Waren Verhaftung und Verschleppung von Nicolás Maduro durch das US-Militär wegen der schweren Menschenrechtsverstöße des venezolanischen Machthabers ethisch gerechtfertigt? Oder handelt es sich um einen klaren Verstoß gegen das Völkerrecht, der geahndet werden müsste? Diese moralische Frage beschäftigt auch die katholische Kirche in Lateinamerika. Und die Äußerungen dazu offenbaren eine ganze Palette von Interpretationen.
Der prominente mexikanische Bischof und Menschenrechtsverteidiger Raúl Vera López veröffentlichte unmittelbar nach den ersten Meldungen aus Caracas eine erste Einschätzung. "Die Angriffe auf Venezuela sind eine schreckliche Nachricht! Ich denke an die Region und auch an Mexiko", schrieb der Altbischof von Saltillo in den Sozialen Netzwerken.
Das Vorgehen der US-Amerikaner gefährde den Frieden in ganz Lateinamerika, so der Geistliche weiter. "Wir müssen unsere Verurteilung dieser Bombardierungen durch den 'Kaiser' der Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringen, da der Kongress sie nicht genehmigt hat. Fordern wir gemeinsam die sofortige Beendigung der Gewalt-Eskalation." Die Souveränität des venezolanischen Volkes müsse gewahrt werden.
Kritik an "imperialistischer Intervention"
Ähnlich äußerte sich der Alterzbischof aus dem kolumbianischen Cali, Darío Monsalve: "Die imperialistische Intervention in Venezuela zerstört jegliches Konzept der nationalen Souveränität und ebnet den Weg für einen multipolaren Konflikt." Viele weitere Geistliche wie die bekannten Armenpriester in Argentinien kritisierten mehrheitlich das Vorgehen der US-Regierung.
Ein ganz andere Sicht auf die Dinge hat der venezolanische Exil-Geistliche Rafael Pacaníns. Er veröffentlichte eine Stellungnahme, in der er die Kritiker der US-Intervention in den Fokus rückt: "In diesen Tagen der Krise höre ich immer die gleichen Argumente. Die Aktion sei illegal, habe internationales Recht, die Souveränität und das Selbstbestimmungsrecht der Völker verletzt. Deshalb frage ich mich: Verteidigen diese Leute wirklich das internationale Recht - oder soll dieses Narrativ nur ihre jahrelange Apathie und Gleichgültigkeit überdecken?"
Natürlich seien das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die Souveränität eines Staates fundamentale Prinzipien, argumentiert Pacaníns. Aber diese Prinzipien sollten nicht dazu dienen, illegitime Unterdrücker an den Schalthebeln der Macht zu schützen. Und ebenso wenig, um Passivität angesichts der massiven Menschenrechtsverletzungen in Venezuela zu rechtfertigen.
26 Jahre Unterdrückung
Wenn ein Land 26 Jahre lang unter Unterdrückung, Verfolgung, Folter, Massenflucht, künstlich herbeigeführter Armut, Elend und institutionellem Zusammenbruch leide, wenn demokratisch gewählte, ins Exil gezwungene Vertreter Hilfe verlangten, um ein Volk aus den Fängen der Drogenkartelle zu befreien, könne die Frage nicht mehr lauten: Was ist legal? Stattdessen müsse die Frage lauten: Wer übernehme die moralische Verantwortung, um endlich zu handeln?
"Denn wir sind nicht nur für das Böse verantwortlich, das wir tun, sondern auch für das Böse, das wir zulassen, obwohl wir es verhindern könnten", argumentiert Pacaníns. Seine im Internet veröffentlichten Äußerungen lösten teils heftige Reaktionen aus. Inzwischen hat er sie wieder gelöscht. Doch aus der Welt sind sie damit nicht.
Papst Leo XIV., selbst US-Amerikaner mit Lebensstationen in Lateinamerika, versucht unterdessen, beiden Sichtweisen einigermaßen gerecht zu werden. Er verurteilte einerseits den US-Militärschlag als Verstoß gegen Venezuelas Souveränität. Andererseits erinnerte er daran, dass die Menschen- und Bürgerrechte ebenfalls geachtet werden müssten - was in Venezuela seit Jahren zweifellos nicht der Fall ist.