Kölner Bestatter erklärt Hintergründe der Queen-Bestattung

Im Bleisarg unterwegs

Seit dem Tod von Königin Elizabeth II. ist ihre sterbliche Hülle fast ununterbrochen unterwegs. Damit das Protokoll so ablaufen kann, braucht es Experten. Der Kölner Bestatter Christoph Kuckelkorn hat schon Kardinal Meisner bestattet.

Nach dem Tod von Königin Elizabeth II. / © Gregorio Borgia/AP Pool (dpa)
Nach dem Tod von Königin Elizabeth II. / © Gregorio Borgia/AP Pool ( dpa )

DOMRADIO.DE: Ist denn die Queen wirklich in diesem Sarg drin, er ist ja immer zu. Er könnte ja auch einfach leer sein, während Elizabeth dann woanders aufgebahrt wird, oder?

Christoph Kuckelkorn / © Henning Kaiser (dpa)
Christoph Kuckelkorn / © Henning Kaiser ( dpa )

Christoph Kuckelkorn (Kölner Bestatter): Es wäre fatal, wenn es so wäre. Und das würde auch herauskommen. Das wäre ja eine große Farce. Nein, hier ist tatsächlich ein Protokoll, was abgearbeitet wird, was aus dem Mittelalter kommt, wo ja gewisse Abfolgen vorprogrammiert sind. Dieses Protokoll für ihren Sterbefall gab es quasi schon nach dem Tag ihrer Krönung. Das wird dann immer jährlich mindestens einmal aktualisiert und angeglichen. Und jetzt läuft da eine Maschinerie ab, die im Prinzip schon die ganze Zeit auf Standby stand. Und das ist einerseits sehr beruhigend, wenn man weiß, solche Abläufe sind vorgedacht, zumal sie sehr komplex sind. Zum anderen ist es auch manchmal ein bisschen gespenstisch, wenn man weiß, da ist schon alles vorbereitet in der Schublade.

DOMRADIO.DE: Was braucht es denn, damit das alles so funktioniert, wie es jetzt funktioniert? Was glauben Sie, was mit dem Körper geschehen ist?

Kuckelkorn: Es ist in der Regel so, dass der Körper von Verstorbenen gerade in angelsächsischen Bereichen präpariert wird, einbalsamiert wird. Das heißt, es ist ein Verfahren, in dem in einem Dialyseverfahren, so kann man das vielleicht beschreiben, eine Konservierungslösung in den Körper gebracht wird, sodass der Körper für eine längere Zeit haltbar wird. Und bei ihr ist es ja zusätzlich noch dazu vorgesehen, dass der Körper in einen Bleisarg kommt, der luftdicht verschlossen ist, sodass auch da der Verwesungsprozess möglichst lang hinausgezögert wird. Und mit diesem Bleisarg reist sie jetzt und deswegen kann man sie auch im Moment nicht mehr offen aufbahren, weil der Sarg eben geschlossen ist und in dem Bleisarg wird sie auch beigesetzt, genau wie Verstorbene ja in allen anderen Grüften auch hier in Deutschland auch üblicherweise beigesetzt werden.

DOMRADIO.DE: Üblich bedeutet also: Luftdicht verschlossen und gekühlt?

Kuckelkorn: Gekühlt, bestimmt im Transport. Davon gehe ich mal aus, ist aber nach der Einbalsamierung auch gar nicht mehr so erforderlich, weil der Körper sich für sechs bis acht Wochen überhaupt gar nicht verändert. Das ist das Ziel dieser Behandlung und insofern braucht man die Kühlung dann unterwegs auch eigentlich nicht mehr.

DOMRADIO.DE: Das ist ja jetzt, wenn jemand Prominentes ablebt, wirklich etwas anderes, als wenn ein ebenfalls geliebter Mensch stirbt, dem aber nicht Zehntausende Lebewohl sagen möchten. Sie waren jetzt schon für die Verabschiedung von Alfred Biolek und Joachim Kardinal Meisner zuständig, um nur mal zwei große Namen zu nennen. Was ist denn da anders?

Nach dem Tod von Königin Elizabeth II. / © Ben Stansall/PA Wire (dpa)
Nach dem Tod von Königin Elizabeth II. / © Ben Stansall/PA Wire ( dpa )

Kuckelkorn: Ich glaube, die große Herausforderung ist, dass es in der Familie, im engen Freundeskreis Menschen gibt, die genauso trauern wie bei jedem anderen Sterbefall. Und es gibt daneben einen ganz großen Kreis von Menschen, die weiter außen stehen und denen man Trauer erst mal so gar nicht zumutet. Aber die Öffentlichkeit trauert. Und wenn Menschen im öffentlichen Leben stehen, hat Öffentlichkeit vielleicht auch ein gewisses Recht zu trauern. Und deswegen ist es an der Aufgabe des Bestatters zu vermitteln zwischen den Wünschen der Angehörigen, die meistens so aussehen, dass man das ganz klein halten möchte, und den Wünschen der Öffentlichkeit, die gerne daran teilhaben möchte. Und da muss man immer so ein bisschen Ventile schaffen. Ich versuche immer, einen Ausgleich zu finden, dass es geschützte Bereiche gibt für eine Familie, wo sie ganz für sich alleine ist, dass dann aber genauso gut Zugeständnisse gemacht werden müssen für eine öffentliche Trauer.

DOMRADIO.DE: Sie haben jetzt schon dieses Protokoll erwähnt, da ist also alles wirklich bis ins Detail geplant. Ist das denn starr? Ist das einmal geschrieben und dann bleibt das so?

Kuckelkorn: Eigentlich ist es im Grunde genommen starr. Es wird natürlich immer angepasst. Wenn die prominente Person unterwegs ist, muss es ja immer wieder angeglichen werden, wie die Prozesse dann laufen würden, wenn unterwegs etwas passieren würde. Natürlich ändern sich auch verschiedene Gegebenheiten. Protokolle spielen auch eine Rolle beim Tod eines Kardinals oder eines kirchlichen Würdenträgers, bei einem Tod eines Pfarrers oder bei einem Tod eines Politikers. Das ist ja alles nebeneinander zu sehen. Und da gibt es schon feste Abläufe, die im Hintergrund geplant sind und die eben auch dann festgelegt sind und die abgearbeitet werden.

DOMRADIO.DE: Joachim Kardinal Meisner ist im Sommer 2017 verstorben und lag einige Tage dann auch offen aufgebahrt in Sankt Gereon. Viele Menschen sind damals gekommen, um sich zu verabschieden und noch mal einen Blick auf den ehemaligen Erzbischof von Köln zu werfen. War das damals denn ein schwieriges Unterfangen für Sie als zuständigen Bestatter?

Nach dem Tod von Königin Elizabeth II. / © Kirsty Wigglesworth/AP (dpa)
Nach dem Tod von Königin Elizabeth II. / © Kirsty Wigglesworth/AP ( dpa )

Kuckelkorn: Ja, ich glaube, so eine lange Phase von fünf Tagen einer offenen Aufbahrung hat man ja eher selten. Dass es eine offene Aufbahrung wie damals bei Willy Millowitsch gibt, die im engeren Rahmen stattfinden, kannten wir auch. Das war mit diesem längeren Zeitraum eine gewisse Herausforderung. Aber auch da war die Vorbereitung so gut, dass das ohne Probleme ging und dass sich eben auch jeder, der wollte, noch verabschieden konnte. Und das ist, glaube ich, doch das extrem Wichtige, dass Menschen eben auch die Möglichkeit haben, an einen offenen Sarg zu treten und damit auch die Realität von Tod so ein bisschen anders erfahren. Das aus den Nachrichten zu erfahren ist das eine, aber am geöffneten Sarg stehen zu können, das ist etwas anderes. Das schafft noch mal eine besondere Verbindung. Und für viele Menschen, für die der Verstorbene dann auch ganz wichtig war und im Leben begleitet hat, war das eben auch total wichtig, noch mal zu kommen. Da sind ja auch viele Menschen von weither auch extra angereist, um diesen Moment zu haben und damit hat alles dann auch seine Rechtfertigung.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist ja bei der Queen das noch mal anders. Der Sarg ist geschlossen, haben Sie auch gesagt. Was denken Sie denn? Wer entscheidet das, ob der jetzt offen oder geschlossen bleibt?

Kuckelkorn: Ich kann mir vorstellen, dass das tatsächlich etwas ganz historisch altes ist. Denn früher fuhr man den verstorbenen König dann mit der Kutsche hin und her. Das hat eine ganze Zeit gedauert, bis man dann die ganzen Orte abgefahren hatte. Und ich glaube, dass der Sarg da verschlossen war. Unter damaligen Verhältnissen wahrscheinlich genau richtig. Heute hätte man andere Möglichkeiten, aber das ist eben auch dieses starre Protokoll, was dann so etwas vorschreibt. Vielleicht wird sich das irgendwann mal ändern. Muss man mal sehen. Aber das fußt noch auf der der ganz alten Zeit, als man mit der Pferdekutsche die Särge transportiert hat.

Das Interview führte Elena Hong.

 

Quelle:
DR