Die Krise im Libanon spitzt sich weiter zu. Vor allem im Süden des Landes und in der Hauptstadt Beirut geht das israelische Militär gegen die schiitische Hisbollah-Miliz vor. Neben Luftangriffen gibt es inzwischen auch Einsätze am Boden. Ein israelischer Militärsprecher kündigte an, den Einsatz von Bodentruppen im Südlibanon auszuweiten.
Hilfsorganisationen schlagen bereits jetzt Alarm: Innerhalb von zwei Wochen sind nach libanesischen Angaben knapp 900 Menschen durch israelische Angriffe getötet worden. Mehr als eine Million Menschen sind vertrieben worden, davon rund 350.000 Kinder. Viele müssen in Notunterkünften unterkommen.
Für Oumayma Farah gehört der Ausnahmezustand längst zum Alltag. Die 48-Jährige ist Leiterin für Kommunikation und Fundraising beim libanesischen Malteserorden und arbeitet in einem Land, das seit Jahren von Krisen erschüttert wird.
"Die Lage im Libanon würde ich ganz einfach als katastrophal beschreiben", sagt Oumayma Farah im Gespräch mit DOMRADIO.DE. Neben wirtschaftlichen und politischen Problemen belasten nun erneut militärische Auseinandersetzungen das Land. Für viele Menschen sei die Situation kaum noch auszuhalten.
Leben zwischen Krisen und Krieg
Der Libanon habe in den vergangenen Jahren eine Kette von Krisen erlebt, erklärt Farah: wirtschaftlicher Zusammenbruch, massive Inflation, die Explosion im Hafen von Beirut – und nun wieder Krieg. "Die libanesische Bevölkerung steht unter zu großer Belastung," sagt die 48-Jährige.
Besonders schwer wiege die Perspektivlosigkeit. Während frühere Konflikte zumindest die Hoffnung auf ein Ende gelassen hätten, fehle diese heute vielerorts, erklärt die Mitarbeiterin von Malteser International: "Die Menschen sind heute verzweifelt. Es herrscht große Wut. Es herrscht große Traurigkeit, wenn wir zusehen, wie unser Land auseinanderfällt."
Viele dächten ans Auswandern. Vor allem in den Dörfern im Süden wachse die Angst, dauerhaft ihre Heimat zu verlieren.
Hunderttausende auf der Flucht
Gerade dort zeigen sich die Auswirkungen des Krieges besonders deutlich. Innerhalb kürzester Zeit mussten Hunderttausende Menschen ihre Häuser verlassen. "Innerhalb von nur 48 Stunden wurden 800.000 Menschen vertrieben", berichtet Farah.
Viele fanden Zuflucht in improvisierten Notunterkünften – häufig in Schulen. Dort leben Familien unter schwierigsten Bedingungen, so berichtet es die Hilfsorganisation: "Zwölf oder 15 Personen in einem Klassenzimmer. Sie schlafen auf dem Boden, kochen im selben Raum und teilen sich ein Badezimmer."
Neben der Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe werde vor allem die Hygiene zu einer Herausforderung. Die Gefahr von Krankheiten wachse, so die Malteser. Gleichzeitig litten viele Menschen unter psychischen Belastungen. "Es ist eine humanitäre Katastrophe", beklagt Oumayma Farah.
Hilfe unter schwierigsten Bedingungen
Die Malteser sind seit Jahrzehnten im Libanon aktiv, und konnten schnell reagieren. Mit mobilen medizinischen Teams, Küchen und einem landesweiten Netzwerk unterstützen sie die Betroffenen. Bereits kurz nach Beginn der neuen Eskalation waren Helfer in zahlreichen Notunterkünften im Einsatz.
"Krieg bedeutet, dass Lebensmittel verteilt und medizinische Versorgung bereitgestellt werden müssen", sagt Farah. Besonders wichtig sei die Versorgung älterer Menschen mit Medikamenten sowie die Betreuung von Kindern.
Freiwillige kümmern sich gezielt um die Jüngsten, bringen Spielzeug und versuchen, ihnen Momente der Normalität zu ermöglichen. "Wir versuchen, ihnen ein Gefühl von Zuhause zu vermitteln – und vor allem ein Gefühl der Hoffnung."
Gleichzeitig bleibt die Arbeit gefährlich. Hilfseinsätze müssen ständig an die Sicherheitslage angepasst werden. Routen werden überprüft, Warnungen ausgewertet. "Wenn es nicht sicher ist, ändern wir die Route – aber wir sagen die Hilfe nicht ab", sagt die Mitarbeiterin von Malteser International.
Glaube als Kraftquelle
"Ich wurde im Krieg geboren und lebe immer noch inmitten von Krieg und Krisen", fasst die 48-jährige Libanesin zusammen. Trotz dessen – oder gerade deswegen – spielen Glaube und Überzeugung eine zentrale Rolle für die Helfer. "Unser Glaube ist unser Antrieb", sagt Farah. Gerade in schwierigen Momenten gehe es darum, Mut zu zeigen und für die Menschen da zu sein.
Auch für viele Betroffene sei Religion unabhängig von ihrer Zugehörigkeit eine wichtige Stütze. Der Malteserorden helfe allen Menschen gleichermaßen: "Es geht nicht um Herkunft oder Religion. Wir fragen nicht danach. Wir helfen jedem, der in Not ist."
Auch der Besuch von Papst Leo habe den Menschen Kraft gegeben. "Ich glaube, während seines Besuchs haben alle Libanesen geweint – egal, ob Christen oder Muslime", berichtet Oumayma Farah.
Hoffnung zum Ende des Ramadan
Mit dem Ende des Ramadan verbindet sich für viele Menschen im Libanon zumindest ein Moment der Hoffnung. Trotz Krieg und Unsicherheit werde das Fest begangen. Für Christen sei die Auferstehung Christi ein hoffnungsvolles Datum. "Wir können gar nicht anders, als Hoffnung zu haben", sagt Farah. Der Glaube spiele dabei eine zentrale Rolle. "Ob Christen oder Muslime, wir glauben fest daran, dass Gott uns nicht im Stich lassen wird."
In einem Land mit 18 Religionsgemeinschaften sei diese Hoffnung ein verbindendes Element. Christen und Muslime teilten den Wunsch nach Frieden. Nach Jahrzehnten von Konflikten sehnen sich viele nach einem Neuanfang.
"Das libanesische Volk verdient es, in Frieden zu leben", betont Oumayma Farah. Ihre Hoffnung: dass dieser Krieg der letzte sein möge – und der Libanon wieder zeigen kann, "dass wir ein Vorbild für Zusammenleben und Frieden sein können".