Die Meldung kehrt mit verlässlicher Routine wieder: Die Zahl der Theologiestudierenden in Deutschland sinkt. Zuletzt illustrierten Daten des Statistischen Bundesamtes 2025 diesen Trend und wiesen für das Wintersemester 2023/24 rund 5.400 Studierende in der katholischen Theologie aus.
In der Berichterstattung war daraufhin von einem Rückgang um etwa ein Drittel im Fünfjahresvergleich die Rede. Doch diese Zahlen sind nur bedingt aussagekräftig. Sie unterscheiden nicht präzise zwischen dem klassischen Vollstudium und einem Fächermix, der auch Theologie enthält.
Dabei ist gerade das Vollstudium bislang die entscheidende Größe für Kirche und Wissenschaft: Der fünfjährige Studiengang Magister Theologiae bildet traditionell die Basis für die Arbeit in Pastoral und Theologie. Wer diesen Weg erfolgreich absolviert, qualifiziert sich für zentrale Leitungsaufgaben in Kirche und Wissenschaft.
Aktuelle Zahlen für das Wintersemester 2025/26
Aktuelle Daten, die dem "KNA-Hintergrund"-Dienst vorliegen, deuten auf ein viel massiveres Problem hin, als es die offiziellen Statistiken vermuten lassen. Während die gesamten Geisteswissenschaften in den vergangenen sechs Jahren einen Schwund von 12,5 Prozent verzeichneten, brach die Zahl der Studierenden im theologischen Vollstudium im selben Zeitraum um rund 50 Prozent ein.
Die genaue Erfassung bleibt schwierig: Zwar melden staatliche und kirchliche Fakultäten ihre Zahlen an den Fakultätentag, doch die später veröffentlichten Statistiken stimmen nicht immer mit den Ursprungsmeldungen überein. Zudem vermischen sich Zahlen: Einige Fakultäten verzeichnen noch vereinzelt Diplom-Studierende, andere mischen ihre Magisterzahlen mit weiteren Studiengängen. So weist beispielsweise Paderborn für das Wintersemester 2019/20 den Magister gemeinsam mit dem Lizenziat und den Promotionen aus.
Mehr als 50 Prozent Verlust
Ein Blick in interne Fakultätsdaten zeigt die Dimension des Rückgangs. Im Wintersemester 2025/26 sind an den staatlichen Fakultäten 1.043 Ersthörer im Studiengang Magister Theologiae eingeschrieben, an den kirchlichen 369. Zum Vergleich: Vor sechs Jahren zählten die staatlichen Universitäten noch 2.199 Volltheologen, die kirchlichen – inklusive der damaligen Studienorte Münster und Fulda - 469.
Das entspricht Verlusten von rund 53 Prozent an staatlichen und rund 21 Prozent an kirchlichen Standorten. Besonders drastisch ist die Entwicklung an der staatlichen Fakultät in Würzburg: Die Zahl der Volltheologen sank um 73 Prozent von 97 auf 26.
Studiendekan Johannes Heger nennt im Gespräch mit dem "KNA-Hintergrund" zwei Gründe: Zum einen habe die Entscheidung, die Priesterausbildung aus Würzburg abzuziehen, ab dem Wintersemester 2020/21 den Eindruck befördert, man könne dort nur eingeschränkt Theologie studieren.
Zum anderen unterscheide sich Würzburg innerhalb Bayerns durch ein weniger traditionell geprägtes sozio-religiöses Milieu. Das verstärke den durch Kirchen- und Missbrauchskrise verschärften Zweifel an einem pastoralen Berufsweg.
Traditionelle Standorte verlieren deutlich
Ebenfalls überdurchschnittlich schlecht stellt sich die Lage in München mit einem Rückgang von 59,5 Prozent sowie in Bonn mit 59 Prozent dar. Auch Tübingen, Münster, Freiburg und Bochum verzeichnen Verluste zwischen 51 und 57 Prozent. Regensburg mit minus 37 Prozent und Mainz mit minus 28 Prozent konnten sich vergleichsweise besser behaupten. An den kirchlichen Hochschulen fällt der Rückgang moderater aus.
Eichstätt, Trier und Frankfurt verloren jeweils über 37 Prozent ihrer Volltheologen. Die Hochschule der Pallottiner in Vallendar verzeichnete hingegen einen Zuwachs von rund 13 Prozent.
Besonderheiten kirchlicher Hochschulen
Die relative Stabilität kirchlicher Hochschulen lässt sich auch durch ihr spezifisches Einzugsgebiet und die Sozialstruktur der Studierenden erklären. In Vallendar etwa studieren viele Ordensangehörige aus dem Ausland. Größeres Einzugsgebiet, spezielle Stipendien und die enge Vernetzung innerhalb der Ordenswelt helfen, den allgemeinen Rückgang abzuwenden.
Dies gilt gleichermaßen für die KHKT in Köln. Ein Blick auf deren Statistik zeigt eine deutliche Abweichung vom bundesweiten Trend: Dort steht ein dickes Plus. Laut Angaben der Hochschule stieg die Zahl der Volltheologen binnen sechs Jahren von 46 in Sankt Augustin auf aktuell 82, ein Zuwachs von rund 78 Prozent.
"In der Nachfolge der Steyler Hochschule lernen bei uns viele Studierende aus der Weltkirche", sagt KHKT-Rektor Christoph Ohly dem "KNA-Hintergrund". Ohly schätzt, dass rund 30 Prozent der Studierenden aus dem Ausland kommen. "Darunter sind Steyler Fratres, aber auch Studierende des Neokatechumenalen Weges sowie anderer Gemeinschaften", sagt er.
Besonders hebt Ohly das Miteinander innerhalb der Hochschule hervor. Das spreche sich herum, sagt er. Aus Aufnahmegesprächen wisse er, dass genau dies fasziniere – "ebenso wie der Missionsschwerpunkt unserer Hochschule in der säkularen Großstadt Köln".
Erfurt und Augsburg trotzen dem Trend
Unter den staatlichen Fakultäten stechen Erfurt und Augsburg hervor. In Erfurt sank die Zahl in den vergangenen sechs Jahren nur minimal von 38 auf 37. Studiendekan Patrick Becker führt die Stabilität auf das profilierte Selbstverständnis als "Zukunftslabor" in der säkularen Umgebung Ostdeutschlands zurück, das eine besondere Anziehungskraft entfalte.
Auch einzelne Seminaristen entschieden sich bewusst für Erfurt statt für größere Ausbildungshäuser in Frankfurt oder Münster. Die Priesterausbildung benennt auch der Augsburger Studiendekan August Laumer als tragende Säule seiner Fakultät. Mit gleichbleibend 73 Studierenden verzeichnet Augsburg als einzige staatliche Fakultät keinen Rückgang. Das liege auch daran, dass 16 der derzeit 26 Augsburger Priesteramtskandidaten vor Ort studieren. Zudem habe man bisher bewusst auf einen eigenen Bachelor verzichtet, um keine interne Konkurrenz zum Magister zu schaffen.
Wegen des Einbruchs beim Magisterstudium richten Fakultäten andere theologische Studiengänge ein. So gibt es - anders als beim kanonischen Magister - seit rund 20 Jahren deutschlandweit auch steigende Zahlen bei Bachelor- und Masterstudiengängen. Anhand der internen Rückmeldungen ist von geschätzt 1.000 Bachelor-Studierenden außerhalb des Lehramts auszugehen.
Die Unterschiede in den Studienoptionen wie Ein-Fach-Bachelor, Zwei-Fach-Bachelor sowie Haupt- und Nebenfach-Zuordnungen erschweren jedoch die Vergleichbarkeit. Während Eichstätt, Bonn und Frankfurt in den vergangenen sechs Jahren Zuwächse von teils deutlich über 60 Prozent verzeichneten, brachen die Zahlen in Würzburg, Bochum, Trier, München und Freiburg auch in diesem Segment ein.
Neue Studiengänge - Fluch oder Segen?
Die Etablierung dieser neuen Studiengänge bleibt unter Lehrenden umstritten. Kritiker bemängeln hohen Verwaltungsaufwand, Kurzlebigkeit und unklare Motivation der Studierenden. Häufig fällt das Schlagwort der "Kannibalisierung": Durch Alternativen zum kanonischen Magister werde das Herz der Fakultäten ausgehöhlt.
Vergleichbare Debatten gibt es auch in Österreich, wo jüngst ein Bachelor als möglicher Zugang für Männer mit Berufserfahrung ins Priesteramt diskutiert wurde. Für Studierende bieten Bachelorprogramme jedoch Vorteile: geringere Sprachanforderungen und eine abgesicherte Exit-Strategie.
Nach drei Jahren steht ein berufsqualifizierender Abschluss, etwa für Tätigkeiten in kirchlichen Organisationen, Beratung oder Journalismus. Auch Lehrende schätzen den größeren Gestaltungsspielraum gegenüber dem vom Vatikan reglementierten kanonischen Magister-Studiengang.
Digitaler Bachelor - schwierige Berufsqualifikation
Dass ein solcher Bachelorstudiengang die Wahrnehmung eines Standorts positiv beeinflussen kann, zeigt eine Kooperation der Universitäten Eichstätt und Passau.
Dort stiegen die Einschreibungen in theologische Bachelorprogramme durch einen neu entwickelten digitalen Studiengang zuletzt immens. "Der digitale Bachelor richtet sich vor allem an Menschen, die aufgrund ihrer Berufstätigkeit kein Vollzeitstudium absolvieren können", so die Eichstätter Dekanin Katharina Karl im Gespräch mit dem "KNA-Hintergrund". Die meisten Studierenden seien zwischen 30 und 50 Jahre alt.
Eine Schwächung des Magisterstudiums befürchtet sie nicht, da sich die Zielgruppen unterscheiden. Bereits heute eröffne der Bahelor-Abschluss in bayerischen Bistümern den Zugang zum Berufsfeld der Gemeindereferenten; zudem könne er für Anwärter auf den Ständigen Diakonat und Religionslehrkräfte eine solide Grundlage für ihre Tätigkeit sein. Dozenten berichten davon, dass Studierende zunächst in einem theologischen Bachelor beginnen und sich später in den Magister umschreiben, wenn sie Freude am Fach gefunden haben.
Die katholischen Fakultäten reagieren unterschiedlich schnell und kreativ auf den Rückgang. Einige wie Paderborn, Würzburg und Tübingen versuchen, mit Angeboten für Schüler, Religionslehrer und kirchlich Engagierte ihre Bekanntheit zu steigern und Studieninteressenten zu werben. So stiegen in Paderborn die Magisterzahlen in den vergangenen zwei Jahren von 18 auf aktuell 33.
Trotz staatskirchenrechtlicher Absicherung hängen die elf staatlichen Standorte für katholische Theologie hochschulpolitisch auch von ihren Zahlen ab. Wie virulent das Problem ist, zeigt die zunehmende Infragestellung bisheriger Fakultäten durch staatliche und kirchliche Akteure.
Erschwerend kommen die ausstehende Neuordnung des Magisters durch Rom sowie die Debatte über Zugangsvoraussetzungen für kirchliche Ämter hinzu. In diesem spannungsgeladenen Umfeld müssen die Fakultäten ihre Position neu definieren, um das zukünftige Personal in Kirche und Wissenschaft auszubilden. Ansonsten droht nicht nur der Kirche ein massives Personalproblem, sondern auch der Wissenschaft.