Marjorie Dannenfelsers Weg zur Kämpferin gegen Abtreibung

Kompromisslos gegen US-Grundsatzurteil

Marjorie Dannenfelser hat einen Etappen-Sieg errungen. Das Ende der durch das Grundsatzurteil "Roe vs. Wade" von 1973 geltenden Rechtsprechung zur Abtreibung kommt einer Krönung ihrer Arbeit gleich. Ein Blick auf ihren Werdegang.

Marjorie Dannenfelser / © Tyler Orsburn/CNS photo (KNA)
Marjorie Dannenfelser / © Tyler Orsburn/CNS photo ( KNA )

Marjorie Dannenfelser kam nicht als geborene Lebensschützerin zur Welt. Ganz im Gegenteil: Als junge Frau stand sie auf der anderen Seite des US-Kulturkampfes.

Mit 19 wollte sie abtreiben, als sie fälschlicherweise dachte, schwanger zu sein. "Ich habe keine Sekunde über Alternativen nachgedacht, über das, was bei einer Abtreibung passieren würde", beschrieb Dannenfelser ihre Haltung damals als frisch immatrikulierte Studentin der Philosophie an der Duke University in Durham.

In ihrer Darstellung brachte sie ein Streit in einer WG an der jesuitischen Georgetown University erstmals zum Nachdenken über ihre Position in Amerikas Kulturkämpfen. Es ging dabei um ein Porno-Video, das sich Mitbewohner angeschaut hatten. Am Tag darauf war die Kassette zerstört. Der Konflikt schaukelte sich hoch. Die konservativeren Bewohner verließen das Haus. Darunter Dannenfelser, die damals noch Jones hieß.

Übertritt zur katholischen Kirche

Die Seiten in der Abtreibungsfrage wechselte sie nach intensiveren Diskussionen mit einer katholischen Lebensschützerin an der Georgetown University. Es ging dabei um das Mantra der Pro-Choice-Bewegung "mein Körper, meine Wahl", das bis dahin auch ihres war. Der Preis für eine solche Haltung sei die Entfremdung von dem anderen Leben, erklärt die heute 56-jährige Mutter von fünf Kindern ihren Einstellungswandel. Im Moment der Schwangerschaft gehe es nicht mehr nur um einen Körper, sondern um zwei. Niemals könne man Menschenrechte auf den gebrochenen Rechten anderer aufbauen.

Baby im Arm der Mutter / © Iermolovich Daria (shutterstock)
Baby im Arm der Mutter / © Iermolovich Daria ( shutterstock )

Damit stand sie auch in Widerspruch zu ihren liberalen Eltern, die laut Dannenfelser für den straffreien Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen waren. Es sind diese Brüche und nicht die Kontinuität, die aus ihr machten, was sie heute ist. Dazu zählt auch ihr Übertritt von der anglikanischen Episkopalkirche zum Katholizismus 1989. In ihrem neuen sozialen Milieu lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Marty Dannenfelser arbeitete zu der Zeit als Chefberater des Vorsitzenden der "Pro Life"-Arbeitsgruppe der Republikaner im Repräsentantenhaus.

Heute steht Marjorie Dannenfelser seit fast drei Jahrzehnten an vorderster Front der "Susan B. Anthony-List" (SBA), die sich in ihrem Namen auf die Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts beruft. Die SBA verstand sich als konservative Antwort auf liberale Frauengruppen, die sich für straffreie Schwangerschaftsabbrüche stark machten. Deren Lobbyarbeit hatte dazu geführt, dass eine beträchtliche Zahl von Frauen, die Abtreibungsrechte unterstützen, in den Kongress einzogen.

Eine Abtreibungsbefürworterin konfrontiert einen Abtreibungsgegner / © Alexandra Wimley (dpa)
Eine Abtreibungsbefürworterin konfrontiert einen Abtreibungsgegner / © Alexandra Wimley ( dpa )

Dannenfelser kopierte diese Strategie. Von den Republikanern im Kongress verlangte sie volle Rückendeckung für die Anliegen der Abtreibungsgegner. Die verbliebenen Pro-Choice-Republikaner forderte ihre Organisation bei den innerparteilichen Vorwahlen heraus. Die SBA-Vorsitzende schreckte auch nicht vor Konflikten mit konservativen Spitzenpolitikern zurück, die für ihren Geschmack alle nicht weit genug im Kampf gegen Abtreibung gingen.

Ruf als kompromissloser "Terrier"

Kurz nachdem sie 2010 die Leitung der SBA übernahm, machte sie ihrem Ruf als kompromissloser "Terrier" alle Ehre. Sie besiegelte das politische Ende des demokratischen Kongressabgeordneten Alan Mollohan. Der Abtreibungsgegner hatte sich gewagt, der Einführung einer Krankenversicherungspflicht für alle zuzustimmen. Dannenfelser ließ das Argument nicht gelten, dass "Obamacare" keine Abtreibungen finanziere. Stattdessen hielt sie Mollohan vor, der Lebensschutz-Bewegung den Rücken gekehrt zu haben. Die SBA schaltete Radiowerbungen mit dem Slogan "Mollohan hat uns verraten".

Konzessionen machte sie hingegen bei dem wenig religiös gesinnten Donald Trump. Der Einsatz gegen Abtreibung sei wichtiger als dessen frauenfeindliche Rhetorik, argumentierte Dannenfelser. Damit brach sie einen erbitterten Streit mit ihren Töchtern vom Zaun. Sie habe sich "schlecht gefühlt", ihn zu unterstützen, doch seine drei Richterbesetzungen am Supreme Court mit konservativen Abtreibungsgegnern wiege schwerer, rechtfertigte sie ihre Gefolgschaft.

Donald Trump / © Andrew Harnik (dpa)
Donald Trump / © Andrew Harnik ( dpa )

Während der Supreme Court noch an seinem Urteil feilte, das die seit 50 Jahren geltende Rechtsprechung zur Abtreibung auf Basis des Grundsatzurteils "Roe vs. Wade" (1973) an diesem Freitag kippte, arbeitete Dannenfelser schon an den Konsequenzen der "Nach-Roe"-Ära.

Im Fokus stehen die Zwischenwahlen im Herbst. Die SBA will Pro-Life-Kandidaten mit 72 Millionen Dollar im Wahlkampf unterstützen.

Dannenfelser strebt überall republikanische Mehrheiten an, die Abtreibungen in den 50 Bundesstaaten einschränken und schließlich auch auf nationaler Ebene weitgehend beenden könnten. Sie verfolgt dieses Ziel genauso hartnäckig wie das Ende von "Roe". Ganz Kämpferin nennt sie die nächste Etappe im Kampf gegen Abtreibung einen "Krieg an 51 Fronten".

US-Grundsatzurteil zu Abtreibung "Roe gegen Wade"

Im Grundsatzurteil "Roe gegen Wade" (Roe versus Wade) entschied der Oberste Gerichtshof der USA am 22. Januar 1973, dass staatliche Gesetze, die Abtreibungen verbieten, gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten verstoßen. Seither sind in den meisten US-Bundesstaaten Abtreibungen nahezu uneingeschränkt möglich.

Symbolbild Schwangerschaftsabbruch / © Andrii Yalanskyi (shutterstock)
Symbolbild Schwangerschaftsabbruch / © Andrii Yalanskyi ( shutterstock )
Autor/in:
Thomas Spang
Quelle:
KNA