Vor 75 Jahren kamen die ersten Care-Pakete in Europa an

"Liebesgaben" nach dem Krieg

Dass Pakete Leben retten können, ist mitnichten ein Marketing-Gag des Versandhändlers Amazon. Vor 75 Jahren kam das erste Care-Pakete aus den USA in Europa an. Und retteten tatsächlich unzählige Leben.

Inhalt eines CARE-Pakets / © Gregor Fischer (dpa)
Inhalt eines CARE-Pakets / © Gregor Fischer ( dpa )

Zu einer guten Idee gehört eine gute Geschichte. In den USA machen sich 1945 der Chef der Aufsichtsbehörde für Kriegshilfe beim US-Präsidenten, Arthur Ringland (1882-1981), sowie Lincoln Clark (1911-1988) von der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen UNRRA Gedanken, mit welchem Slogan sie ihre amerikanischen Landsleute unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zu Spenden für die notleidende Bevölkerung in Europa animieren können.

Angeblich kommt Clarks Gattin Alice beim Bügeln der zündende Einfall. Warum nicht, so schlägt sie vor, das Ganze "Care" nennen? Das englische Wort für "Sorge tragen, sich kümmern" könne zugleich als Kürzel für "Cooperative for American Remittances to Europe" stehen. Am 27. November 1945, vor 75 Jahren, formiert sich in New York diese "Genossenschaft für amerikanische Sendungen nach Europa".

Lichtblick für Europäer in bitterer Not

Die 22 beteiligten Hilfsorganisationen haben ein konkretes Ziel: Lebensmittel an Bedürftige auf dem Alten Kontinent zu schicken. Private Spender übernehmen die Kosten für den Versand der Standardpakete und benennen den Adressaten in Europa. Care besorgt die Zustellung - anfangs Richtung Frankreich, bald darauf auch nach Deutschland, wo am 15. Juli 1946 die ersten Care-Pakete landen. Die "Liebesgaben" werden zu einem Lichtblick für Millionen Europäer in der bitteren Not der Nachkriegszeit.

"Schon der Duft, der das Paket umwehte, war unwiderstehlich: Wir Kinder rochen sofort den Kakao und die Schokolade heraus", erinnert sich Schauspielerin Uschi Glas. "Dieser ganz besondere Wohlgeruch ist in mir gespeichert, verbunden mit dem Gefühl tiefer Dankbarkeit über die Großherzigkeit fremder Menschen." In der Tat kommt es einem Wunder gleich: Dass da aus dem fernen Amerika Paket um Paket ausgerechnet auch in jenem Land eintrudelt, das den Krieg entfesselt und dessen Volk neben vielen anderen Grausamkeiten die Ausrottung der europäischen Juden betrieben hat.

Rindfleisch, Aprikosen, Kaffee

Zur Grundausstattung der Pakete gehören 450 Gramm geschmortes Rindfleisch, ein Pfund gedörrte Aprikosen, ein Pfund Kaffee und zwei Stück Seife. "Wir hatten bald 45 Familien mit regelmäßigen Paketen zu versehen", schildert ein Spender aus den USA. Außer Lebensmitteln kommen "die unmöglichsten erbetenen Artikel" hinzu: Spritzen und Bohrer für einen Zahnarzt, Pinsel und Farbe, "Alarmuhren", Kochtöpfe und Kleider. "Naturgemäß war mein Verdienst dafür nicht ausreichend, und die Ersparnisse waren bald aufgebraucht. Ich musste selbst eine Anleihe aufnehmen, und meine Frau nahm Näharbeit von einer Krawattenfabrik ins Haus."

Die erste Bewährungsprobe lässt nicht lange auf sich warten. Während der Berlin-Blockade durch die Sowjets von Juni 1948 bis zum Mai 1949 versorgen die Westalliierten die Einwohner im Westen der Stadt über eine Luftbrücke. Mit an Bord: Care-Pakete. "Jedes der fünf Millionen Care-Pakete, die bis jetzt in Deutschland abgeliefert worden sind, hat mit dazu beigetragen, ein Band der Freundschaft zu schaffen", hält ein bewegter Bundeskanzler Konrad Adenauer anschließend fest. Hinter den Kulissen hat es da allerdings schon Diskussionen über den künftigen Kurs gegeben.

Unterstützung von Notleidenden weltweit

Eine hauchdünne Mehrheit der Care-Mitgliedsorganisationen spricht sich dafür aus, Pakete künftig nicht nur an konkret benannte Adressaten weiterzuleiten, sondern allgemein an Bedürftige in Europa, wobei Helfer vor Ort die Zuteilung übernehmen sollen. Bis 1960 läuft die Initiative für Deutschland weiter. Heute unterstützen die Notleidenden von einst hilfsbedürftige Menschen in anderen Teilen der Welt. Seit 1980 gibt es einen deutschen Ableger von Care.

Aus dem "Paketzusteller" ist längst eine weltumspannende Hilfsorganisation geworden. Im vergangenen Jahr war Care International in 100 Ländern tätig und erreichte laut eigenen Angaben 68,7 Millionen Menschen. Der Kampf gegen den Hunger bleibt eine Hauptaufgabe. Zu den jüngsten Herausforderungen gehören die Folgen der Corona-Pandemie, von denen die Ärmsten der Armen in Asien, Afrika und Lateinamerika besonders betroffen sind.

Autor/in:
Joachim Heinz
Quelle:
KNA
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