Schuster zum Berufungsprozess um "Wittenberger Judensau"

"Eindeutige Erklärung notwendig"

Der Fall der als "Wittenberger Judensau" bekannten Schmähplastik an der Stadtkirche von Wittenberg liegt wieder vor Gericht. Der Präsident des Zentralrates der Juden blickt gespannt auf das Urteil im Berufungsprozess am Dienstag.

Josef Schuster (m.) / © Gregor Fischer (dpa)
Josef Schuster (m.) / © Gregor Fischer ( dpa )

epd: Wie sehen Sie die Debatte, die derzeit um dieses Schmährelief und ähnliche Plastiken an Kirchen in Deutschland geführt wird? Sollte es aus Ihrer Sicht abgenommen und in ein Museum gebracht werden?

Josef Schuster (Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland): Dass heutzutage über solche Bildwerke in Kirchen diskutiert wird, ist zu begrüßen. Wenn das Relief in Wittenberg hängen bleiben soll, sollte dort auf jeden Fall eine Tafel angebracht werden, die es eindeutig erläutert und in den historischen Kontext einordnet.

epd: Es gibt auch an anderen Kirchen in Deutschland ähnliche Schmähplastiken. Wie sollte man damit umgehen? Wäre es wünschenswert, wenn es dazu eine gerichtliche Klärung gebe, die alle diese Plastiken berücksichtigt?

Schuster: Die Debatte in Wittenberg hat sicherlich auch an anderen Orten zum Nachdenken geführt. Ich denke, dass die betroffenen Kirchengemeinden für sich zu einem Urteil kommen können, wie sie damit umgehen, ohne dass es einer grundsätzlichen Gerichtsentscheidung bedarf.

epd: Hat sich Ihre Position auch gerade vor dem Hintergrund des antisemitischen Anschlags in Halle im vergangenen Jahr geändert?

Schuster: Nein, ich fände es übertrieben, von solchen Darstellungen aus vergangenen Jahrhunderten eine direkte Linie zum Anschlag in Halle zu ziehen. Daher war meine Position zum Relief in Wittenberg vor dem Anschlag die gleiche wie heute.

Das Interview führte Romy Richter.

Darstellung in Wittenberg / © Norbert Neetz (KNA)
Darstellung in Wittenberg / © Norbert Neetz ( KNA )
Quelle:
epd