Sonntag, 18. Mai 2025, die "Krönung"
Eine "Krönung" des neuen Papsts mit der Tiara, der historischen Dreifachkrone, gibt es schon lange nicht mehr. Zuletzt gekrönt wurde Paul VI. 1963. Mir gefällt dieser Begriff nicht sonderlich. "Investitur" fände ich passender: Schließlich wird dem Pontifex das Pallium, jenes weiß mit schwarzen Kreuzen bestickte Band aus Lammwolle, als Zeichen seiner Autorität umgelegt; dazu kommt der Fischerring, der ihm an den Finger gesteckt wird.
Er wird also mit den Symbolen des Amtes "eingekleidet". Ich persönlich empfand diesen historischen Sonntag im Mai jedoch in der Tat als "Krönung" – als Krönung meiner rund dreizehn Jahre Arbeit als Vatikan-Korrespondent nämlich. Der Messe zur Amtseinführung beizuwohnen, war auch für einen erfahrenen Journalisten einfach ein Höhepunkt, der einen nicht unberührt ließ.
Schon seit Tagen begleiten mich vor der Haustür wieder die üblichen Absperrungen. Als ich am Morgen aus dem Fenster blickte, präsentierte sich auf den umliegenden Straßen ein beeindruckendes Aufgebot: Alle geparkten Autos waren verschwunden oder abgeschleppt. Stattdessen standen dort lange Reihen von Mannschaftswagen der Polizei, der Carabinieri und des Militärs, dazu Rettungswägen und Löschzüge der Feuerwehr. Na, dann konnte uns ja nichts mehr passieren.
Genauso beeindruckend waren die Massen, die schon um sieben Uhr morgens in langen Gruppen zum Petersplatz marschierten. Ein kleiner Vorgeschmack auf die halbe Million Gläubigen, die zu diesem Event der Superlative erwartet wurden. Und wiederum musste den Staatsgästen aus aller Welt mit ihren Konvois ein Weg durch all die Menschen gebahnt werden. Kontrollpunkte und riesige Warteschlangen auf Schritt und Tritt. All dies wirkte wie ein Flashback zur Beisetzung von Papst Franziskus.
Mit viel Geduld (meine Nerven hatte ich vorsorglich in Watte gepackt) schaffte ich es, mich zur Presse-Schleuse durchzuschlagen. In dem Getümmel entdeckte ich zwei mir bekannte Bundestagsabgeordnete aus Bayern. Sie hatten im Gedränge ihre Delegation verloren und waren trotz ihrer vom Heiligen Stuhl ausgegebenen Diplomatenkarten mitten in der Menge gelandet.
Ich half aus, redete mit den Sicherheitsbeamten der Gendarmerie und begleitete sie ein Stück zu ihren reservierten Plätzen unterhalb des Altarbereichs. Eigentlich wollte ich hinauf auf die Pressetribüne. Doch da hinter den Delegationen noch ein paar Plätze frei waren, entschied ich kurzerhand, mich dort niederzulassen. So nah dran an der großen Bühne, was wollte ich mehr?
Um Glockenschlag zehn Uhr nahm die Zeremonie, die sich zunächst in der Basilika vollzog, ihren Lauf. Dank der Maxi-Bildschirme konnte man auch diesen Teil, der vielleicht am beeindruckendsten war, genau verfolgen. Ein endlos langer Zug von Kardinälen und Bischöfen, alle in weißen Messgewändern und weißen Damast-Mitren, begab sich zum Zentralaltar direkt unter die Kuppel Michelangelos.
Der Chor der Sixtinischen Kapelle sang den antiken Hymnus "Tu es Petrus", begleitet von Orgel und Trompeten. Die Prozession stellte sich in kreisförmiger Formation rund um den "Altar der Confessio" auf, so nennt man den vergoldeten Baldachin-Aufbau mit dem Abgang zur Krypta am Petrusgrab in der Vierung der Basilika. Auf diesem Altar darf nur der Papst selbst oder ein von ihm beauftragter Vertreter zelebrieren.
Am Schluss des Einzugs trat die Hauptperson in Erscheinung. Leo XIV. trug ein romanisches Messgewand von Johannes Paul II., dazu eine passende Mitra; nicht pompös, eher zurückhaltend, aber edel. Auch dessen "Ferula", den silbernen Kreuzstab mit Korpus, hielt er in den Händen.
Es war ein schönes Zeichen der Kontinuität mit seinen unmittelbaren Vorgängern, denn auch Benedikt XVI. und Franziskus waren schon in jenen Gewändern zu sehen. Auch mit liturgischer Bekleidung lassen sich Botschaften senden. Keine Extrawurst, kein Traditionsbruch, Ausdruck von Demut und Frömmigkeit.
Unter der Kuppel angelangt, stieg der Pontifex mit den zwei hochrangigen Kardinälen in die Grotte hinab, um am Grab des Apostels Petrus zu beten. Dieses ruht zwar noch einige Meter unterhalb in den Ausgrabungen der Nekropole, doch steht in der zentralen Nische ein goldener Schrein als Symbol für den bedeutungsvollen Ort, an dem der erste Papst gemartert, mit dem Kopf nach unten gekreuzigt und beigesetzt wurde.
"Petrus eni", lautet die eingravierte Inschrift auf Griechisch, die seit 2000 Jahren im Mauerwerk eingeritzt ist – "Hier ist Petrus." Dann beweihräucherte der 266. Nachfolger Petri das Grabmal seines allerersten Vorgängers und betete in stiller Versenkung. Es war ein Gänsehautmoment, denn er gab eine Ahnung von einer zweitausend Jahre umfassenden Geschichte der Kirche, in deren Kontinuität – mit allem dazugehörigen Gepäck auf den Schultern – fortan dieser Augustinermönch aus Chicago stehen würde.
Nach dieser Andacht setzte sich die Prozession wieder in Bewegung. Zwei Diakone trugen auf silbernen Tabletts die wichtigsten Utensilien für die anstehende Investitur mit sich: Das schon beschriebene Pallium und den goldenen, fein ziselierten Fischerring mit jener ikonischen Szene, in der Christus dem Apostel Petrus symbolisch die Schlüssel zum Himmel überreicht. Beide Symbole der päpstlichen Macht waren über Nacht am Petrusgrab aufbewahrt worden – eine "Berührungsreliquie prêt-à-porter", könnte man sagen.
Durch das Mittelportal der Basilika trat der feierliche Kirchenzug nach draußen ins gleißende Sonnenlicht. Die weißen, goldenen und purpurnen Paramente des Klerus funkelten um die Wette. Es war eine Inszenierung, wie sie nur die katholische Kirche beherrscht. Donnernder Applaus und Jubelrufe brandeten auf, als zuletzt Papst Leo XIV. auf den Stufen erschien. "Viva il Papa" tönte es über den Platz in die gregorianischen Gesänge hinein.
Nach dem Wortgottesdienst, also den beiden Lesungen und dem sowohl auf Latein als auch auf Griechisch gesungenen Evangelium, war es so weit: die Übergabe der Insignien. Nach einer Reihe von Fürbittgebeten wurden in einer gesungenen Litanei die historischen Heiligen der Kirche um ihre Fürsprache für den neuen Nachfolger Petri angerufen.
Obwohl ich mich relativ nahe am Altar befand, wandte ich meinen Blick auf den Maxi-Bildschirm, um die Szene aus der Nähe zu beobachten. Zwei ranghohe Kardinäle nahmen den feierlichen Akt vor. Erzbischof Mario Zenari, ein altgedienter Diplomat, der seit über siebzehn Jahren als Apostolischer Nuntius in Damaskus ausharrt, legte Leo das Pallium über die Schultern.
Der Missionspräfekt Luis Antonio Tagle streifte ihm den Fischerring über den Finger, der etwas hakte. Sie lächelten sich zu. Der päpstliche Zeremonienmeister, Erzbischof Diego Ravelli, musste dezent nachhelfen, damit alles richtig passte, setzte dem Pontifex die Mitra aufs Haupt und reichte ihm die Ferula. Während der Chor das Halleluja anstimmte, erhob sich Papst Leo XIV. unter donnerndem Applaus.
Und dann kam es zu einer rührend menschlichen Szene: Der Papst bekam feuchte Augen. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, Leone musste die Tränen zurückhalten. Was mochte in einem solchen Augenblick in einem Menschen vorgehen, der gerade den Höhepunkt seines Lebens erlebte? Welche Gedanken und Gefühle schossen ihm durch den Kopf?
Diese Emotionen mussten unvorstellbar sein, denn es war eine einzigartige Situation, die sonst keinem Sterblichen zuteilwird. Der Rückblick auf die eigene Lebensgeschichte, die familiären Wurzeln, die Stationen des eigenen geistlichen Wirkens, die Höhen und Tiefen auf dem Lebensweg; Dankbarkeit gegenüber jenen Menschen, die einen getragen haben, wie den Eltern; aber auch die Furcht vor der Größe jener Aufgabe, die beispiellos in der Welt ist – eine Rolle, die manchem Zeitgenossen geradezu anachronistisch anmutet. Da mag es selbst für einen Pontifex Maximus schwer sein, die Kontrolle über seine Gefühle zu behalten. Auch er ist ein sterblicher Mensch.
Nach Eucharistiefeier und Segen folgte eine weitere Premiere: Zum ersten Mal begab sich Leone aufs "Papamobil", um über den Platz zu kreuzen. Sein Modell: Ein Mercedes mit einem drehbaren, gepolsterten Schalensessel in der Mitte; außen weiß, innen rot. Und wieder menschelte es: Zunächst begutachtete er das Gefährt, stieg auf und ließ sich von Sicherheitsleuten ein paar Funktionen und Tasten erklären.
Seine Augen waren dabei so groß wie die eines Kindes, das sein erstes Fahrrad geschenkt bekommt. Leo XIV. ist ein Papst, dessen Gesicht man lesen kann – Journalistenherz, was willst Du mehr?
Zum Abschluss empfing der neue Pontifex, wie es üblich ist, die diplomatischen Delegationen aus aller Welt im Petersdom. Auch diesmal ging es wieder streng nach vatikanischem Protokoll: Zuerst die gekrönten Häupter, dann die republikanischen Staatschefs, danach die Regierungschefs.
Donald Trump wurde von seinem Vizepräsidenten J.D. Vance vertreten; er hatte wohl den direkten Vergleich mit seinem berühmten Landsmann gescheut. Er hätte dabei nur "brutta figura" (italienisch für "schlechte Figur") machen können.
Die Deutschen wurden diesmal von einem katholischen Doppelgespann vertreten: Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Beide trafen sich mit uns Korrespondenten anschließend auf der Dachterrasse des Campo Santo Teutonico auf eine Erfrischung. Diesmal schaffte ich es, mich dorthin durchzukämpfen.
Von der Begegnung blieben mir einige Sätze der studierten Theologin Klöckner in Erinnerung, welche das historische Ereignis auf den Punkt brachten und in einen größeren Kontext stellten: "Der große Zuspruch für den neuen Papst und die immense Anteilnahme an der Amtseinführung zeigen, dass die Kirche zu Recht den Anspruch universeller Werte und des friedlichen Miteinanders vertritt."
Hinterher scherzten ein paar von uns: "Die Klöckner könnte auch Bundespräsidentin." Von den Äußerungen des Kanzlers ist mir hingegen nichts in bleibender Erinnerung geblieben. Im Schlepptau hatte er seinen Vize und Finanzminister Lars Klingbeil. Der Niedersachse wirkte, als habe er auf einer Zeitreise soeben Cleopatras Einzug in Rom erlebt; es musste alles arg fremd für den Armen gewesen sein.
Den ganzen Tag vibrierte die Ewige Stadt weiter. Hubschrauber, Wagenkolonnen, Sirenen, gesperrte Straßen, Menschentrauben, Kioske und Restaurants im Belagerungszustand, überfüllte Verkehrsmittel. Ein festliches Chaos.
Zum Autor:
Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren.
Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.
Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.