Lutheraner bitten Mennoniten bei Weltbund-Treffen um Verzeihung

"Rottengeister und Ketzer"

Es soll ein Signal der Versöhnung werden: Wenn die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes ab heute in Stuttgart tagt, wollen die 400 Delegierten ihr "tiefstes Bedauern" über die Verfolgung der Täufer und Mennoniten durch Luther-Anhänger in einem Versöhnungsgottesdienst bekunden.

Autor/in:
Christoph Arens
 (DR)

In einer Erklärung, die die Versammlung verabschieden will, räumen die Vertreter von weltweit rund 70 Millionen Lutheranern ein, dass Anhänger ihrer Konfession die Täufer vor allem im 16. und 17. Jahrhundert gewaltsam verfolgt sowie mit theologischen Argumenten verdammt und mit falschen Unterstellungen bedrängt hätten. Dabei waren auch die Täufer aus der Reformation hervorgegangen. Allerdings war diese Protestbewegung radikaler als Luther oder Zwingli. Es ging um die Reinigung des Gottesdiensts von Bildern und klerikalen Zeremonien, um das Abendmahl in beiderlei Gestalt sowie die Mündigkeit der Laien und die Eigenständigkeit der christlichen Gemeinde gegenüber kirchlicher Hierarchie und Staat.

Nur das, was sich aus dem Neuen Testament begründen ließ, sollte gelten. Und da in der Bibel nirgends von der Kindertaufe die Rede ist, propagierte die Bewegung die Erwachsenentaufe - eine Haltung, die den Züricher Reformator Ulrich Zwingli verächtlich von den "Wiedertäufern" sprechen ließ. Er forderte, die "Schwärmer" mit allen Mitteln auszurotten. Luther sah in ihnen "Rottengeister" und "Ketzer" und riet, sie unverhört abzuurteilen. Im Augsburger Bekenntnis von 1530, einer grundlegenden Glaubensschrift der Lutheraner, wurden die Täufer verdammt, weil sie alle weltliche Obrigkeit ablehnten und glaubten, dass in ihnen selbst der Heilige Geist spricht.

Das Wiedertäuferreich von Münster
Ausweisung, Folter und Tod waren die Konsequenz. Dennoch breitete sich die Bewegung weiter aus, vor allem in der Schweiz, Norddeutschland und den Niederlanden. Am berühmtesten wurde das Wiedertäuferreich von Münster: Dort errichteten militante Anhänger von 1534 bis 1535 ein Regime von Willkür und Terror. Ihre Herrschaft wurde blutig niedergeschlagen - die drei eisernen Käfige an der Lamberti-Kirche erinnern noch heute an das brutale Ende.

Dass die Täuferbewegung weiter lebte, war auch das Verdienst des aus Friesland stammenden früheren katholischen Priesters Menno Simons (1496-1561). Er einte seit 1536 den gemäßigten Teil der Täufer und formulierte eine pazifistische Theologie. Nach ihm nannten sich viele Anhänger nun Mennoniten. Einige von ihnen waren unter den ersten Deutschen, die nach Nordamerika auswanderten, etwa nach Pennsylvania, wo sie 1683 den Ort Germantown mitbegründeten. Zur Gründung der USA und zu Entwicklung der amerikanischen Demokratie leisteten die Mennoniten einen wichtigen Beitrag.

Seit 1980 gibt es eine Annäherung
Heute umfasst die Mennonitische Weltkonferenz mehr als eine Million Mitglieder, die meisten in den USA und Afrika. In Europa sind es rund 62.000, in Deutschland rund 40.000. Das einende Band ist die Bibel. Außer ihr gibt es für Mennoniten keine andere Autorität in Glaubensfragen - kein Priester und kein Lehramt. Zentrales Glaubensdokument ist die Bergpredigt: Daraus folgen Gewaltverzicht sowie die Weigerung, Wehrdienst zu leisten und Eide zu schwören.

Der Verzicht auf Hierarchie bedeutete, dass sich die mennonitische Bewegung schnell zersplitterte. In den 1530er Jahren entstanden die Hutterer; die Amischen spalteten sich in den 1690er Jahren ab. Sie ziehen sich mit ihrem einfachen Lebensstil aus der Welt zurück. Andere Strömungen wie die kolumbianischen Mennoniten engagieren sich dagegen aktiv für Frieden und Gerechtigkeit.

Seit 1980 gibt es eine Annäherung zwischen Lutheranern und Mennoniten. So erklärte die lutherische Kirche in Deutschland (VELKD) 1992, dass die Verurteilungen aus dem Augsburger Bekenntnis die Mennoniten heute nicht in demselben Maße träfen wie die Täufer der Reformationszeit. Zwar gibt es noch keine Kirchengemeinschaft: Stattdessen boten sich beide Konfessionen Abendmahlsgemeinschaft an. 2009 bereitete der Rat des Lutherischen Weltbundes eine Erklärung vor, in der er das begangene Unrecht tief bedauert und um Vergebung bittet. Diese Erklärung soll jetzt von der Vollversammlung in Stuttgart angenommen werden.