Meurer fordert "Klimawechsel" in der Kirche

"Wir brauchen die Krise für etwas Neues"

Um das Klima in der katholischen Kirche ist es nicht gut bestellt. Viele Menschen treten aus der Kirche aus, doch Sozialpfarrer Franz Meurer bleibt weiter optimistisch. Ein Klimawechsel sei dringend nötig, aber man brauche die Krise.

Ein Kirchturm vor einem wolkigen Himmel / © Martchan (shutterstock)
Ein Kirchturm vor einem wolkigen Himmel / © Martchan ( shutterstock )
Pfarrer Franz Meurer bei einem Wortbeitrag. / © Tomasetti (DR)
Pfarrer Franz Meurer bei einem Wortbeitrag. / © Tomasetti ( DR )

DOMRADIO.DE: Der katholischen Kirche in Deutschland, ganz besonders hier im Erzbistum Köln, laufen die Gläubigen davon. Selbst treue Katholikinnen und Katholiken gehen. Warum treten die Menschen tatsächlich aus? Was ist Ihre Erfahrung?

Franz Meurer (Kölner Sozialpfarrer): Wie wir auch im Buch darstellen, erfahren sie keine Resonanz. Das heißt, sie haben den Eindruck, sie kommen nicht vor. Mir hat eine Schulkollegin unseres Erzbischofs einen Brief geschrieben und schreibt: "Kardinal Woelki ist doch einer von uns." Das heißt, sie würde ganz gerne die Erfahrung machen, dass er einer von uns ist. Der Kardinal hat das in seinen Exerzitien auch erwähnt. Man ist doch nicht, weil man Kardinal oder Papst ist, ein anderer Mensch. Sondern er ist einer von uns. Das ist das Geheimnis.

Dann muss auch dazukommen, dass man die Wünsche der Menschen ernst nimmt. Der Kardinal hat gerade gesagt: "Wir machen sonntags Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung." Hätte er das vor drei Jahren gesagt, dann wär auch der pastorale Zukunftsweg nicht gestolpert. Ich bin übrigens Fan davon, aber da ist ein anderes Thema.

DOMRADIO.DE: Die Kirche schafft es aber offenbar immer noch nicht so wirklich im Dialog mit den Unzufriedenen zu sein. Der Chor-Streik hier am Palmsonntag ist auch ein Beispiel dafür. Ist das tatsächlich so, dass der Dialog noch immer nicht wirklich auf Augenhöhe geführt wird?

Franz Meurer (Kölner Sozialpfarrer)

"Das heißt, wir müssen auch für moderne Formen offen sein"

Meurer: Aber dieser Streik ist doch gerade ein Ausdruck von Dialog. Wir müssen auch die modernen Formen annehmen. Frau Dr. Köning, die die fünfte Arbeitsgruppe "Arbeitsfeld Effizienz und Nachhaltigkeit" gemacht hat beim Pastoralen Zukunftsweg, sagt, dass Veränderungen nur von innen möglich sind. Wir brauchen die Krise, um etwas Neues entwickeln zu können.

Das heißt, wir müssen auch für moderne Formen offen sein. Zum Beispiel hat unser Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand die Regenbogenfahne vor der Kirche hängen, schon die ganze Zeit. Ich habe in 30 Jahren dreimal etwas selbst entschieden als Pfarrer. Das heißt, Demokratie ist doch vor Ort in den Gemeinden entscheidend.

DOMRADIO.DE: Ein ganz wichtiger Punkt ist der, wie die katholische Kirche mit Frauen umgeht. Sie sagen, wenn keine Weiheämter für Frauen kommen, dann ist die Kirche am Ende. Damit stellen Sie sich ja ziemlich klar gegen den Status quo in Rom, oder?

Meurer: Ja, klar. Aber die Kirche ist immer "sowohl als auch". Die Situation in manchen Ländern Afrikas – wir wissen durch missio, dass da auch ganz schrecklicher Missbrauch passiert ist – ist doch völlig anders als bei uns. Wir können nicht mehr dahinter zurück, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben. Um es mal ganz klar zu sagen, die acht Katechetinnen unserer Firmung sind alles junge Frauen unter 30, Ärztinnen, Lehrerinnen, Erzieherinnen. Wenn man denen schräg kommt, dann sagen die, dass wir unseren Kram alleine machen sollen.

Unser Weihbischof Steinhäuser hat die Firmvorbereitung in einer Art und Wese begleitet, da kann ich nur sagen "Chapeau". Das war unglaublich gut. Das habe ich in dem Buch letztes Jahr dargestellt. Im Moment muss man Bücher schreiben, damit man mal alles auf eine ordentliche Grundlage gestellt bekommt.

DOMRADIO.DE: Wer einen Klimawechsel in der Kirche will, der muss neu denken lernen, der muss neue Haltungen einnehmen, sagen Sie. Das sind ja riesige Herausforderungen. Wie kann das gelingen?

Meurer: Man muss immer unterscheiden. Zum Beispiel ist der Wert: Leben zu schützen. Dann die Haltung im Verkehr ist Rücksichtnahme. Defensiv fahren. Das Werkzeug ist der Holländische Griff. Das heißt, die Fahrerin, der Fahrer macht die Tür mit der rechten Hand auf. Also habe ich als Radfahrer keine riesigen Probleme. Das muss man nur durchdeklinieren, was man machen muss, um vor Ort praktisch wirken zu können. Ohne Beteiligung geht doch nicht.

Im Buch ist auch ein Wissenschaftler, ein junger Mann, der aus der Kirche ausgetreten ist, der aber durch die Begegnung mit Christen in Wien wieder in die Kirche und auch zu Gott zurückgefunden hat. Das heißt, die haben den ordentlich aufgenommen, die haben ihn nicht missachtet, weil er ausgetreten ist, sondern ihn als Mensch auf Augenhöhe akzeptiert.

DOMRADIO.DE: Sie benennen ja Missstände in Ihrer Kirche ganz klar. Aber am Ende sind Sie Optimist und Sie glauben an Ihre katholische Kirche. Woher nehmen Sie den Optimismus?

Franz Meurer (Kölner Sozialpfarrer)

"Es geht nicht ohne dass Gott im Mittelpunkt steht. Hört sich fromm an, soll auch fromm sein. Und das müssen wir jetzt praktisch durchdeklinieren"

Meurer: Ich nehme den Optimismus aus der Begegnung jeden Tag mit den Menschen, die dem Herrgott glauben. Die Frage ist doch die Frage nach Gott. Da haben sie natürlich alle recht, vom Papst bis zum Kardinal. Wenn ich Gott nie begegne in meinem normalen Alltag, dann funktioniert das nicht. Also beten wir jeden Tag um 12 Uhr jede und jeder da, wo er ist, für den Frieden auf der Welt, nicht nur in der Ukraine. Oder wir treffen uns jeden Dienstag extra oder die Taizé-Gruppe macht das gleiche in groß jeden Monat. Es geht nicht ohne dass Gott im Mittelpunkt steht. Hört sich fromm an, soll auch fromm sein. Und das müssen wir jetzt praktisch durchdeklinieren.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Kirchenaustritte in Köln erreichen 2021 ein Allzeithoch

Im vergangenen Jahr sind so viele Kölnerinnen und Kölner wie nie zuvor aus der Kirche ausgetreten. Für 2021 verzeichnet das Amtsgericht Köln nach eigenen Angaben vom Montag 19.340 Austritte. Das waren beinahe doppelt so viele wie im bisherigen Spitzenjahr 2019, als 10.073 Menschen in Köln der Kirche den Rücken kehrten. Das Amtsgericht unterscheidet nicht zwischen evangelischer und katholischer Konfessionszugehörigkeit.

Bücher in Kirchenbänken / © Daniel Schweinert (shutterstock)
Quelle:
DR