Kölner Regens besorgt um Lage in Sri Lanka

"Verschiedene Fake News im Umlauf"

Nach Massenprotesten in Sri Lanka hat Präsident Gotabaya Rajapaksa in der Nacht das Land verlassen. An der Not und den Ängsten der Menschen ändere das aber nicht viel, sagt Regamy Thillainathan, dessen Familie aus Sri Lanka stammt.

 (dpa)

DOMRADIO.DE: Sie sind in Deutschland aufgewachsen, haben aber Wurzeln in Sri Lanka und gute Verbindungen in das Land. Mit welchen Gefühlen haben Sie am Wochenende die Bilder verfolgt, als der Präsident aus seinem Palast vertrieben wurde?

Pfarrer Regamy Thillainathan (Erzbistum Köln)

Pfarrer Regamy Thillainathan (Regens des Priesterseminars im Erzbistum Köln): Schon seit einigen Tagen hatte sich die dramatische Lage abgezeichnet. Es begann ja mit den kilometerlangen Schlangen vor Tankstellen, das verhieß schon einmal nichts Gutes. Aber dann, als es klarer wurde, dass die Preise für Medikamente und Lebensmittel so in die Höhe schießen, war die Unruhe vorprogrammiert. Lebensmittel sind bis zu 80 Prozent teurer!

Die Entwicklung hatte sich aber auch schon in den letzten Jahren abgezeichnet. Diese schwere Wirtschaftskrise hat mit inneren und äußeren Einflüssen zu tun. Einerseits ist der Präsident seit zwei Jahrzehnten mit seiner Familie an der Macht in verschiedenen Funktionen. Und es war ja eine unglückliche Allianz, dass der Premierminister sein Bruder war und ein weiterer Bruder auch noch Wirtschaftsminister. Das heißt, alle Macht in einer Familie vereint. Und diese Familie, das hat sich in den letzten Wochen noch mal besonders gezeigt, als immer mehr Dinge aufgedeckt wurden, war zutiefst korrupt.

DOMRADIO.DE: In welchem Kontakt stehen Sie jetzt zu den Leuten vor Ort? Was sagen die über die aktuelle Situation?

Thillainathan: Die Schwierigkeit vor Ort ist, dass die Informationen sehr spärlich vermittelt werden innerhalb des Landes. Es sind ganz verschiedene Fake News und diverse Verschwörungsgeschichten im Umlauf. Das führt dazu, dass die Stimmung weiter angeheizt wird. Die Erfahrung der Bürgerinnen und Bürger von Sri Lanka ist, dass ihnen ganz viel versprochen und zugesagt, aber nie eingelöst wurde.

Regamy Thillainathan

"Die katholische Kirche kümmert sich um die, die am Rande stehen, und – und das ist eher selten für Sri Lanka – stellt sich politisch klar auf."

DOMRADIO.DE: Was sind jetzt aktuell die größten Ängste bei den Leuten in Sri Lanka?

Thillainathan: Es war ja schon in den vergangenen Jahren spürbar, dass die Corona-Pandemie Sri Lanka besonders erwischt hat, nicht nur, was Gesundheit und Ärzteversorgung angeht. Man darf nicht unterschätzen, dass diese Insel hauptsächlich von Tourismus lebt. Und die Pandemie hat einfach die Deviseneinnahmen einbrechen lassen von heute auf morgen. Das Fass zum Überlaufen gebracht hat nun die globale Teuerung, die wir alle erleben, allerdings weniger dramatisch als die Menschen in den Schwellenländern. Diese globalen Teuerungen, ausgelöst durch den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, haben jetzt dazu geführt, dass diese Insel nicht mehr zahlungsfähig ist. Wenn man bedenkt, dass Sri Lanka umgerechnet 50 Milliarden Euro Auslandsschulden hat, dann kann man sich vorstellen, dass diese aktuelle wirtschaftliche Lage den Menschen nicht nur Angst macht, sondern auch vor Existenzängste stellt.

DOMRADIO.DE: Wie positioniert sich denn die katholische Kirche in dieser Krise?

Thillainathan: Das waren sehr klare und vor allem sehr beeindruckende Worte, die der Vorsitzende der Bischofskonferenz schon vor einigen Wochen gesprochen hat. Er ist einerseits ein um Frieden bemühter und versöhnliche Töne anschlagender Mensch. Aber er hat sich schon sehr klar gegen die Politik aufgestellt und gesagt, dass Menschen am Rande der Gesellschaft, die Armen, jetzt nicht abgehängt werden dürften. Andererseits hat er auch die Politik gebeten, da sich ihrer Verantwortung noch einmal bewusst zu werden. Ich glaube, es war auch ganz klar in Richtung der Regierung gerichtet und vor allem gegen die Korruption.

Er hat aber auch an verschiedenen Stellen ausländische Investoren und vor allem Hilfswerke um Hilfe gebeten, gerade was Lebensmittel- und Medikamentenimporte angeht. Da versucht die katholische Kirche sich also einerseits um die zu kümmern, die am Rande stehen, andererseits – und das ist eher selten für Sri Lanka – sich auch noch mal politisch klar aufzustellen.

Das Interview führte Florian Helbig.

Sri Lankas Präsident setzt sich auf die Malediven ab

Sri Lankas faktisch entmachteter Präsident Gotabaya Rajapaksa hat den Krisenstaat in der Nacht zu Mittwoch per Flugzeug verlassen. Eine Militärmaschine mit Rajapaksa und seiner Ehefrau an Bord landete am frühen Morgen auf dem Hauptstadtflughafen der Malediven in Male, wie die dortigen Behörden bestätigten. Der 73-Jährige war zuletzt zur Zielscheibe von Massenprotesten in seinem Land geworden, wo Demonstranten seinen Rücktritt und den des Premierministers Ranil Wickremesinghe forderten.

Gotabaya Rajapaksa / © Eranga Jayawardena (dpa)
Gotabaya Rajapaksa / © Eranga Jayawardena ( dpa )

Sri Lanka: Demonstranten halten Residenz des Präsidenten besetzt

Auf Sri Lanka besetzen Hunderte Protestierende und Schaulustige weiter die offiziellen Residenzen des Präsidenten und des Premierministers sowie das Präsidentenbüro. Die Stimmung dort ist örtlichen Journalisten zufolge gut: Seit Samstag genießen die Besetzer den Swimmingpool, den Fitnessraum und andere Annehmlichkeiten der Häuser. Ganze Familien essen dort mitgebrachtes Essen und singen zusammen, wie unter anderem auf Livestreams aus den Gebäuden zu sehen ist.

 (dpa)
Quelle:
DR