"Making of Leone": Journalist nimmt Kardinäle in den Blick

Das Schaulaufen der Papabili

Papst Franziskus ist vor einem Jahr gestorben. Ein Journalist erlebte seinen Tod und die Entstehung des neuen Pontifikats aus nächster Nähe. Im Tagebuch schreibt er, wie sich die Papstanwärter am Sonntag vor dem Konklave präsentieren.

Autor/in:
Michael Feth
Kardinäle kommen zu einer Messe am achten von neun Trauertagen für den verstorbenen Papst Franziskus im Petersdom im Vatikan / © Alessandra Tarantino (dpa)
Kardinäle kommen zu einer Messe am achten von neun Trauertagen für den verstorbenen Papst Franziskus im Petersdom im Vatikan / © Alessandra Tarantino ( dpa )

Zweiter Sonntag der Osterzeit, 4. Mai 2025

Heute ist nicht nur einfach Sonntag. Es ist der Sonntag vor dem Konklave. Das bedeutet: Schaulaufen. Es ist eine alte Tradition, dass die Kardinäle aus allen Erdteilen an diesem Tag des Herrn die Messe in ihren jeweiligen römischen Titelkirchen zelebrieren. Jeder Purpurträger wird als Zeichen der Verbundenheit mit dem Stellvertreter Christi eine Kirche in der Ewigen Stadt oder im Umland zugewiesen. 

Blick auf den Petersdom hinter der Engelsbrücke am Tiber / © Jan Woitas (dpa)
Blick auf den Petersdom hinter der Engelsbrücke am Tiber / © Jan Woitas ( dpa )

Damit soll die unverbrüchliche Einheit der Kirche betont werden, egal, wie weit entfernt oder auf welchem Kontinent der Inhaber des roten Hutes seine Wirkstätte haben mag. Wenn man durch Rom spaziert, erkennt man eine Titelkirche meist am Wappen des jeweiligen Kardinals, das neben dem päpstlichen Wappen mit der Tiara angebracht ist. 

Geübte können daran auch den Rang des betreffenden Kardinals im "Senat der Kirche" ablesen. Ja, auch ein Kardinal ist nicht gleich Kardinal. Es gibt drei Abstufungen: Kardinaldiakon ist die unterste. Den Kardinaldiakonen werden kleine Kirchen zugewiesen, die entweder Filiale oder ohne feste Gemeinde sind – "Diakonie" in der römischen Kuriensprache. 

Kardinalpriester ist der nächste Rang; sie bekommen eine römische Pfarrkirche zugewiesen – übrigens durchaus auch in Problemzonen, an der Peripherie. Höchster Rang sind die sieben Kardinalbischöfe; und hier gibt es eine Besonderheit. Ihre Titelkirchen sind die Kathedralen der sieben sogenannten "suburbikarischen Bistümer", das heißt der historisch ältesten Diözesen außerhalb Roms. 

Luftbild der Horrea Epagathiana und Epaphroditiana, historische Lagerhäuser von Ostia Antica. Es hatte einen begrünten Innenhof. Das archäologische Gebiet befindet sich in Rom, Italien / © Stefano Tammaro (shutterstock)
Luftbild der Horrea Epagathiana und Epaphroditiana, historische Lagerhäuser von Ostia Antica. Es hatte einen begrünten Innenhof. Das archäologische Gebiet befindet sich in Rom, Italien / © Stefano Tammaro ( shutterstock )

Das sind: Ostia, Palestrina, Porto und Santa Rufina, Albano, Velletri-Segni, Frascati, Sabina-Poggio Mirteto. Der Dekan des Kardinalskollegiums erhält traditionell den Dom von Ostia Antica zugewiesen. Allerdings handelt es sich bei diesen Rängen nur um Traditionen; unterschiedliche Rechte sind damit nicht (mehr) verbunden.

Zurück zum Schaulaufen. Heute war also der Tag, an dem man die derzeit heiß gehandelten Papabili mal aus der Nähe betrachten, sich ein Bild von ihrem Auftreten machen und sie predigen hören konnte. Bei manchen Kurienkardinälen konnte man das schon in den neun Tagen seit der Beisetzung von Franziskus tun, in der sogenannten Novene. 

Für die ausgewählten Zelebranten war dies eine Chance, sich einem breiteren Publikum bekannt zu machen und zu punkten – oder es aber zu vermasseln. So war es ausgerechnet dem Anwärter Nummer Eins auf die Nachfolge, niemand Geringerem als Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, gegangen, und zwar am Weißen Sonntag, dem Tag nach den Exequien.

Eigentlich war für diesen "Zweiten Ostersonntag", wie es im Liturgischen Kalender heißt, die Heiligsprechung des Jugendapostels und katholischen Influencers Carlo Acutis geplant. Zehntausende Jugendliche aus aller Welt wollten dazu nach Rom reisen. Und die meisten waren trotz der kurzfristigen Absage gekommen. Bei vielen Gruppen aus dem Ausland ließen sich so kurzfristig die Tickets nicht mehr stornieren. 

Jugendliche halten ein Bildnis von Carlo Acutis in die Höhe / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Jugendliche halten ein Bildnis von Carlo Acutis in die Höhe / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Also hatte Parolin bei seiner Messe auf dem Petersplatz eine unübersehbare Menge vor allem junger Menschen vor sich. Eine an sich fantastische Gelegenheit. War es die Nervosität? Ging es ihm an dem Tag nicht gut? War er schlicht überfordert? Das fragten sich alle Beobachter hinterher. Seine Predigt war derart uninspiriert, dröge und monoton, sein Auftritt derart blass, dass keinerlei emotionaler Funke überzuspringen vermochte. 

Es war wahrlich keine Bewerbung für den Stuhl Petri, eher ein Abgesang. Und das Schlimmste: Er sprach die vielen versammelten Jugendlichen so gut wie gar nicht an. Da stand einfach kein Papst am Altar. Wir waren uns schnell einig: Parolin, der bis dato so haushoch gehandelt worden war, hatte seine Chance verspielt.

Fast jeder meiner Kollegen war an jenem Sonntag in einer anderen Kirche, um sich "seinen Favoriten" zu begutachten. Hinterher wurde viel geredet und verglichen. Die Meinungen gingen naturgemäß auseinander. Ein Bekannter war etwa begeistert vom Auftritt des Erzbischofs von Marseille, Marc Aveline, in dessen Kirche San Filippo Neri im Herzen Roms. 

Papst Franziskus lächelt während der Fürbitten mit Kardinal Jean-Marc Aveline, Erzbischof von Marseille, in der Basilika Notre-Dame de la Garde in Marseille / © Vatican Media/Romano Siciliani/KNA (KNA)
Papst Franziskus lächelt während der Fürbitten mit Kardinal Jean-Marc Aveline, Erzbischof von Marseille, in der Basilika Notre-Dame de la Garde in Marseille / © Vatican Media/Romano Siciliani/KNA ( KNA )

"Er wirkt optisch so etwas wie eine moderne Ausgabe von Johannes XXIII., so jovial und auf die Menschen zugehend. Der wäre doch was. Und dann dieser himmlische französische Akzent bei der lateinischen Eucharistiefeier", schwärmte er.

Ich hatte meine Zweifel an dieser Darstellung, auch wenn ich später im Internet Bilder sah, die diesen Eindruck vordergründig bestätigten. Der Erzbischof aus Südfrankreich galt ja schon länger als papsttauglich, spätestens seit dem Besuch von Franziskus in Marseille im Rahmen der Mittelmeerkonferenz im September 2023.

Einem meiner Kollegen, und nicht nur ihm, war Aveline dabei allerdings eher negativ ausgefallen: "Ein aufgeplusterter Gockel, arrogant und eitel", so sein vernichtendes Urteil. Wer hatte nun Recht? Schwer zu sagen. Ich empfand ihn jedenfalls nicht als ernsthaften Kandidaten. 

Ein zweites Beispiel: Kardinal Peter Erdò von Budapest. Der Primas von Ungarn wurde insbesondere von den konservativen, kirchennahen Medien auf den Schild gehoben. Immerhin war er jahrelang Vorsitzender der Europäischen Bischofskonferenz und kein Unbekannter im Episkopat. Eine wichtige Rolle spielte er auch bei der Vermittlung des Ungarnbesuchs von Papst Franziskus im Lande des international heftig umstrittenen Langzeit-Regierungschefs Viktor Orbán 2024.

Kardinal Peter Erdö / © David Klammer (KNA)
Kardinal Peter Erdö / © David Klammer ( KNA )

"Ich habe keine Ahnung, warum sein Name in diesen Tagen so oft gespielt wird. Er ist alles andere als ein Volkstribun. Auf mich hat er einen blässlichen Eindruck gemacht, von seiner Predigt ist mir kaum eine prägnante Aussage hängengeblieben, um ehrlich zu sein. Sicherlich ein erfahrener Mann, aber mir fehlt da einfach ein Stück Charisma." 

Das berichtet ein anderer Kollege von der Sonntagsmesse Erdòs in dessen Kirche Santa Francesca Romana. Summa summarum waren nach unserer mehrheitlichen – allerdings absolut subjektiven – Einschätzung bereits drei Top-Favoriten aus dem Rennen geschieden. Der Grund: Maßlos überbewertet.

Im Hintergrund tauchte nun immer öfter ein ganz anderer Name auf, der meines Erachtens hohes Potenzial hatte: der des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa. Und tatsächlich – seine Quoten stiegen, je näher das Konklave rückte. 

Ein Mann, der gewohnt ist, sich in einem permanenten Spannungsverhältnis am Schnittpunkt der Weltreligionen zu befinden, der angesichts des Gaza-Kriegs zwangsläufig auch politisch handeln muss und gewohnt ist, dass jedes einzelne Wort aus seinem Mund sofort auf die diplomatische Goldwaage gelegt wird. Der trotzdem mutig und offen wirkt. Keine schlechten Eigenschaften für einen künftigen Pontifex.

Als ich das erste Mal den Namen ventilierte, gab sich ein bekannter Kollege vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen höchst erstaunt; ich glaube, er machte sich über meine Einfalt lustig. Derselbe Sender hatte sich nicht erblödet, bis kurz vor knapp in seinem Internetportal immer wieder die erzkonservativen Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Raymond Burke als ernsthafte Kandidaten darzustellen. Soviel zum Thema Kompetenz.

Zum Autor:

Vatikan-Korrespondent Michael Feth (privat)
Vatikan-Korrespondent Michael Feth / ( privat )

Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur, sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren. 

Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.

Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.

Ablauf des Konklaves

Millionen Menschen in aller Welt verfolgen gespannt die Vorbereitungen für die Wahl eines Nachfolgers von Papst Franziskus. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) skizziert die Termine der nächsten Tage - mit den möglichen Wahlgängen und ungefähren Zeitangaben der Rauchzeichen bis einschließlich Sonntag.

Mittwoch, 7. Mai

10 Uhr: Messe "Pro eligendo Romano Pontifice" ("Für die Wahl des römischen Papstes") unter Leitung von Kardinaldekan Giovanni Battista Re im Petersdom

Vor dem Konklave (dpa)
Vor dem Konklave / ( dpa )
Quelle:
DR

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