DOMRADIO.DE: Warum haben wir Spaß daran, für ein paar Tage in andere Rollen zu schlüpfen?
Prof. Dr. Gudrun Marlene König (Seniorprofessorin für Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund): Das hat viele traditionelle und religiöse Gründe. Es ist, als ob wir eine Auszeit aus dem Alltag nehmen und dabei in andere Rollen schlüpfen. Wir kennen das aus den Kindertagen. Es gibt im Leben die Phasen, in denen man sich als 3-, 4- oder 5-Jährige gerne verkleidet hat und dabei in andere Rollen geschlüpft ist und andere Kleider ausprobiert hat. In gewisser Weise prägen diese Kleider. Das sehen wir auch bei Schauspielern und Schauspielerinnen, die mit dem Kostüm in ihre Rolle finden.
DOMRADIO.DE: Wie haben sich Verkleidung und Kostümierung in den letzten Jahren verändert?
König: Ich denke, dass es zwei Trends gibt. Der eine Trend ist die Konfektionierung, denn ich kann immer mehr fertig kaufen. Der andere Trend ist der Trend des Kreativen, bei dem man mit unterschiedlichen Gegenständen des Alltags und gesuchten Dingen versucht, etwas Fantasievolles zu basteln.
Aber insgesamt denke ich, gibt es einen großen Trend, sich mehr zu verkleiden, nicht nur zu Karneval, Fasching oder Fastnacht. Es kommt immer darauf an, in welcher Rolle ich am Karneval teilnehme. Schaue ich nur beim Umzug zu oder sitze ich mit auf dem Wagen? Verkleide ich mich bei der schwäbisch-alemannischen Fastnacht als Hexe oder bin auf der Straßenfastnacht aktiv? Wir sind somit nicht nur in vielen Verkleidungen unterwegs, sondern auch innerhalb der Verkleidung in verschiedenen Rollen.
DOMRADIO.DE: Welche Trends sehen Sie in diesem Jahr?
König: Ich glaube, es gibt einen Trend zu Tiergestalten. Das haben wir schon immer im Karneval und in der Fastnacht gehabt. Aber es gibt einen Trend zu Figuren, die sich "Pelzis" nennen. Das sind so riesengroße Kuscheltiere mit sehr aufwendigen, sehr teuren Masken, die sich auch unter dem Jahr treffen. Ich denke, es hat insgesamt sehr viel mit Gemeinschaft und Gemeinschaftserleben zu tun, was da auf der Straße zelebriert wird.
DOMRADIO.DE: Wann, würden Sie sagen, geht das mit dem Kostüm oder mit der Verkleidung gar nicht?
König: Was nicht mehr geht, sind alle Ethnisierungen und Exotisierungen anderer ethnischer Gruppen. Es gab traditionell Figuren, die man als Kinder gespielt hat, wie beispielsweise Mexikanerin und Chinesin. All diese Figuren gehen nicht mehr. Also alles, was von einer Gruppe als verletzend empfunden wird, auch wenn das nicht so gemeint ist.
Das ist eine neue Linie, die nicht mehr überschritten werden darf. Denn es geht nicht darum, ob ich etwas gut oder schlecht meine, sondern es geht darum, was die anderen wahrnehmen.
Das Interview führte Carsten Döpp.