DOMRADIO.DE: Für Sie als Domkapellmeister am Kölner Dom sind es die erste Karwoche und das erste Osterfest als Leiter der Dommusik. Die Karwoche startet mit dem Palmsonntag. Ist der Palmsonntag für Sie ein besonderer Tag?
Alexander Niehues (Domkapellmeister und Leiter der Kölner Dommusik): Ja, denn er steht in einer Spannung zwischen “himmelhoch jauchzend” und “zu Tode betrübt”. Wir feiern zunächst den festlichen Einzug Jesu in Jerusalem mit den Gesängen "Hosanna, dem Sohn Davids". Nach diesem feierlichen Eröffnungsteil kommt dann der Bruch mit der Lesung aus dem Dritten Lied vom Gottesknecht, gefolgt vom archaischen Antwortgesang: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Das hat mich immer sehr beeindruckt und beeindruckt mich auch heute noch.
DOMRADIO.DE: Ist die Karwoche für Sie die musikalisch wichtigste Woche im Jahr?
Niehues: Für mich ist sie die prägendsten Woche des ganzen Jahres. Wir alle mögen das Weihnachtsfest mit dem, was dazugehört, natürlich auch mit der Musik. Aber die Feierlichkeit der Karwoche bringt die Emotionalität unseres Glaubens bis an seine äußersten Grenzen zum Ausdruck. In ihr werden Tiefe, Dichte und der Kern unseres Christseins besonders intensiv gefeiert.
DOMRADIO.DE: Weihnachten haben Sie als neuer Domkapellmeister im Kölner Dom schon gefeiert. Jetzt steht Ostern bevor. Sind Sie aufgeregt?
Niehues: Ein bisschen aufgeregt bin ich immer. Ich würde es aber eher eine freudige Anspannung nennen. Die Chöre werden durch die intensiven Proben in der Karwoche musikalisch und inhaltlich sehr gut vorbereitet sein. Und auch jetzt erlebe ich schon eine schöne Vorfreude auf diese besondere Zeit im Dom.
DOMRADIO.DE: Ist es anders, im Kölner Dom Musik zu machen als anderswo?
Niehues: Im Kölner Dom bekommt immer alles eine größere Dimension. In einer Pfarrkirche und an meinen bisherigen Stellen bestand ganz selbstverständlich ein sehr direkter Kontakt zu den Zelebranten und zur Gemeinde. Ich hatte die Möglichkeit, sehr dicht vernetzt und auf dem “kurzen Dienstweg” kommunizieren zu können. Hier am Dom läuft alles viel größer und professioneller ab. Damit die Absprachen mit allen Beteiligten getroffen werden können, bedarf es eines deutlich höheren Aufwands.
DOMRADIO.DE: Die Dimensionen des Kathedralenraumes sind gigantisch. Wie viel Arbeit bedeutet das für die Chöre?
Niehues: Die eigentliche Arbeit bzw. Kunst besteht darin, dem Chor Klänge zu entlocken, die unverkrampft und natürlich bleiben. Dann kann sich ein kraftvolles und reiches Obertonspektrum entfalten. So kann mit der nötigen Balance ein voller, tragender Klang entstehen – eine ebenso erfüllende wie anspruchsvolle Aufgabe.
DOMRADIO.DE: Wie schnell haben Sie sich auf den großen Raum des Domes eingestellt?
Niehues: Vor meinem ersten Kapitelsamt mit dem Domchor hatten wir eine gemeinsame Probe mit Chor und Orgel – und ich muss ehrlich sagen, danach wusste ich, worauf es ankommt. Mit unseren drei hervorragenden Domorganisten sind wir zudem in der Chorbegleitung bestens aufgestellt.
DOMRADIO.DE: Um in einer Kathedrale Kirchenmusik zu machen, muss man nicht nur ein sehr guter Musiker sein, man muss auch den theologischen, kirchlichen Zusammenhang verstehen. Wie leicht ist es Ihnen gefallen, diese beiden Welten miteinander zu verbinden?
Niehues: Ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, war auf katholischen Schulen und kam durch die C-Kirchenmusiker-Ausbildung in jungen Jahren schon intensiv wissenschaftlich mit der Liturgie in Berührung. Dazu die vielen Gespräche mit den Geistlichen im Rahmen meiner vielen Dienste als Organist. Die ein oder andere gute Buchempfehlung und vor allem auch der sehr gute Liturgieunterricht im Studium haben diesen Horizont noch deutlich erweitert. So ist es für mich eine Selbstverständlichkeit geworden, diese beiden Welten zu verbinden.
DOMRADIO.DE: Wenn Sie sich auf so einen Gottesdienst vorbereiten, sagen wir mal, auf einen “Standard”-Gottesdienste an einem Sonntagmorgen - wie lange brauchen Sie dabei, um zu wissen, das könnte das richtige Programm sein?
Niehues: Manchmal geht es unglaublich schnell: Eine Textpassage aus der Leseordnung spricht mich an und mir ist sofort klar, welche Musik dazu passen könnte. Es gibt aber auch Sonntage, für die ich mehrere Stunden Recherchearbeit investieren muss, bis ich mit dem musikalischen Programm zufrieden bin.
DOMRADIO.DE: Und wie ist das an Ostern?
Niehues: Für den Gesang zur Kommunion in der Osternacht habe ich beispielsweise anderthalb Stunden überlegt und geforscht, bis ich ein Stück gefunden habe, das dramaturgisch, inhaltlich und stilistisch in das Gesamtkonzept passt. Auch für die begleitende Chormusik am Gründonnerstag habe ich lange gebraucht. Da die Orgel ab dem Gloria “schweigt”, müssen die Stücke hinsichtlich ihrer Dauer sehr genau abgestimmt sein.
DOMRADIO.DE: Wie frei sind Sie in der Auswahl der Musik?
Niehues: Kirchenjahr und die Leseordnung geben inhaltlich den Rahmen vor. In der musikalischen Ausgestaltung sind wir als Dommusiker aber völlig frei. Auf Wünsche gehen wir aber selbstverständlich sehr gerne ein.
DOMRADIO.DE: Inwieweit muss man an die Menschen denken, die als Gottesdienstbesucher in den Dom kommen?
Niehues: Mir ist wichtig, dass die Balance zwischen Zuhören und Mitsingen stimmt. Wenn zum Beispiel der Chor zur Gabenbereitung eine Motette singen, singt nach Möglichkeit die Gemeinde das Sanktus.
DOMRADIO.DE: Sie haben gesagt, dass Sie viele Lieder und Gesänge seit Ihrer Jugend schätzen. Man sieht dann, was Prägung mit einem musikalisch machen kann, oder?
Niehues: Ich bin fest davon überzeugt, dass uns Traditionen und Prägungen einen guten Halt im Leben geben können. Manche Musik gehört einfach zu Ostern, Weihnachten oder Pfingsten dazu und fördert die Vorfreude.
Ich freue mich aber immer, wenn neue Stücke dazukommen. Und wenn sie sich bewähren, können sie auch zu neuen Traditionen werden. In der Osternacht führen wir mit dem Kölner Domchor zum Beispiel “Ye choirs of New Jerusalem” von Charles Villiers Stanford auf. Ich habe das Gefühl, dass das auch eine Tradition am Kölner Dom werden könnte.
DOMRADIO.DE: Worauf kann man sich sonst noch in dieser Heiligen Woche musikalisch freuen? Worauf freuen Sie sich?
Niehues: An Gründonnerstag singen wir zum Beispiel mit dem Vokalensemble Kölner Dom. Neben zwei Messsätzen von Josef Gabriel Rheinberger werden wir als Offertorium von Morten Lauridsen das Werk "Ubi Caritas et Amor" singen. Zur Übertragung des Allerheiligsten gibt es dann von Anton Bruckner die Motette “Pange, lingua, gloriosi". Am Karfreitag erklingt die “Johannes-Passion” von Oliver Sperling und am Ostermontag eine Orchestermesse mit der Domkantorei.
DOMRADIO.DE: Die Osternacht im Dom ist schon an sich ein Erlebnis für alle, die dabei sind. Wie schauen Sie auf Ihre erste Kölner Osternacht?
Niehues: Ich hoffe, dass alle gleichermaßen ergriffen sein werden und sich darauf freuen, endlich wieder österliche, festliche Klänge anzustimmen. Dass dies auch in der Weite dieser großen Kathedrale gelingt, davon bin ich überzeugt – und ebenso, den Chor mit dieser Begeisterung anzustecken. Beim Gloria singen wir im Wechsel mit der Gemeinde; das braucht Energie, Strahlkraft und echte Freude – vor allem zu später Stunde.
DOMRADIO.DE: Inwiefern ist Ihre Arbeit, auch mit den jungen Menschen in den Chören, als Zukunftsprojekt für die Kirche wichtig?
Niehues: In der kirchlichen Chorarbeit (nicht nur) mit jungen Menschen liegt die große Chance, sie an die Kirche zu binden. Wir haben durch die Texte der geistlichen Musik und die kompositorische Tiefe der Kompositionen immer die Möglichkeit, eine theologische Dimension zu eröffnen. Durch das Singen ermöglichen wir ein unvergleichliches Gemeinschaftsgefühl. Das alles geschieht natürlich nicht von selbst.
Ein Beispiel aus der Karwoche bei uns in der Dommusik: Die täglichen Proben werden mit Morgen- oder Mittagsgebet eingerahmt. Zusätzlich begleiten uns thematische Einheiten. So geben wir unseren Sängerinnen und Sängern neben der geistlichen Musik positive Erfahrungen von Kirche mit, die sie im guten Sinne auf ihrem ganzen Lebensweg begleiten können.
Das Interview führte Matthias Friebe.
Tipp der Redaktion: Das komplette Gespräch wird in der Sendung "Musica" am Abend des Palmsonntags ab 18 Uhr mit Musikbeispielen ausgestrahlt.