Leon Weintraub erhält Doktorwürde und Friedenspreis in Göttingen

"Ich habe Spuren hinterlassen"

Er entkam der Ermordung in Auschwitz in letzter Minute. Heute warnt der 100-jährige Leon Weintraub Schulklassen vor Hass und Ausgrenzung. Für sein jahrzehntelanges Wirken als Zeitzeuge ehrt ihn seine Studienstadt Göttingen am Montag.

Autor/in:
Michael Althaus
Zeitzeuge Leon Weintraub spricht über seine Zeit im Nationalsozialismus, am 25. April 2023 in Gau-Algesheim / © Harald Oppitz (KNA)
Zeitzeuge Leon Weintraub spricht über seine Zeit im Nationalsozialismus, am 25. April 2023 in Gau-Algesheim / © Harald Oppitz ( KNA )

Ruhestand ist für Leon Weintraub kein Thema. Auch mit 100 Jahren reist der Holocaust-Überlebende zu Schulen und Gedenkstätten, spricht über Ausgrenzung, Hass und das, was geschehen kann, wenn Menschen entrechtet werden. Am Montag erhält der Arzt in seiner früheren Studienstadt Göttingen die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät.

Damit will die Fakultät sein medizinisches Wirken und sein jahrzehntelanges Engagement für Erinnerung, Toleranz und Menschenrechte würdigen. Die Laudatio hält der Germanist Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

100 Jahre - und kein Schweigen

Weintraub, der am 1. Januar 100 Jahre alt geworden ist, berichtet seit Jahrzehnten in Deutschland, Polen und den USA über seine Erfahrungen in der NS-Zeit. Sein Terminkalender ist weiterhin gut gefüllt; nach eigenen Worten ist er bis in den Herbst hinein ausgebucht. 

Leon Weintraub (l.) und seine Frau Evamaria Loose-Weintraub (m.) mit weiteren KZ-Überlebenden beim Gedenken am 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 2015 in Oswiecim (Polen) / © Harald Oppitz (KNA)
Leon Weintraub (l.) und seine Frau Evamaria Loose-Weintraub (m.) mit weiteren KZ-Überlebenden beim Gedenken am 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 2015 in Oswiecim (Polen) / © Harald Oppitz ( KNA )

"Dass ich noch Bericht erstatten kann über diese dunkle Wolke in der Weltgeschichte - die zwölf Jahre des sogenannten 1.000-jährigen Reiches - das ist für mich große Genugtuung und Motivation", sagte er kürzlich in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Weintraub, der heute in Stockholm lebt, wurde 1926 als Sohn einer jüdischen Familie im polnischen Lodz geboren und ging bis zum Kriegsausbruch 1939 sechs Jahre in die Schule. Sein Vater starb bereits 1927. Im Winter 1939 musste er mit seiner Mutter und seinen Schwestern ins berüchtigte Ghetto Litzmannstadt umsiedeln, 1944 wurden sie ins NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er von seinen Angehörigen getrennt wurde.

Der Rauch von Auschwitz

"Wir wussten nicht, dass wir nach Auschwitz gebracht wurden", erinnert sich Weintraub, der damals 18 Jahre alt war. "Es wurde uns nie gesagt, wann, warum und wohin wir gebracht werden." Was ihm aber aufgefallen sei: "Ein Gebäude mit hohen Schornsteinen, aus denen unaufhörlich ein schwarzer, schwerer, nach verbranntem Fleisch übelriechender Rauch kam, der alles durchtränkte."

Weintraub gelang es, Auschwitz zu entkommen - nach eigenen Worten durch eine spontane Entscheidung: Er konnte sich unbemerkt von den Wachen einem Transport von Arbeitshäftlingen in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen anschließen. Später wurde er in die Lager Flossenbürg und Natzweiler-Struthof gebracht. Die Befreiung erlebte er kurz vor Kriegsende durch französische Truppen in der Nähe von Donaueschingen.

Kein Hass - aber auch kein Vergeben

Hass gegenüber den Tätern empfinde er nicht, sagt er. "Ich habe dieses Wort aus meinem Wortschatz gestrichen." Vergeben könne er die in der Weltgeschichte einmaligen Untaten jedoch nicht. Das sei undenkbar.

KZ-Überlebender Leon Weintraub erzählt am 25. Januar 2015 in einem Begegnungszentrum im polnischen Oświęcim von seiner Zeit im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Journalisten aus mehreren Nationen haben vom 22. bis 28. Januar 2015 an einer internationalen Begegnung des Maximilian-Kolbe-Werks in Auschwitz teilgenommen / © Harald Oppitz (KNA)
KZ-Überlebender Leon Weintraub erzählt am 25. Januar 2015 in einem Begegnungszentrum im polnischen Oświęcim von seiner Zeit im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Journalisten aus mehreren Nationen haben vom 22. bis 28. Januar 2015 an einer internationalen Begegnung des Maximilian-Kolbe-Werks in Auschwitz teilgenommen / © Harald Oppitz ( KNA )

Nach dem Krieg studierte Weintraub Medizin in Göttingen. 1950 kehrte er nach Polen zurück und arbeitete als Gynäkologe in Warschau. Als 1969 in Polen eine antisemitische Kampagne viele jüdische Bürger aus dem öffentlichen Leben drängte, verlor auch er seine Stelle als Oberarzt. Er wanderte mit seiner Familie nach Schweden aus.

Brücke zwischen Zeitzeugen und Jugend

Die Zeit des Nationalsozialismus sei für ihn nicht Vergangenheit, so Weintraub. Sie werde durch rechtsextreme Entwicklungen wieder gegenwärtiger. Nationalismus, der andere Menschen herabsetze, führe geradewegs zur Gaskammer. Er sei überzeugt, dass er mit seinen Vorträgen etwas bewirke: "Ich habe Spuren hinterlassen", sagt er. "Die mich gehört haben, werden nicht die AfD wählen. Die wissen, dass krankhafter Nationalismus, der andere Menschen herabsetzt, menschenunwürdig ist".

Neben der Ehrendoktorwürde wird Weintraub in Göttingen in diesen Tagen noch eine weitere Auszeichnung erhalten: Am 7. März wird er gemeinsam mit dem Schulnetzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" mit dem Göttinger Friedenspreis geehrt. In einer Zeit, in der immer weniger Überlebende des Holocaust aus eigener Erfahrung berichten können, schlägt dieser Preis eine Brücke zur jungen Generation.

Auschwitz

Auschwitz ist zum Synonym für den Holocaust geworden, den Massenmord am jüdischen Volk durch die Nationalsozialisten. In das größte deutsche Konzentrationslager nahe der Kleinstadt Oswiecim im damals von Deutschen besetzten Polen wurden zwischen 1940 und 1945 deutlich über eine Million Menschen aus ganz Europa deportiert. Der weit überwiegende Teil waren Juden, dazu kamen etwa 140.000 Polen, Zehntausende Sinti und Roma sowie Tausende politische Häftlinge anderer Nationalität.

Das Eingangstor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau  / © Nancy Wiechec (KNA)
Das Eingangstor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau / © Nancy Wiechec ( KNA )
Quelle:
KNA