Bruder Paulus Terwitte hat Verständnis für Pandemie-Müdigkeit

"Manchmal habe ich auch keinen Bock mehr"

Maske tragen, Abstand halten - Auch Kapuziner-Pater Paulus Terwitte hat keine Lust mehr auf die Corona-Schutzmaßnahmen. Aber was passiert, wenn wir uns nicht daran halten? Machen wir uns dadurch selber zu Gott?

Bruder Paulus nimmt eine Masken-Spende entgegen. (privat)
Bruder Paulus nimmt eine Masken-Spende entgegen. / ( privat )

DOMRADIO.DE: Sehen Sie ein Nachlassen bei der Disziplin in der Bevölkerung, was die Abstands- und die Maskenregeln angeht?

Bruder Paulus Terwitte OFMCap (Liebfrauen Frankfurt): Naja, ich gucke erst mal auf mich. Manchmal denke ich, ich habe echt keinen Bock mehr. Ich will, dass das Leben wieder normal wird. Vor zwei Wochen hatte ich auch schon eine tiefe Corona-Blues-Krise, in der ich dachte, ich will nicht mehr arbeiten, mich nicht mehr anstrengen für diese Welt, in der ich mich nicht mehr entfalten darf, im Kloster ständig Maske tragen und beim Essen zwei Meter Abstand halten, kein Friedensgruß, eine Messe, in der es nach Desinfektionsmittel riecht. Horror.

Ich kann jeden verstehen, der jetzt einfach sagt: Ich mach mich jetzt einfach selber zum Gott, Gesundheitsminister, Mediziner und Virologen in einem und halte mich jetzt an gar nichts mehr. Ich hatte auch solche Anwandlungen, deswegen kann ich jeden gut verstehen.

DOMRADIO.DE: Aber nur nach Gefühl kann man da nicht gehen, sondern es braucht eben auch noch den Verstand, oder?

Br. Paulus: Genau, für uns Menschen ist es so, dass wir auf der einen Seite Emotionen haben. Auf der anderen Seite ist uns unser Verstand gegeben worden, damit die Emotionen uns nicht beherrschen, damit sie uns nicht gefährden und wir nicht Dinge tun, die für uns lebensgefährlich werden können. Darum müssen wir nachdenken, ob das richtig ist und zum Wohle aller oder nur zu unserem eigenen.

Wenn ich darüber nicht nachdenke, dann gefährde ich mich und andere. Als ich gestern durch Köln gegangen bin, ich war in der Nähe bei der Exerzitienwoche, habe ich gedacht: Es ist schon doof, durch die Fußgängerzone zu laufen, eine Maske zu tragen und kein Mensch ist auf der Straße. Aber da muss ich mir sagen: Ich gehöre zu einer Gemeinschaft, in der gibt es Regeln, die nicht von Diktatoren erlassen worden sind, sondern von Menschen, denen wir als Demokraten die Verantwortung gegeben haben. Darum will ich denen gehorchen.

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade gesagt, wenn ich keine Maske trage, dann mache ich mich vielleicht so ein bisschen zu Gott. Inwiefern ist das so?

Br. Paulus: Na ja, das ist ja die erste Seite des Paradieses. Die Leute hatten vieles zur Verfügung. Adam und Eva, so erzählt diese Geschichte, haben ausgerechnet das, was sie nicht durften, gemacht, weil sie sich dann so gefühlt haben wie Gott. So ist es ja bei uns auch, wenn wir ganz ehrlich sind. In Deutschland leben wir im Schlaraffenland. Ja, ich weiß, es ist schrecklich, zum Beispiel für die Gastronomen, es sind Existenzen bedroht. Es ist wirklich furchtbar, was diese Pandemie hervorruft.

Aber wenn wir nach Lesbos oder in andere Länder gucken, da gibt es noch ganz andere Sorgen. Ich finde, deswegen ist diese Vorstellung, wenn ich keine Maske trage, dann erlaube ich mir einfach mal, wie Gott zu sein, ich brauche keine Regeln, die anderen sind alle doof, ich weiß, was besser ist. Das ist sowas von unverantwortlich. Das wollen wir doch auch nicht in anderen Belangen. Wenn ich ins Krankenhaus gehe, höre ich auch auf das, was die Ärzte mir sagen und sage nicht: Ach nee, ich weiß das besser.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie jetzt Menschen sehen oder treffen, die sich so ein bisschen wie Gott aufführen, weil sie gerade keine Maske tragen wollen, melden Sie das und sind der Denunziant? Oder sprechen Sie mit den betreffenden Menschen oder gehen Sie einfach daran vorbei?

Br. Paulus: Naja, mit 103 Kilo und 1,91 Meter traue ich mich, Leute anzusprechen, sie zu fragen und weiß, dass ich auch einen Rüffel kriege oder irgendwas. Wenn ich dann so Ansammlungen sehe, dann melde ich das und rufe die Polizei an. Das wollen wir doch. Wir reden ja alle von Zivilcourage. Wir reden ja davon, dass wir einander brauchen, wenn wir unsere Ordnung aufrechterhalten wollen. Darum bin ich kein Denunziant.

Wenn gegenüber von meiner Wohnung ein Kind sieben Stunden schreit, rufe ich die Polizei, dann bin ich kein Denunziant, sondern: Mir ist das aufgefallen, könnt ihr mal prüfen. Und genauso würde ich sagen, wenn Lärm aus der Nachbarwohnung kommt, dann darf ich die Polizei anrufen und sagen: Ich hab die Vermutung, dass da 20 Leute sind. Ich glaube, da ist etwas im Gange, das ist echt nicht in Ordnung. Könnt ihr da mal gucken gehen. Wir leben davon, dass wir einander aufmerksam machen, wenn wir etwas sehen, was nicht in Ordnung ist. Und das sollen wir durchaus sagen.

DOMRADIO.DE: In Frankfurt, wo sie leben, da treffen sich auch viele Obdachlose ohne Maske. Sie haben ihrem Unmut bei Facebook Luft gemacht und die Politik kritisiert. Was hat die denn mit den Obdachlosen zu tun? Sind die Obdachlosen nicht erst mal selbst dafür verantwortlich, dass sie eine Maske tragen?

Br. Paulus: Ich leite den Franziskustreff hier in Frankfurt. Wir haben obdachlose Gäste jeden Tag zu Gast. Toi, toi, toi, wir hatten noch kein Corona. Wir halten den Betrieb aufrecht. Aber es fällt mir doch auf, dass der Ruf nach einer Ordnung und nach Masketragen für jeden gilt. Auch obdachlose Menschen sind da keine bedürftigen, minderbemittelten Leute, die jetzt irgendwie besonders davon ausgenommen sind. Ich darf sie ansprechen und das ist würdig, wenn ich sie einlade, sich an unsere Ordnung zu halten.

Ich finde es merkwürdig, dass irgendwelche Dezernenten glauben, sie hätten das Recht, ihre Ordnungskräfte anzuweisen, dass ein paar Leute nicht so hart angefasst werden müssen. 50 Meter weiter bekommen Leute für Verstöße 300 Euro Ordnungsgeld aufgebrummt. Da stimmt für mich irgendetwas nicht. Diese Ungerechtigkeit muss man einfach bennen ohne Ansehen der anderen Person. Das gilt ja für Reich wie für Arm. Also bei Reichen würde man sagen, ja, die haben viel Geld, die werden nicht so schnell angegangen.

Aber es gibt auch durchaus Leute, auch politische Kräfte, die daran interessiert sind, sich als irgendwie barmherzig oder sonstwie darzustellen und dann zu sagen: Wir drücken bei den Obdachlosen mal ein Auge zu. Also da hab ich noch ganz andere Dinge im Kopf, da sollen die lieber mal ein Auge zudrücken.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es denn aus bei den Obdachlosen mit der Verfügbarkeit der Masken? Das stelle ich mir immer relativ schwierig vor, als Obdachloser da überhaupt dran zu kommen. Vielleicht drückt man deshalb ein Auge zu?

Br. Paulus: Also ich glaube, dass Menschen, die obdachlos sind, erst einmal tatsächlich in einer gefährlichen, gefühlt stärker gefährdeten Situation sind. Ich bin sehr froh, dass - wie ich finde - unsere sozialen Systeme relativ gut greifen. Natürlich müssen Menschen, die obdachlos sind, wissen, wo man die Masken herbekommt und dann da hingehen. Wir im Franziskustreff haben, Gott sei Dank, sehr viele FFP2-Masken gespendet bekommen, sodass wir jeden Tag den Leuten frische anbieten und ausgeben.

Es gibt genügend andere, auch Hilfsorganisationen, die unseren obdachlosen Mitmenschen diese Masken zur Verfügung stellen. Die müssen sich aber bitte auch auf den Weg machen. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Und ich bin ganz dagegen, dass man obdachlose Menschen behandelt wie kleine Kinder. Das sind erwachsene Mitbürgerinnen und Mitbürger, die wir mit hineinnehmen dürfen in die Rechte, die wir Menschen haben, aber auch in die Pflichten.

DOMRADIO.DE: Die so wie jeder andere auch eine Maske tragen müssen.

Br. Paulus: Ja, selbstverständlich.

Das Interview führte Gerald Mayer.

Bruder Paulus Terwitte im Portrait / © Norbert Demuth (KNA)
Bruder Paulus Terwitte im Portrait / © Norbert Demuth ( KNA )
Quelle:
DR
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