Ruhestand ist für Leon Weintraub kein Thema. Auch mit 100 Jahren reist der Holocaust-Überlebende zu Schulen und Gedenkstätten, spricht über Ausgrenzung, Hass und das, was geschehen kann, wenn Menschen entrechtet werden. Am Montag erhält der Arzt in seiner früheren Studienstadt Göttingen die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät.
Damit will die Fakultät sein medizinisches Wirken und sein jahrzehntelanges Engagement für Erinnerung, Toleranz und Menschenrechte würdigen. Die Laudatio hält der Germanist Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
100 Jahre - und kein Schweigen
Weintraub, der am 1. Januar 100 Jahre alt geworden ist, berichtet seit Jahrzehnten in Deutschland, Polen und den USA über seine Erfahrungen in der NS-Zeit. Sein Terminkalender ist weiterhin gut gefüllt; nach eigenen Worten ist er bis in den Herbst hinein ausgebucht.
"Dass ich noch Bericht erstatten kann über diese dunkle Wolke in der Weltgeschichte - die zwölf Jahre des sogenannten 1.000-jährigen Reiches - das ist für mich große Genugtuung und Motivation", sagte er kürzlich in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Weintraub, der heute in Stockholm lebt, wurde 1926 als Sohn einer jüdischen Familie im polnischen Lodz geboren und ging bis zum Kriegsausbruch 1939 sechs Jahre in die Schule. Sein Vater starb bereits 1927. Im Winter 1939 musste er mit seiner Mutter und seinen Schwestern ins berüchtigte Ghetto Litzmannstadt umsiedeln, 1944 wurden sie ins NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er von seinen Angehörigen getrennt wurde.
Der Rauch von Auschwitz
"Wir wussten nicht, dass wir nach Auschwitz gebracht wurden", erinnert sich Weintraub, der damals 18 Jahre alt war. "Es wurde uns nie gesagt, wann, warum und wohin wir gebracht werden." Was ihm aber aufgefallen sei: "Ein Gebäude mit hohen Schornsteinen, aus denen unaufhörlich ein schwarzer, schwerer, nach verbranntem Fleisch übelriechender Rauch kam, der alles durchtränkte."
Weintraub gelang es, Auschwitz zu entkommen - nach eigenen Worten durch eine spontane Entscheidung: Er konnte sich unbemerkt von den Wachen einem Transport von Arbeitshäftlingen in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen anschließen. Später wurde er in die Lager Flossenbürg und Natzweiler-Struthof gebracht. Die Befreiung erlebte er kurz vor Kriegsende durch französische Truppen in der Nähe von Donaueschingen.
Kein Hass - aber auch kein Vergeben
Hass gegenüber den Tätern empfinde er nicht, sagt er. "Ich habe dieses Wort aus meinem Wortschatz gestrichen." Vergeben könne er die in der Weltgeschichte einmaligen Untaten jedoch nicht. Das sei undenkbar.
Nach dem Krieg studierte Weintraub Medizin in Göttingen. 1950 kehrte er nach Polen zurück und arbeitete als Gynäkologe in Warschau. Als 1969 in Polen eine antisemitische Kampagne viele jüdische Bürger aus dem öffentlichen Leben drängte, verlor auch er seine Stelle als Oberarzt. Er wanderte mit seiner Familie nach Schweden aus.
Brücke zwischen Zeitzeugen und Jugend
Die Zeit des Nationalsozialismus sei für ihn nicht Vergangenheit, so Weintraub. Sie werde durch rechtsextreme Entwicklungen wieder gegenwärtiger. Nationalismus, der andere Menschen herabsetze, führe geradewegs zur Gaskammer. Er sei überzeugt, dass er mit seinen Vorträgen etwas bewirke: "Ich habe Spuren hinterlassen", sagt er. "Die mich gehört haben, werden nicht die AfD wählen. Die wissen, dass krankhafter Nationalismus, der andere Menschen herabsetzt, menschenunwürdig ist".
Neben der Ehrendoktorwürde wird Weintraub in Göttingen in diesen Tagen noch eine weitere Auszeichnung erhalten: Am 7. März wird er gemeinsam mit dem Schulnetzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" mit dem Göttinger Friedenspreis geehrt. In einer Zeit, in der immer weniger Überlebende des Holocaust aus eigener Erfahrung berichten können, schlägt dieser Preis eine Brücke zur jungen Generation.