Vor 30 Jahren starb der Gründer der Piusbruderschaft

Marcel Lefebvre war ein Rebell gegen die Moderne

Für die einen ist er ein Heiliger und Held; für die anderen ein tragisch gescheiterter Rebell, der eher mit Rom brach, als die neue Rolle der Kirche in der Moderne anzuerkennen. Erzbischof Marcel Lefebvre starb vor 30 Jahren.

 (DR)

Marcel Lefebvre wurde 1905 im nordfranzösischen Tourcoing geboren. Es war das Jahr, in dem in Frankreich gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat in Kraft trat. Es wurde vom Papst verdammt und führte zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Französischen Republik und dem Heiligen Stuhl. Die katholische Kirche, in der Lefebvre aufwuchs, war eine mit der Moderne und der Demokratie unversöhnte Institution.

Theologiestudium in Rom

Während seines Theologiestudiums in Rom am Französischen Seminar inhalierte der junge Lefebvre die antimodernistische und antiliberale Theologie und Gesellschaftslehre des Rektors Henri Le Floch, der eine ganze Generation von künftigen Priestern und Bischöfen in diesem militanten Geist erzog.

So wie vier seiner sieben Geschwister trat Marcel in einen katholischen Orden ein. Als Spiritaner-Pater missionierte er in mehreren afrikanischen Ländern, stieg rasch in der kirchlichen Hierarchie auf und wurde schließlich 1955 Erzbischof von Dakar im heutigen Senegal. Er machte keinen Hehl aus seiner Ablehnung der Dekolonialisierung, des Kommunismus und der Aufklärung.

Bischof von Tulle in Frankreich

Der weniger traditionell denkende Papst Johannes XXIII. degradierte ihn und machte ihn zum Bischof von Tulle in Frankreich. Doch kurz vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, im Juli 1962, wählte ihn der damals noch konservative und mächtige Spiritaner-Orden zum Generaloberen. Als solcher nahm er in herausgehobener Stellung an dem Konzil teil, das der Papst einberufen hatte, um die Kirche mit der Moderne auszusöhnen.

Es war keine Überraschung, dass Lefebvre beim Konzil zum Wortführer der radikal-konservativen Minderheit wurde. Es gelang ihm aber nicht, genügend Verbündete für diese Position zu organisieren.

Lefebvre gründet im ein Priesterseminar und eine Priesterbruderschaft

Beim Kirchenvolk und beim Klerus galt die vom Konzil empfohlene Reform der Gottesdienstfeiern als folgenreichster Beschluss. Als sie Ende der 1960er Jahre mit einer weitreichenden Veränderung der katholischen Liturgie umgesetzt wurde, gründete Lefebvre im schweizerischen Econe ein Priesterseminar und eine Priesterbruderschaft, die sich diesen Neuerungen konsequent widersetzten. Gegen römische Verbote weihte er dort Priester nach dem alten Ritus - verbotenerweise, aber gültig.

Papst Paul VI. suspendierte Lefebvre 1976 vom Bischofsamt. Er hatte erkannt, dass in Econe eine Keimzelle der Spaltung heranwuchs: Die dort ausgebildeten Priester - zunächst war es nur eine Handvoll, doch es wurden rasch mehr - nahmen die Beschlüsse des Konzils nicht an. Es entstand eine "Kirche in der Kirche".

Johannes Paul II. versucht den Traditionalisten entgegenzukommen

Johannes Paul II. versuchte, Anfang der 80er Jahre den Traditionalisten entgegenzukommen und gestattete die Feier der Alten Messe für bestimmte Orte und Gelegenheiten. Und er beauftragte den deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger, Gespräche mit den Traditionalisten zu führen, um dogmatische Streitpunkte aus dem Weg zu räumen. Doch ein ausgehandelter Kompromiss wurde von Lefebvre in letzter Minute verworfen.

Nun ging der 83-Jährige auf volle Konfrontation. Den nahenden Tod vor Augen wollte er den Fortbestand seines Werks sichern und nutzte dafür eine Besonderheit des Kirchenrechts, wonach jeder gültig geweihte Bischof seinerseits gültig Bischöfe weihen kann - und zwar auch dann, wenn ihm dies der Papst verbietet. Am 30. Juni 1988 weihte er vier Männer zu Bischöfen - gegen ein Veto des Papstes.

Zwar zog er damit die Tatstrafe der Exkommunikation auf sich und die vier neuen Bischöfe. Die "Lefebvrianer" wurden nun weithin als Gruppierung angesehen, die mit der katholischen Kirche gebrochen hat. Doch die Piusbruderschaft selbst betrachtete die Exkommunikation als unwirksam und sich selbst weiterhin als Teil der katholischen Kirche, die sie durch Kritik vom rechten Rand wieder auf den Weg der Tradition zurückbringen will.

Lefebvre starb mit 85 Jahren im Krankenhaus

Am 25. März 1991 starb Lefebvre mit 85 Jahren in einem Krankenhaus in Martigny. Auf seinem Marmorgrab in der Krypta der Seminarkirche von Econe steht ein Satz aus dem Ersten Korintherbrief des Apostels Paulus in lateinischer Sprache: "Tradidi quod et accepi" (Ich habe weitergegeben, was ich empfangen habe).

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
Quelle:
KNA