Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm über den Schneider-Rücktritt

"Für uns alle völlig überraschend"

Der EKD-Ratsvorsitzende Schneider tritt im November vorzeitig ab. Er will seiner krebskranken Frau beistehen. Landesbischof Bedford-Strohm spricht im domradio.de-Interview darüber, wie es weitgeht in der Evangelischen Kirche.

Geht: Nikolaus Schneider (epd)
Geht: Nikolaus Schneider / ( epd )

domradio.de: Für die Öffentlichkeit kam die Nachricht sehr überraschend, und von Nikolaus Schneider wissen wir, die Diagnose ist erst eine Woche alt. War die Nachricht und die daraus folgende für Sie ebenso überraschend?

Bedford-Strohm: Ebenso überraschend, weil die Diagnose erst am Donnerstag gestellt wurde; und als "Niko" Schneider es auf dem EKD-Rat am Freitag und Samstag bekannt gab, waren wir natürlich alle sehr betroffen. Für uns alle kam die Angelegenheit völlig überraschend.

domradio.de: Immerhin hatten Sie als EKD-Rat aber einen kleinen Informationsvorsprung gegenüber der Öffentlichkeit, konnten sich Gedanken machen, was es für sie bedeutete. Was bedeutet es nun, wenn der Ratsvorsitzende sagt: Ich muss mich meinem Privatleben widmen und kann meiner Funktion nicht mehr voll nachkommen?

Bedford-Strohm: Zunächst einmal dauert die Betroffenheit über diese Nachricht natürlich weiter an und man kann nicht einfach zur Tagesordnung und zum normalen Planen übergehen. Die direkten Konsequenzen sind ganz eindeutig, dass er jetzt nur noch ganz klar die allerwichtigsten Termine wahrnehmen kann und dann sein Stellvertreter Jochen Bohl übernimmt und alle anderen Ratsmitglieder natürlich mithelfen und Termine übernehmen. Das sind die unmittelbaren Folgen. Und wir haben alle gesagt, dass Niko Schneider alles tun können müssen, was nur nötig ist, um seine Frau auf diesem Weg zu begleiten, und wir alle dafür einstehen. Dann ist die nächste Konsequenz, dass für die Synode im Herbst die Nachwahl vorbereitet wird – da gibt es Gremien und einen Ratswahlausschuss, die dann über seine Nachfolge im Amt der EKD beraten. Diese Prozesse laufen nun an und wollen bis Herbst gut überlegt sein.

domradio.de: Welche Aufgaben hat denn ein EKD-Ratspräsident im Alltag zu erfüllen – welche liegen jetzt brach und welche können noch erfüllt werden?

Bedford-Strohm: Das Unmittelbare ist natürlich die Leitung der Gremien, also die EKD-Kirchenkonferenz, die leitendenden Juristen und die leitenden Christen aller Landeskirchen in Deutschland, die regelmäßig zusammentreten. Die Sitzungen werden vom Ratsvorsitzenden geleitet, weil sie sehr wichtig sind; ebenso wie natürlich die monatlichen EKD-Ratssitzungen, weil da wichtige Entscheidungen getroffen werden. Diese Gremien sind jetzt alle besonders wichtig. Dazu gibt es Vorgänge, in denen der Ratsvorsitzende besonders engagiert ist und wo er, soweit er es kann, weiter am Ball bleiben wird. Aber man kann in dieser Sache zum jetzigen Zeitpunkt noch überhaupt keine Vorhersagen machen. Nochmal: Entscheidend ist jetzt, dass seine Frau Vorrang hat, und das ist jetzt auch für uns alle am Wichtigsten. Alles andere ist nachrangig. Und es wird auch jeder verstehen, dass bereits getroffene Termine soweit wie möglich wahrgenommen werden, aber nicht alle; das muss jetzt im Einzelnen entschieden werden.

domradio.de: Solche einschneidenden Ereignisse führen aber in der öffentlichen Diskussion nach der persönlichen Anteilnahme trotzdem zu Fragen: Wo steht eigentlich gerade die EKD? Und fast wie ein Nachruf: Was hinterlässt Nikolaus Schneider als Amtsträger der letzten 4 Jahre eigentlich? Was ragt da in den letzten 4 Jahren heraus? Was hinterlässt er als Auftrag?

Bedford-Strohm: Niko Schneider hat dieses Amt mit großer Menschlichkeit wahrgenommen, mit einer großen menschlichen Erreichbarkeit und Ausstrahlung. Er hat sich für soziale Gerechtigkeit in sehr glaubwürdiger Weise eingesetzt. Und das hat bei vielen Menschen gewirkt. Natürlich hatten wir auch schwierigere und komplexe Situationen, wie z.B. das Familienpapier. Man muss aber auch bei diesem in der Öffentlichkeit vieldiskutierten Problem sehen, wie der breite Diskurs in der EKD, der bei uns zu einem Selbstverständnis gehört, wirklich dazu führen kann, dass auch Gärungen eintreten. Deswegen sind auch die inhaltlichen Diskussionen, die in den letzten Jahren in der evangelischen Kirche sichtbar geworden sind, unsere große Stärke. Und jetzt geht es darum, dass wir da weitermachen und diese Diskurse und Diskussionen um wichtige Themen der Gegenwart auch wirklich führen. Das tut aber auch der Gesellschaft gut.

domradio.de: Gibt es einen Plan B? Das Amt von Nikolaus Schneider hätte eigentlich noch bis Herbst 2015 angedauert. Gab es da schon einen vorgesehenen Nachfolger oder fängt man da jetzt bei Null an?

Bedford-Strohm: Da wird jetzt in aller Ruhe drüber nachgedacht in den dafür zuständigen Gremien. Alles in der Öffentlichkeit ist natürlich immer nur Spekulation. Und es gibt auch überhaupt keinen Grund, da jetzt drüber zu reden, sondern die Zuständigen werden das gründlich und in aller Ruhe bedenken und dann eine kluge Entscheidung treffen.

Das Interview führte Daniel Hauser.


Quelle:
DR

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