Die Literatin Nora Bossong erlebt Papst Leo XIV. bislang nicht als echten Brückenbauer. Vielmehr wirft sie ihm in einem Gastbeitrag für die Herder Korrespondenz vor, hauptsächlich auf sehr konservative Gruppen zuzugehen: "Es drängt sich eher der Eindruck auf, Leo XIV. baue an Brücken zwischen Konservativen und Reaktionären und nehme dafür billigend in Kauf, dass die Brücken hin zu den Progressiven weiter bröckeln", schreibt Bossong in einem Sonderheft zur Zukunft des Papstamtes.
Wenn Papst Leo beispielsweise weiter auf die traditionalistische Piusbruderschaft zugehe, so die Kritik der Berliner Schriftstellerin, würde das der Einheit der Kirche schaden. Wer Gruppen integriere, die die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht anerkennen, schwäche die kirchliche Einheit, statt sie zu stärken.
"Besessen" von Sexualitätskontrolle
Die Autorin kritisierte auch, dass der Papst die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ablehne. Die katholische Kirche sei "geradezu davon besessen", Sexualität zu reglementieren. "Die Kirche vergibt manche Sünde, aber niemals die, so zu sein, wie man ist", schreibt Bossong. Für viele Katholikinnen "links der Mitte" bleibe daher aktuell wohl nur eine innere Migration. Immerhin gebe es auch innerhalb der Kirche noch "gallische Dörfer", die sich ihr liberales Eigenleben unabhängig vom Vatikan erhalten könnten.
Der Bossong-Essay ist im neuen Sonderheft der Herder Korrespondenz "Papst Leo XIV. und die Zukunft des Papstamts" veröffentlicht. Experten beleuchten darin die Persönlichkeit und die ersten Entscheidungen von Leo XIV., fragen nach politischen und theologischen Zielen oder nach seinem Programm im Gespräch mit Judentum und Islam. Beiträge befassen sich auch mit päpstlichem Stil und Inszenierung oder mit der Musik der Päpste.