Leiter von Caritas International zur aktuellen Lage in Syrien

"Niemand möchte in ihrer Haut stecken"

"Unser Leben ist nicht mehr sicher", heißt es aus dem Caritas-Büro in Syrien. Die ausgehandelte Waffenruhe ist brüchig. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Auch Mitarbeiter der Caritas sind vor Ort – und setzten täglich ihr Leben aufs Spiel.

Brüchige Feuerpause in Ost-Ghuta / © Ammar Safarjalani (dpa)
Brüchige Feuerpause in Ost-Ghuta / © Ammar Safarjalani ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wer entscheidet eigentlich, wann ein Einsatz vor Ort zu gefährlich wird?

Oliver Müller (Leiter von Caritas International): Das ist eine schwierige Frage. Letztlich entscheiden es die Mitarbeiter selbst. Es liegt in ihrer Verantwortung zu sagen: "Wir gehen jetzt raus, wir gehen in die Sozialstation, um dort Medikamente zu verteilen, oder nicht." Natürlich wird es besprochen. Man hat eine Menge Erfahrungswerte. Es wird auch niemand gezwungen, das zu tun. Aber ich erlebe, dass sich viele innerlich genötigt und gezwungen fühlen, den Menschen weiterhin beizustehen und gleichzeitig die Gefahr für sich selbst abzuwägen. Das sind enorm schwierige Fragen. Das vergrößert auch den Druck und das Pflichtgefühl, die die Einzelnen spüren. Gleichzeitig müssen sie auch auf das eigene Leben gut aufpassen. Es sind immer wieder Abwägungsfragen, vor denen die Mitarbeiter täglich stehen und niemand möchte da in ihrer Haut stecken.

DOMRADIO.DE: Sie haben Partner in Ost-Ghuta. Wie ist da Hilfe noch möglich?

Müller: Das ist schon extrem schwierig. Die Hilfe kommt auf verschlungenen Wegen, die ich hier gar nicht genauer beschreiben kann und darf. Es ist aber nach wie vor möglich. Man muss höchsten Respekt vor den Helfern haben, die sich dort bewegen und den ganzen Angriffen vor Ort ausgesetzt sind und nach wie vor versuchen zu tun, was man eben tun kann. Das heißt: Sie bringen hauptsächlich Lebensmittel, aber auch Hygieneartikel in diesen belagerten Stadtteil, um den Menschen irgendwie beizustehen.

DOMRADIO.DE: Wie steht es denn um die Büros der Caritas in Damaskus?

Müller: Es ist sehr bedrückend in Damaskus. Dort ist es zwar nicht so schlimm, wie in Ost-Ghuta. Aber aus diesem besetzten Gebiet, in dem viele Rebellen sind, wird Damaskus immer wieder beschossen – willkürlich. Dieser Beschuss hat keinen militärischen Zweck. Im vergangenen Jahr war ich in Damaskus und dort habe ich es so erlebt. Die Menschen leben in ständiger Unsicherheit und wissen nicht, wo eine Granate einschlägt. Manchmal schlägt sie auf einer Grünfläche ein, manchmal trifft es ein Auto, das dann ausbrennt; aber manchmal trifft sie auch Schulkinder, die gerade auf dem Weg waren. Das zermürbt die Menschen und schränkt die Bewegungsfreiheit ein.

Wir stehen in täglichem Kontakt mit den Caritas-Mitarbeitern in Syrien. Die wollen ja ein "normales" Leben führen – Kinder gehen zur Schule und die Eltern gehen zur Arbeit und man weiß nicht, ob man sich am Abend wiedersieht. Es kann sein, dass es einen Tag ruhig war oder dass es viel Granatenbeschuss am Tag gab. Das schränkt auch das öffentliche Leben ein. Auch die Dienste der Caritas für die Vertriebenen dort mussten deswegen schon zum Teil geschlossen werden.

DOMRADIO.DE: Wie wirkt sich die UN-Resolution aus, wodurch ja bewirkt werden soll, dass die Hilfe ankommt?

Müller: Wir haben nicht den Eindruck, dass das bislang funktioniert hat. Das erste Gebot wäre jetzt, die humanitäre Hilfe zu den Menschen zu bringen und nicht, dass die Menschen aus dem Gebiet fliehen und dann erst recht zu Hilfeempfängern werden. Dazu ist die vereinbarte Waffenruhe, die es gestern für ein paar Stunden gab, aber viel zu kurz und die Menschen sind zu Recht eingeschüchtert und skeptisch und wissen nicht, ob sie all dem trauen können. Es sind umfangreichere Maßnahmen nötig und es ist ein Skandal, dass es den Kriegsparteien und den internationalen Parteien bislang nicht gelungen ist, sich zu einigen.

DOMRADIO.DE: Kann man es den Menschen verdenken, wenn sie die Zeit nutzen, um zu fliehen?

Müller: Natürlich nicht! Man kann um jeden Menschen froh sein, der das Gebiet verlässt. Aber bei 400.00 Menschen kann die Lösung nicht sein, dass alle ihr Wohngebiet, den Ort, an dem sie schon immer gelebt haben, verlassen. Die Lösung muss vielmehr sein, dass die Hilfe zu den Menschen kommt und sie dort bleiben können.

In der Caritas-Arbeit sehen wir täglich, wie es denen geht, die geflohen sind und zu Inlandsvertriebenen wurden, oder die in die Nachbarländer Jordanien oder Libanon geflohen sind. Nur ein Teil hat es bis nach Deutschland geschafft. Niemand will seine Heimat so einfach verlassen. Wir wissen, dass die Menschen bleiben wollen, wo sie sind und das sollte ihnen doch jetzt möglich gemacht werden. Das muss jetzt der Impetus sein, nicht Flucht und Vertreibung.

Das Interview führte Silvia Ochlast. 


Krankenwagen warten auf die Evakuierung von Zivilisten aus Ost-Ghouta / © Ammar Safarjalani (dpa)
Krankenwagen warten auf die Evakuierung von Zivilisten aus Ost-Ghouta / © Ammar Safarjalani ( dpa )

Zerstörung in Ost-Ghuta / © Syria Relief/Save the Children (dpa)
Zerstörung in Ost-Ghuta / © Syria Relief/Save the Children ( dpa )

Oliver Müller (Caritas international) (dpa)
Oliver Müller (Caritas international) / ( dpa )
Quelle:
DR
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