiziellen Schätzungen. Berühmt sind sie wegen ihrer fast schon legendären Ausdauer. Ihre Fähigkeit, anstrengende Langstreckenläufe durch Wüsten, Schluchten und Berge zu absolvieren, hat sie weltweit bekannt gemacht. Die Männer des Stammes nennen sich deshalb "Raramuri" (Die, die schnell laufen).



Jagden zu Fuß sind kaum noch erfolgreich

Seit Wochen hat es in der Sierra Tarahumara nicht mehr geregnet. Die Dürre nimmt den Ureinwohnern ihre Lebensgrundlage, ausgedehnte Jagden zu Fuß sind kaum noch erfolgreich. Die Folge ist eine akute Hungersnot. Viele Raramuris wissen keinen Ausweg mehr. Nun will eine von der mexikanischen Bischofskonferenz, staatlichen Stellen und Nicht-Regierungsorganisationen ins Leben gerufene Initiative Hilfe in der betroffenen Region leisten.



Nach Angaben von Bischof Rafael Sandoval soll es aber keinen Nothilfeplan geben, sondern Projekte zur nachhaltigen Hilfe: "Wir müssen auch an die Zukunft denken, und gewährleisten, dass die Menschen dort ihren eigenen Broterwerb mit ihrer eigenen Hände Arbeit sicherstellen können. Sie dürfen nicht am Tropf hängen", betont er. Wichtig ist ihm dabei vor allem die Effektivität der Hilfe: "Es geht nicht um Sensationshascherei, sondern darum, die Menschen nachhaltig und sinnvoll zu unterstützen. Und wir müssen gegen das Vergessen ankämpfen."



Schwierige Hilfe

Hilfsprojekte werden jedoch dadurch erschwert, dass das Volk der Tarahumara in selbst gewählter Isolation in abgelegene Gegenden lebt. "Manchmal dauert es zwei Wochen, bis sie einen Arzt oder eine Klinik erreichen können. Das macht die Hilfe so schwierig", erklärte der Mediziner Rene Cuellar in mexikanischen Medien. Zudem häufen sich Berichte über die Präsenz bewaffneter Kämpfer der Drogenmafia im Norden Mexikos, die rücksichtslos neue Vertriebswege für den Transport der Drogen in die USA suchen. Zeugen sind dabei unerwünscht.



Um ihre Arbeit sofort aufnehmen zu können, haben kirchliche und offizielle Stellen einen Fonds für die Finanzierung der Hilfsmaßnahmen eingerichtet. Doch das soll nur ein erster Schritt sein. Bischof Rafael Sandoval kritisiert vor allem die fehlende Lobby für die Ureinwohner: "Die Welt der Indigenen ist in Vergessenheit geraten. All die Versprechen von langfristigen Arbeitsplätzen und Unterstützung waren am Ende nur schöne Worte von Politikern." Es sei eine Schande, dass man über Nothilfeprojekte nicht hinaus gekommen sei.



In den kommenden Tagen sollen die ersten Hilfslieferungen erfolgen. Wie es danach weitergeht, weiß derzeit noch niemand genau. Immerhin eines hat die mexikanische Kirche mit ihrem Vorstoß in die Öffentlichkeit erreicht: Das Leid der vergessenen Tarahumara ist zumindest in den Schlagzeilen der mexikanischen Medien angekommen.