Kopp sieht Religionskonflikt im Irak mit großer Sorge

"Die Situation ist sehr heikel"

Wegen Querelen um seine Kompetenzen hat Patriarch Louis Raphael Sako seinen Rückzug aus seinem Amtssitz in Bagdad angekündigt. Das könnte weitreichende Folgen für die Zukunft der Christen im Irak haben. Droht nun ein Religionskrieg?

Eine Frau betet zu einer Marienfigur im Irak / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Eine Frau betet zu einer Marienfigur im Irak / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )

DOMRADIO.DE: Wie angespannt ist die Situation für Christinnen und Christen im Irak aktuell?

Matthias Kopp / © Julia Steinbrecht (KNA)
Matthias Kopp / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Matthias Kopp (Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz): Die Situation ist sehr heikel, weil es einen schweren Konflikt zwischen dem amtierenden irakischen Staatspräsidenten Abdul Latif Raschid und dem Patriarch Louis Raphael Sako gibt. Das wirkt sich auch auf die anderen christlichen Konfessionen aus, weil Patriarch Sako nach wie vor unangefochten das Sprachrohr für alle christlichen Konfessionen im Irak ist.

Wir haben die chaldäische Kirche, der er vorsteht, wir haben die assyrische Kirche, die syrisch-katholische und die syrisch-orthodoxe Kirche, aber Sako ist die führende Person.

Der Konflikt liegt darin, dass der Präsident vor einigen Tagen ein Sonderdekret aus dem Jahr 2013 aufgehoben hat, das Patriarch Sako weite Möglichkeiten und auch die Befugnis zur Verwaltung chaldäischer Stiftungsgelder einräumt.

Das ist ein schwelender Konflikt. Das hat dazu geführt, dass es jetzt zu einer Eskalation kommt. Der Hintergrund ist, dass es eine christliche Milizenbrigade gibt, die sehr umstritten ist und die versucht hat, gegen Kardinal Sako zu polemisieren.

DOMRADIO.DE: Es wirkt, als würde Sako sich für die Rechte von Christinnen und Christen einsetzen. Warum wird er trotzdem so kontrovers betrachtet?

Kardinal Louis Raphael I Sako / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Louis Raphael I Sako / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Kopp: Sako legt großen Wert darauf, dass der Artikel 2 in der irakischen Verfassung von 2005 umgesetzt wird, nämlich der Minderheitenschutz von Christen, Jesiden und anderen kleineren religiösen Gruppierungen. Hier hat Sako über all die Jahre, die er jetzt schon Patriarch ist, immer wieder gesagt, dass dieses Minderheitenprinzip, das in der Verfassung garantiert ist, auch umgesetzt werden muss.

Das Problem ist, dass sich nach dem Sturz des sogenannten Islamischen Staates christliche Brigaden zur Selbstverteidigung gebildet haben. Das hat die Kirche stets abgelehnt und gesagt: Wir wollen, dass die Christen sich im Militär der irakischen Führung engagieren.

Das Problem ist nun, dass sich Rayan Al-Kildani, der Gründer der  "Babylon Miliz", gegen Sako gestellt hat. Er selbst ist auch Christ und wirft Sako vor, mit Stiftungsangelegenheiten nicht korrekt umzugehen.

Kildani ist wiederum auch umstritten, weil er angeblich christliches Eigentum in größerem Umfang an den Iran verkauft haben soll. Da hat sich ein Konflikt hochgeschaukelt, der jetzt brandgefährlich für alle christlichen Konfessionen im Irak wird.

DOMRADIO.DE: Was leisten die westlichen Länder im Irak an Aufbauhilfe?

Kopp: Es geht gar nicht ohne die Hilfe aus dem Westen. Wenn wir mal nach Deutschland schauen, sind das vor allem Caritas International, die Sternsinger, Kirche in Not, missio, die Malteser und andere, die nach dem Sturz des sogenannten Islamischen Staates starke Wiederaufbauhilfe geleistet haben und weiterhin vor allem im Nordirak leisten.

Dabei geht es primär um Aufbauarbeit, das heißt Hausbau, Aufbau von Schulen, Einrichtung von Gesundheitsmöglichkeiten bis hin zur Frage einer kleinen katholischen Universität in Erbil im Nordirak.

Diese Hilfe ist unverzichtbar. Deshalb ist der Konflikt, dem sich Kardinal Sako derzeit ausgesetzt sieht, so schwierig. Er hat angekündigt, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Damit würde eine der prominentesten Stimmen für die Christen verstummen. Er ist gerade 75 geworden. Die Situation ist äußerst heikel, und wir in der Bischofskonferenz beobachten das mit großer Sorge.

Matthias Kopp

"Damit würde eine der prominentesten Stimmen für die Christen verstummen."

Papst Franziskus bei einem interreligiösen Treffen während seiner Irakreise im März 2021. (KiN)
Papst Franziskus bei einem interreligiösen Treffen während seiner Irakreise im März 2021. / ( KiN )

DOMRADIO.DE: Vor zwei Jahren hat Papst Franziskus das Land besucht. Was hat sich seitdem getan?

Kopp: Das ist der Besuch, auf den man immer wieder rekurrieren muss. Denn damals hat der frühere Staatspräsident des Irak bedeutende Reden gehalten, was die Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und den Minderheitenschutz angeht.

Darauf hat auch der Papst vor zwei Jahren in verschiedenen Ansprachen in Bagdad, in Nadschaf, in Erbil, in Karakosch, in Mossul gepocht. Man muss jetzt schauen, dass das, was vor zwei Jahren gesagt und zumindest mündlich zugesichert worden ist, weiter eingehalten wird.

Die Reise des Papstes wirkt länger als sie gedauert hat, aber sie droht in diesem Scharmützel, das sich derzeit zwischen Patriarch Sako und dem Staatspräsident abspielt, in Vergessenheit zu geraten. Das ist meine große Sorge.

Das Interview führte Tim Hellsen.

Christen im Irak

Der Irak zählt zu den ältesten Siedlungsgebieten des Christentums. Dessen Ursprünge im Zweistromland werden bis auf den heiligen Apostel Thomas zurückgeführt. Im irakischen Kernland, dem früheren Mesopotamien, stellten Christen vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit. Ihr Anteil nahm danach immer weiter ab.

Papst Franziskus zu Besuch im Irak / © Ameer Al Mohammedaw (dpa)
Papst Franziskus zu Besuch im Irak / © Ameer Al Mohammedaw ( dpa )
Quelle:
DR